Vom Üben-Müssen zum Spielen-Wollen

Andrea Kumpe legt eine materialreiche Orgelschule in sechs Bänden vor


(nmz) -
Der methodische Weg dieser Instrumentalschule geht von der grenzenlosen Fantasie zum zielgeraden Übe-Ergebnis, vom individuellen Geschmack zum Stilempfinden. Die Autorin Andrea Kumpe hat die wissenschaftlichen Erkenntnisse ihrer Dissertation „Orgelunterricht für Jugendliche und junge Erwachsene: Entwicklung eines integrativen instrumentalpädagogischen Lernansatzes“ in diese Orgelschule eingearbeitet. „Die innovative Orgelschule“ quillt geradezu über vor Material, hat Kumpe es sich vorgenommen, die Bereiche „Literaturspiel – Improvisation – Liedbegleitung und Komposition von Anfang an!“ zu bedienen.
Ein Artikel von Annette Herr

Die umfassenden Kenntnisse der Autorin sowohl der Orgelmusik als auch der bisherigen Unterrichtswerke und Fachliteratur zu allen Bereichen erlauben ihr, fast 1.500 Seiten anzubieten. Das aufwändig mit hochwertigem Papier, Ringbindung und zusätzlichem Außenkarton produzierte Werk (Serienpreis für 6 Bände 298,00 €, Einzelbände zu 3 x 62,70 € / 2 x 67,70 € / 1 x 47,50 €) soll den Kauf weiterer Notenhefte während der Ausbildung erübrigen.

Der 1. Band der Orgelschule eröffnet verschiedene Einstiege je nach den Klavier-Vorkenntnissen der Schüler*innen. Vereinfachte Fassungen zu den ersten Stücken finden sich im 5. Band (Anhang: Notenband), Registriervorschläge für alle Stücke des 1. bis 4. Bandes im 6. Band (sog. Textanhang). Manche Themen kehren vertiefend wieder, andere lassen sich in selbstgewählter Reihenfolge miteinander vernetzen (vor allem im 3. Band). Die Vielfalt der Orgelmusik und ihrer Interpretation wird geschichtlich und regional (z.B. „Mendelssohns Reise durch Europa“ im 4. Band) differenziert vermittelt. Kumpe hebt den Schatz historischer Orgelschulen (von C. P. E. Bach über Knecht, Rinck und Merkel bis zu Herzog und Parkhurst). Deren Pedalübungen sind aktuell didaktisch ebenso wertvoll wie die Spielstücke vom Kleinod eines leichten Einzeilers bis zum längeren Vortragsstück auf gehobenem Niveau (3. bis 5. Band – leider oft ohne geeignete Blätterstellen). Mehrere inhaltliche Kapitel – nicht nur im 6. Band: Messiaen, Spanische Orgelmusik und ähnliche Themen – weisen lehrreich über die nebenamtliche Kirchenmusik-C-Prüfung hinaus auf das hauptberufliche B-Studium.

Claudia Waßner, die als Komponistin an der Schule mitgewirkt hat, stellt am Anfang Kompositionen zur Verfügung, die jenseits strenger Stilistik die Fantasie anregen wollen. Sie ermöglichen, eigene Vorlieben herauszufinden und die Orgel, an der man spielt, kennenzulernen. Da werden Register ausprobiert, hohe und tiefe Lagen, Handverteilung, Manualverteilung und Artikulation.  Und schon wird aus dem Experimentieren das Improvisieren: Kumpe wendet die gängigen Improvisations­ideen und -formen (Fugato, Chaconne u.a.) beispielhaft an. Die Improvisationen entstehen aus der Analyse von Originalstücken oder Choralharmonien oder sie führen darauf hin.

Statt allzu häufiger Wiederholung exakt desselben zu reproduzierenden Notentextes, statt ermüdender Monotonie technischer Übungen, die nur allzu rasch zu einem Lernplateau und darüber hinaus zu einem Abfall der Qualität führt, zu muskulären Verspannungen und anderen Problemen, ist das „kreative Lernen“ ein anregender Spaziergang auf einer duftenden Blumenwiese. Improvisation und Literatur verschmelzen miteinander zum integrativen Übe-Erlebnis für alle Sinne. Aus dem Üben-Müssen wird das lustvolle Spielen-Wollen mit dem musikalischen Material – mit Rhythmen, Motiven, Klangfarben, Imagination und Emotion. Dahinter steht die Grundidee des selbständigen Erarbeitens oder anders gesagt: Die Schüler*innen entwickeln sich, die Lehrperson lenkt die Aufmerksamkeit.

Das Lehrwerk bietet Hintergrundinformationen und Impulse zu Anschlag, Haltung, Interpretation, Rezeption et cetera, nicht zuletzt auch viele historische Zitate zum Stöbern. Für das spätere Nachschlagen sind im 6. Band die 94 geistlichen – nebst einigen weltlichen – Melodien alphabetisch gelistet, die Nummern sowohl des katholischen wie des evangelischen Gesangbuches ergänzen diese Tabelle sinnvoll. Hilfreich wäre darüber hinaus ein alphabetisches Schlagwortverzeichnis gewesen, um Stücke und Aufgabenstellungen nach Titeln und Komponisten beziehungsweise nach musikalischen Formen oder Fachbegriffen wiederzufinden. Leere Tabellen zum Ausfüllen und Notenzeilen für Improvisations-Notizen oder eigene Kompositionen verbreitern hingegen das sowieso schon umfangreiche Werk unnötig.

Damit ist das Ende der pädagogischen Vision von Andrea Kumpe noch nicht erreicht: Sie bietet über die Druckfassung hinaus eine interaktive Webseite an. Schüler*innen, die mindestens einen Band der Orgelschule erworben haben, dürfen hier – gegebenenfalls mit Einverständnis ihrer Eltern – Aufnahmen einstellen: Choräle, Improvisationen und Literatur als Video oder Audio, selbst recherchierte Informationen über Komponisten und Orgeln, Anekdoten… Diese Idee habe sie schon länger verfolgt, sagt Kumpe, aber durch ihre Erfahrungen während des Corona-bedingten Fernunterrichtes sehe sie sich darin bestätigt: „Die Schülerinnen und Schüler haben besonders gut geübt, bevor sie mir ein Video oder Audio zugeschickt haben.“ Die geplante Vernetzung solcher Beispiele, Informationen und gegenseitigen Rückmeldungen („Likes“) steht freilich mit dem Erscheinen der „Innovativen Orgelschule“ erst am Anfang.

Die Unesco-Kommission hat Orgelbau und Orgelmusik im Jahr 2017 als „Immaterielles Kulturerbe der Menschheit“ anerkannt. Der Deutsche Musik­rat hat die Orgel als „Instrument des Jahres 2021“ ausgerufen. Und die Gründung eines Netzwerkes für Kirchenmusikvermittlung steht unmittelbar bevor: Es gibt diverse Ideen und Initiativen, auf dass die Orgel zahlreiche neue Fans gewinne. Man wünscht der Autorin, dass sie vielen Lehrkräften das Wesen des integrativen Unterrichtens und dem Orgelnachwuchs die Begeisterung für die „Königin der Instrumente“ nachhaltig zu vermitteln vermag.

  • Andrea Kumpe: Die innovative Orgelschule. Orgellernen kreativ. Literaturspiel – Improvisation – Liedbegleitung und Komposition von Anfang an! www.orgelschule.com
      

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