Vom lesbaren zum schönen Partiturbild

Elaine Goulds Handbuch des Notensatzes begeistert auch in der deutschen Übertragung


(nmz) -
Der Blick in einen beliebigen Notenstapel einer Musikalienhandlung lässt in der Regel berechtigte Zweifel aufkommen, dass es so etwas wie Richtlinien für den Notensatz gibt. Eine „amtliche Rechtschreibung“ existiert in der Musik nicht, was unter anderem in der Vielzahl unterschiedlicher Notenschriften, Schreibtraditionen und häufig auch Gewohnheiten begründet ist, die sich nur bedingt in einem Regelwerk zusammenfassen lassen. Dennoch wurde und wird immer wieder der Versuch unternommen, Regeln für die Notation von Musik aufzustellen, zusammenzufassen, zu verallgemeinern und schriftlich festzuhalten. Vor allem seit der Mitte des 20. Jahrhunderts existiert eine ständige Beschäftigung mit dieser Problematik. Lehrbücher, etwa von Praktikern wie den österreichischen Notenstechern Karl Hader und Herbert Chlapik, setzen sich ausführlich mit den verschiedensten Problemen des Notensatzes auseinander und bieten für zahlreiche Aufgaben konkrete Lösungsansätze.
Ein Artikel von Fabian Weber

2011 erschien mit „Behind Bars“ der britischen Notensetzerin Elaine Gould das bisher wohl umfangreichste und hinsichtlich der Bandbreite ausführlichste Nachschlagewerk zum Thema Musiknotation, das Ende 2014 bei Edition Peters nun auch in einer deutschen Fassung unter dem Titel „Hals über Kopf“ aufgelegt wurde. Erfreulicherweise handelt es sich dabei nicht um eine reine Übersetzung aus dem Englischen, sondern vielmehr um eine gekonnte Übertragung des Originals, die trotz der Fülle der behandelten Einzelaspekte auch auf „deutsche“ Notensatztraditionen eingeht und diese gezielt benennt. (Beispielsweise die hierzulande in der Vokalmusik traditionelle Verwendung getrennter Fähnchen für jede Silbe und von Balken bei Silben über mehrere Töne.) Die Bandbreite der behandelten Themen reicht vom allgemeinen Notensatz über spezielle Notationsformen für Bläser, Schlagzeug, Gitarre, Gesang et cetera bis hin zur Einrichtung von Partituren und Notenmaterial, auch elektroakustischer Musik.

Die Autorin versteht es meisterhaft, eine schier unüberschaubare Zahl von Regeln übersichtlich und anhand anschaulicher Beispiele leicht nachvollziehbar darzustellen. Hin und wieder stößt aber auch sie an natürliche Grenzen, wenn unter anderem beim Kapitel zur Vokalmusik nicht jede allerkleinste Detailfrage geklärt werden kann. Hier greift jedoch die handwerkliche Regel, dass es bei entsprechender Begründung immer Abweichungen von gängigen Konventionen oder eigene Lösungen geben kann und muss, um sinnvolle Ergebnisse zu erzielen. Auf hoch spezielle Themen wie Quadratnotensatz oder ähnliche Sondernotationen einzugehen, würde den Rahmen des Buches ebenfalls sprengen und wäre für den „Standardnutzer“ auch unnötiger Ballast.

Eine Anmerkung noch zum Untertitel: Im Gegensatz zum englischen „The definitive guide to music notation“ bleibt „Das Handbuch des Notensatzes“ in der Wortwahl wohltuend neutral. Die Regeln des Notensatzes basieren auf Traditionen, die sich im Laufe der Zeit entwickelt haben und auch in Zukunft weiterentwickeln werden. „Definitve“ macht – zumindest auf den deutschen Leser – einen „endgültigen“ Eindruck, den sich Simon Rattle in seinem Vorwort (und vermutlich auch der Verlag) zumindest für eine gewisse Zeit wünschen mag, der aber nicht dem Wesen dieser „Regeln“ entspricht. Zur modernen Notenkultur hat in erster Linie die Entwicklung zahlreicher Notensatzprogramme aller Preisklassen beigetragen. Leicht in der Bedienung, groß im Funktionsumfang und mit optimalen Ergebnissen in kürzester Zeit – auch für Anfänger. Allem Können der Technik zum Trotz ist es jedoch vom „lesbaren“ zum „schönen“ Notensatz noch einmal ein deutlicher Schritt. Genau hier setzt auch Elaine Gould mit ihrem „wonderful monster volume“ (so Simon Rattle in seinem Vorwort) an, wenn sie darauf hinweist, dass auch im Computerzeitalter handwerkliche Regeln nicht außer Acht gelassen werden dürfen – wie es bereits Chlapik vor rund 25 Jahren angemerkt hatte: „Der Computer kann die rein handwerkliche Arbeit weitgehend automatisieren, nicht aber die gestalterische.“

„Hals über Kopf“ ist ein Nachschlagewerk, das bei jedem professionellen Notensetzer, aber auch bei ambitionierten Laien und vor allem in zahlreichen Verlagen ständig auf dem Arbeitsplatz liegen und nicht im Regal versauern sollte. Es wäre besonders im Hinblick auf den eingangs erwähnten Notenstapel wünschenswert, wenn Editionen eben nicht „Hals über Kopf“ produziert werden, sodass man sich den Notensetzer „Behind Bars“ („hinter schwedische Gardinen“) wünscht. Von daher: ein unbedingt empfehlenswertes Buch.

  • Elaine Gould: Hals über Kopf. Das Handbuch des Notensatzes, dt. Fassung v. Arne Muus und Jens Berger, Edition Peters, Frankfurt a.M./Faber Music, London 2014, 676 S., € 89,00, ISBN: 978-1-84367-048-3
      
Beschriebene Rezensionsobjekte: 

Hals über Kopf. Das Handbuch des Notensatzes

  • Elaine Gould:
  • Edition Peters, Frankfurt a.M./Faber Music, London
  • 676 S.
  • ISBN 978-1-84367-048-3
  • 89,00 Euro
  • Dt. Fassung v. Arne Muus und Jens Berger

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