Vielseitiges Unikat, schlecht zu greifen

Gespräche und Texte erhellen das Phänomen Steffen Schleiermacher


(nmz) -
Wer Steffen Schleiermacher zu kennen meint, dürfte bei diesem Buch wieder und wieder ins Staunen geraten. Jede Menge Überraschungen tun sich auf, während man die 225 dichtbedruckten Seiten studiert, die ihm näherkommen, ihn beschreiben wollen, den – ja was? – Musiker und Musikvermittler, Komponisten, Pianisten und Dirigenten, Arrangeur, Inspirator und Improvisator, den staubtrockenen Scherzbold und das feuchtfröhliche Unterhaltungsgenie.
Ein Artikel von Michael Ernst

Und auch wer noch nie etwas von Steffen Schleiermacher gehört haben sollte und dessen Namen allenfalls auf den schlesischen Theologen Friedrich Schleiermacher münzt (zu dem es in der Tat familiäre Bande gibt), wird sich bei und nach der Lektüre ungemein bereichert fühlen. Denn er lernt nicht weniger als ein Unikat kennen – ein derart vielseitiges Unikat, wie es wohl nur wenige gibt. In Gesprächen mit dem Herausgeber Olaf Wilhelmer, der als Musikredakteur bei Deutschlandfunk Kultur tätig ist, werden die breiten Facetten des 1960 in Halle/Saale geborenen Allrounders deutlich. Dass diese lesenswerte Textsammlung, in der man immer auch mal vor- und gern wieder zurückblättern mag, just im Umfeld des 60. Geburtstags erschien, macht zugleich deutlich, dass der Porträtierte je eine Lebenshälfte im geteilten und eine im – dem Buchstaben nach – wiedervereinigten Lande verbracht hat. Dennoch darf Schleiermacher ohne Übertreibung als Kosmopolit bezeichnet werden, denn als neugieriger Forscher und Entdecker – auch als bekennender Flaneur – bereist er die Welt (nicht nur die der Musik) und konnte dieser Lust bereits frönen, als die meisten seiner Landsleute von Visafreiheit noch nicht mal zu träumen gewagt haben.

Einer der großen Glücksfälle von Steffen Schleiermacher ist der Dirigent und seinerzeitige Gewandhauskapellmeister Kurt Masur gewesen. Die Aufnahmeprüfung im Fach Dirigieren habe er „vermutlich eher als Kuriosum denn als potentieller Dirigent“ bestanden. Daraus erwuchs eine enge Verbindung, Masur als Uraufführungsdirigent früher Schleiermacher-Kompositionen, der Komponist als Leiter und Inspirator der Leipziger Reihe Neue Musik bis heute.

Wer je eines der von Steffen Schleiermacher moderierten Konzerte erlebt hat (er rede über Musik, meint er, um nicht so viel Klavier spielen zu müssen), wird diese rar gewordene Verbindung von freudvoller Wissensvermittlung und gelehriger Unterhaltsamkeit nie mehr vergessen. Der „Avantgartainer“ erinnert wohltuend an solche persönlichen Begegnungen und führt vertiefend darüber hinaus. Ob es die zehn Gespräche zwischen Schleiermacher und Wilhelmer sind, ob die ausgewählten Notate, Erinnerungen, Glossen oder Essays des Porträtierten – stets vermengt sich Kenntnisreichtum mit trockener Ironie, werden Vorbilder und Zeitgenossen anschaulich dargestellt, ohne kniefällig auf hohe Podeste gebannt zu werden. Schleiermacher hat die seltene Gabe, launig zu plaudern und Pointen zu setzen, ohne sich selbst zu erheben oder den Gegenstand seiner Darstellungen je zu brüskieren.

Geradezu huldvoll schreibt er über Erik Satie, eine wohlverdiente Ehrenrettung lässt er Hanns Eisler zukommen und John Cage schickt er gar eine Grußbotschaft zum 100. Geburtstag gen Himmel, was aus seinen Fingern geradezu ein Muss ist, denn schließlich haben die auch das pianistische Gesamtwerk des Meisters mustergültig eingespielt.

Von anderen Vorlieben und Werdegängen erfahren wir in den sehr lebendig wirkenden Dialogen mit dem Herausgeber. Dass sich Schleiermacher ursprünglich der Rockmusik verschrieben hatte, was er an Pierre Boulez schätzt, wie er die (zu Unrecht fast vergessenen) Avantgardisten à la Mossolow und Saderatzki nachträglich zu ihrem Recht kommen ließ… Zwangsläufig tun sich bei solchen Themen auch politische Fragen auf, die stets mit klarer Haltung und deutlicher Distanz zum Machtbetrieb beantwortet werden.

Steffen Schleiermacher gilt also – der Buchtitel legt es nahe – als Avantgardist wie als Entertainer. Beides trifft zu und ist doch noch längst nicht die ganze Antwort auf diesen unermüdlich wirkenden Menschen mit seinem langen Haar, der inzwischen ein Weltreisender geworden ist, wovon zahlreiche der vielen Abbildungen im Buch künden. Neugierig ist er geblieben naturgemäß auf Musik sowie auch auf die Bildende Kunst, fasziniert von den Möglichkeiten der Sprache (ein eigener Text „Bei Liesa sei lieb!“ widmet sich Palindromen), offen ist er für die schillernde, so fragil gewordene Welt, und hungrig aufs Leben in all seiner Vielfalt.

  • Steffen Schleiermacher. Der Avantgartainer. Texte und Gespräche, hrsg. v. Olaf Wilhelmer, Verlag Klaus-Jürgen Kamprad, Altenburg 2020, 224 S., Abb., € 34,90, ISBN 978-3-95755-654-7

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