Vinyl aus physischer Distanz

Jazz-Neuheiten, vorgestellt von Hans-Dieter Grünefeld


(nmz) -
Bei eingeschränkten, um nicht zu sagen eingeschlossenen sozialen Kontakten senden Vinyl-Projekte Signale der Erinnerung an bessere Zeiten und sind Zeichen trotzigen Widerstands. Zum Vorteil für Interessierte und Fans, denn atmosphärisch hat Vinyl doch einen eigenen Charme.
Ein Artikel von Hans-Dieter Grünefeld

Die großen Cover bieten mehr Platz für sodann lesefreundliche Informationen, gerade wenn jemand wie der Saxophonist und Komponist Klaus Doldinger seine „First 50 Years Of Passport“ feiern kann. Zur Doppel-LP-Party hat er hörenswerte Kompagnons ehemaliger und aktueller Besetzungen seiner JazzRockRevue parat: Insbesondere ist auf die Schlagzeuger zu achten, so Willy Ketzer, der nicht nur dem Kult-„Tatort“-Thema pfiffigen Drive gibt, sondern auch der Nummer „Loco-Motive“; Udo Lindenberg trommelt die „Uranus“-Muster elegant aus, Curt Cress „Jadoo“, Dave Crigger die „Allegory“ und Christian Lettner kümmert sich kompetent um „Seven To Four“. Eine feine Anthologie, Gratulation. (Warner)

Eher kontemplativ widmet sich Max Clouth dem Wunsch, den der Titel „Lucifer Drowning In A Sea Of Light“ suggeriert, indem seine akustischen Gitarren-Improvisationen indischen Stils mit flackernder Modular-Synthi-Perkussion von Kabuki und reibenden Cello-Sounds von Sophie-Justine Herr konfrontiert werden. Ein Choral-Dialog zwischen Gitarre und Cello könnte „Swan and Lotus“ repräsentieren, während der Zyklus von „Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang“ ein langatmiger Monolog durch die Tageszeiten ist. Solcher Seelen-Cantus, wenn man ihm zugeneigt ist, führt zur Ataraxie. (Neuklang)

Dagegen schürt „Die Umelieder-Kollektion“ des Schweizer Multi-Instrumentalisten und Komponisten Ruedi Häusermann wortlos den Gedanken an Dada-Jazz. Zwar beginnt der Rat „Seien Sie nicht gekränkt über folgende Erläuterung“ wie eine Lied-Paraphrase, aber daraus entsteht frei-assoziativ durch Ruedi Häusermann an der Querflöte, Marco Käppeli am Schlagzeug und fragmentiertem Walking-Bass von Claude Meier eine kafkaeske Atmosphäre, unbehaglich. Ein Gefühl, das „Unsere Sorgen möchten wir haben“ in Marionetten-Musik mit Glockenspiel und Klarinette zur Marsch-Caprice wird. Sanft und doch stachelig präsentiert dieses ungewöhnliche Trio ein konsequent nonkonformistisches Programm subversiver Klanglyrik. (Rabbithillrecords)

Poesie bevorzugt auch Isfar Sarabski aus Aserbaidschan. Allerdings hat er bei seinem Doppel-LP-Debüt nicht einzelne Situationen, sondern gleich einen „Planet“ im Visier. Als ob es ein romantisches „Déjà vu“ gäbe, dessen aufgerippeltes Motiv schützend von einer Streicher-Sektion bedeckt und bei der Ballade „Limping Stranger“ impressionistisch mit Bassist Alan Hampton und Schlagzeuger Mark Guiliana koloriert wird. Sehnsucht durchweht diese Musik, in der Klavier-Solo-Version des LP-Titels mit viel Hall und Folk­lore gesprenkelt, dann per Trio durch ein pulsierendes Ostinato plus Violinen-Schub geschickt. Eine Rettung globaler Miseren verspricht Isfar Sarabski nicht, doch immerhin möchte er aus physischer Distanz emotionale Nähe zu unmittelbarer Umgebung bewirken. (Warner)

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