Vom Aufstand zur Wahl des Präsidenten

Meilensteine in 50 Jahren Verbandsgeschichte


(nmz) -
Der Verband Bayerischer Sing- und Musikschulen e. V. (VBSM) beging im vergangenen Jahr sein 50-jähriges Jubiläum: Bereits ein halbes Jahrhundert war es her, dass Vertreter von Singschulen und Musikschulen am 7. März 1970 in der Musikhochschule in München zusammenkamen und den Verband gründeten. Sie legten damit den Grundstein für die Entwicklung des bayerischen Sing- und Musikschulwesens als „Fundament der bayerischen Musikkultur“, wie es Staatsminister Bernd Sibler, MdL, in seiner Festrede auf dem Bayerischen Musikschultag 2020 formulierte. Aus diesem Anlass hat der VBSM im Jubiläumsjahr eine Chronik zur Verbandsgeschichte herausgegeben. Auf mehr als 200 Seiten schildert Vorstandsmitglied Burkard Fleckenstein die Geschichte des VBSM mit allen Herausforderungen, Erfolgen, Rückschlägen und bahnbrechenden Entscheidungen, die den Verband zu dem gemacht haben, was er heute ist. In einer kurzen Serie wird in dieser und den folgenden Ausgaben aus jedem Jahrzehnt ein Meilenstein der Verbandsgeschichte vorgestellt. Den Auftakt macht ein Mitgliederaufstand im Jahr 1976, der den Anstoß gab, das Amt des Präsidenten einzuführen.
Ein Artikel von VBSM

Sinkende Produktivität und saisonbereinigt steigende Arbeitslosenzahlen führten Mitte der siebziger Jahre zu einem Steuerausfall in Milliardenhöhe. Besonders hart betroffen von dieser Entwicklung waren die Städte und Gemeinden, die sich wachsenden Ausgaben bei konstanten oder gar real rückläufigen Einnahmen gegenübersahen. Der Bayerische Städteverband erarbeitete daraufhin Einsparmöglichkeiten, um das Problem der Kos­tenexplosion für Dienstleistungen in den Griff zu bekommen.

Für den Bereich der Sing- und Musikschulen lauteten die Empfehlungen: „Der Breitenarbeit in der musikalischen Früherziehung sollte wieder Vorrang gegeben werden durch Beschränkung des Einzelunterrichts, Bildung größerer Unterrichtsgruppen und Beschränkung des Instrumentalunterrichts auf die Hauptmusikinstrumente.“ Spitzenbegabungen und Sonderwünsche sollten demnach an Privatmusiklehrer oder spezielle Ausbildungsstätten verwiesen werden. Diese Forderungen führten zu großer Verärgerung unter den Mitgliedsschulen des VBSM, die sich in der Jahreshauptversammlung am 22. Mai 1976 entlud. Sie warfen dem Vorstand Untätigkeit vor und kritisierten eine unzulängliche staatliche Förderung. Sie forderten einen harten Interessenverband, der in der Lage ist, einen eigenen Haushaltstitel und ein Musikschulgesetz durchzusetzen.

Durch die harsche Kritik der Mitglieder herausgefordert, kam der Vorstand zu dem Schluss, dass es dem Verband an politischer Durchsetzungsfähigkeit fehle. Ende 1976 beschloss er deshalb, das Amt des Präsidenten einzuführen. Die dafür erforderliche Satzungsänderung wurde auf der Jahreshauptversammlung in Schweinfurt am 30. April 1977 beschlossen. Der entscheidende Passus lautet: „Zum Präsidenten soll eine qualifizierte und interessierte Persönlichkeit des öffentlichen Lebens gewählt werden. Der Präsident soll sich insbesondere im politischen und öffentlichen Bereich um die Absicherung und Fortentwicklung des Sing- und Musikschulwesens bemühen und im Einvernehmen mit dem übrigen Vorstand den Landesverband im öffentlichen Leben vertreten.“ Die Mitgliederversammlung wählte den Kemptener Oberbürgermeister, Dr. Josef Höß, zum ersten Präsidenten des VBSM. Dieser beschreibt die ers­ten Monate im neuen Amt als arbeitsintensiv, aber sehr erfolgreich: „Die politische Arbeit begann rasant. Wir suchten sofort Kontakt mit zuständigen Landtagsabgeordneten und einschlägigen Landtagsausschüssen. Überall begegnete uns überraschtes Interesse an der neuen Aktivität unseres Verbandes, fast so, als hätte man dessen bisheriges stilles Wirken als erstaunlich und bedauerlich wahrgenommen.“ Unter anderem erhielten die Verantwortlichen eine Einladung zu einem Gespräch mit Herrn Minis­terpräsidenten Dr. Alfons Goppel, der dem Anliegen, die Sing- und Musikschulen in Bayern im weiten politischen Raum bewusster wahrzunehmen und zu unterstützen, aufrichtiges Interesse entgegenbrachte. Die politischen Aktivitäten zahlten sich aus: Als erstes äußeres Zeichen dafür stieg der Staatszuschuss 1978 von 0,528 auf 1,95 Millionen D-Mark. Der staatliche Finanzierungsanteil entwickelte sich damit von 2,8 im Jahr 1977 auf 8,5 Prozent im Folgejahr. „So hatten wir also bereits in den ersten Monaten nach der Neuordnung von Schweinfurt in der Politik und der breiten Öffentlichkeit beträchtlich Boden gewonnen. Wir haben den Verband aus seiner Anonymität und seiner nicht gerechtfertigten Bescheidenheit geholt und ihn in das Licht der politischen Öffentlichkeit und der öffentlichen Wahrnehmung gestellt. Wir haben für unsere Schulen in den folgenden Jahren eine stabile, sich ständig – wenn auch langsam – verbessernde Finanzausstattung erreicht“, so Dr. Josef Höß. Über seine insgesamt 15-jährige Amtszeit sagt der erste Präsident des VBSM rückwirkend: „Ich selbst bin von Herzen dankbar, dass ich bei all dem mitwirken konnte und durfte. Es war eine ehrenvolle Aufgabe für mich. Die Mitarbeit im VBSM zähle ich zu den befriedigendsten Tätigkeitsfeldern in meinem beruflichen Leben.“

Neugierig geworden?

Weitere Informationen zur Verbandsgeschichte sowie das vollständige Interview mit Dr. Josef Höß finden Sie in der Chronik zum 50-jährigen Verbandsjubiläum.  Diese ist gegen einen Selbstkostenbeitrag von 10 Euro in der Geschäftsstelle des VBSM (info@musikschulen-bayern.de) erhältlich.

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