Vom Leben nach dem Livestream

Kunstuniversität Graz


(nmz) -
Nach mehr als einem Jahr Pandemie freuen wir uns alle, wenn endlich wieder mehr Begegnung stattfinden kann, mehr Kontakt, mehr Leben – oder auf den Bereich von Musik- und Kunstuniversitäten gemünzt: mehr Unterricht, mehr Proben, mehr Musik, mehr Kunst in Präsenz. Zugleich aber stellt sich bald schon die Frage, was alles, aus der Zeit der Gesundheitskrise Wert ist, es mitzunehmen, vielleicht sogar zu vertiefen. Home-Office und Video­konferenzen haben die Schreibtischtäterinnen und -täter dieser Welt zweifellos geplagt, zugleich aber wurden Skills und Werkzeuge entwickelt, die sehr viel öfter nützlich sein können, als wir „vor Corona“ auf sie zugriffen. Die Pandemiezeit hat der Digitalisierung einen Schubs gegeben – und das hat auch gute Seiten. Wie aber sieht es mit Errungenschaften aus diesem Bereich an einer Kunstuniversität aus?

Vom Distance-Learning zum virtuelle Proberaum

Die erste Herausforderung für Lehre im Lockdown präsentierte sich die Übersetzung des Unterrichts in digitale Formate. Besonders groß war sie im künstlerischen Bereich. Eine Cello-Stunde via ZOOM? Wie soll das funktionieren? Lehrende, die bislang Musikausbildung als Menschenbildung und musikalische Begegnung lebten, fanden sich vor dem Laptop und in einer äußerst unbefriedigenden Situation wider. Und haben reagiert. „Einerseits unterrichte ich im Video Chat live“, schreibt eine Cello-Professorin der KUG“, andererseits senden mir Studierende, weil es bessere Ton-Qualität bietet, ihre Übe-Videos und erhalten dazu taktgenaue Anmerkungen und Anweisungen. Daneben gibt es einen cloud-Pool, in den ich für meine Studierenden selbst eingespielte Etüden und Übungsstücke geladen habe sowie diverse Konzertaufzeichnungen.“ Gar nicht zufrieden mit diesen Möglichkeiten waren die Ensemblemitglieder des Klangforum Wien, die an der KUG im Kollektiv eine Professur für Performance Practice in Contemporary Music (kurz PPCM) innehaben. Gelehrt und gelernt wird direkt aus der Praxis heraus, Probenarbeit ist Studium. Genau das aber ist mit herkömmlicher Software online nicht umzusetzen. Wie an dieser Stelle bereits berichtet, wurde für diese Anforderung im Institut für elektronische Musik und Akustik (IEM) der KUG ein virtueller Proberaum entwickelt: KUG-Forscher Winfried Ritsch konzipierte eine maßgeschneiderte Lösung, die  den Teilnehmenden ermöglicht, mit einfacher Ausrüstung von zu Hause aus einen virtuellen Proberaum zu betreten. Dieser Proberaum bietet eine gemeinsam erlebte virtuelle Akustik, parallel kann über Video auch auf visueller Ebene Konferenz-Software benutzt werden. Musikalisches Zusammenspiel in einem solcherart maßgeschneiderten virtuellen Proberaum kann konzentrierte Konzertvorbereitung in Präsenz nicht ersetzen – aber es kann als Ergänzung gedacht – etwa für internationale Ensembles - auch nach der Pandemie Gold wert sein.

Live-Streaming?

Künstlerische Lehre ist an einer Universität für Musik und darstellende Kunst eng mit künstlerischer Produktion und dem entsprechenden Veranstaltungsbetrieb verknüpft. Mit mehreren gut etablierten Abonnements und rund 1.300 Einzelveranstaltungen ist die Kunstuniversität Graz einer der größten Kulturveranstalter der Steiermark. Um den Studierenden weiter diese so essenzielle „Bühne“ bieten zu können, musste die KUG einen umfangreichen Streaming-Betrieb aufsetzen. Symposien und Diskursveranstaltungen waren rasch und erfolgreich in digitale Formate übersetzt. Performative Produktionen wurden in Filmprojekte verwandelt. Inzwischen finden auch sämtliche öffentlichen Prüfungskonzerte als Livestream statt – und geben den überwiegend nicht in Österreich lebenden Verwandten der Prüflinge unverhofft die Möglichkeit, dabei zu sein.

Als Livestream angeboten wird nun das gesamte KUG-Abo-Programm. In wenigen Monaten wurde die KUG-Bühnentechnik zu einem Video-Team, das sich mit Leidenschaft der hohen Kunst der Liveübertragung stellt. Vermittlungs- und Einführungsformate werden filmisch vorproduziert, zu szenischen Produktionen  gibt es Online-Programmbücher, die wie kleine Websites funktionieren und ein ungeahnt lebendiges Bild vermitteln: Das Publikum klickt sich durch Text- und Bildbeiträge, verfolgt Videointerviews oder -einführungen und taucht in die Produktion ein. Eine Auswahl der so entstandenen Videoformate kann in einem eigens eingerichteten Audio/Video-Bereich der KUG-Website abgerufen werden.

Wo bleibt da das informelle Drumherum?

Eine der ganz großen Lücken in der digitalen Substitution von Kulturveranstaltungen durch Livestream-Angebote sind die Begegnungen, Gespräche vor und nach dem Konzert, das Zusammenstehen, das Plaudern. Auch hier hat die KUG versucht, eine Lösung zu finden. So wird nach jedem digitalen Abo-Abend eine After-Concert-Lounge geöffnet, die im Format einer Videokonferenz die Möglichkeit zum moderierten Austausch untereinander und mit künstlerisch Beteiligten bietet.

Ersetzen können all diese Bemühungen das „echte“ Liveerlebnis keinesfalls. Das sollen und wollen sie auch gar nicht. Doch die Verknüpfung von Erlebnissen in Präsenz mit digitalen Features schafft neben neuen Öffentlichkeiten auch eine neue Vermittlungsqualität. Und die wird bleiben – jedenfalls an der KUG.

www.kug.ac.at

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