Von Chicago über Stuttgart nach Paris

Der Komponist Swan Hennessy in einer grundlegenden Biografie


(nmz) -
Axel Klein. Bird of Time. The Music of Swan Hennessy, Schott, Mainz u.a. 2019, 576 S., Hardcover € 39,99, Broschur € 33,99, ISBN 978-3-95983-593-0
Ein Artikel von Christoph Schlüren

Wäre nicht Axel Klein, der beschlagenste Kenner der relativ jungen irischen Musikgeschichte, so würden mit höchster Wahrscheinlichkeit weitere Jahrzehnte ins Land ziehen, ohne dass die Musikwelt von dem Debussy-Zeitgenossen Swan Hennessy (1866–1929) Kenntnis nähme, geschweige denn mehr als Rudimentäres über ihn in Erfahrung brächte: Ein in Chicago aufgewachsener, irischstämmiger US-amerikanischer Komponist, der in Stutt­gart studiert, in London nicht wirklich heimisch wird, über Italien schließlich in Paris landet und sich der Vereinigung bretonischer Komponisten anschließt, um das, was sozusagen vom keltischen Musikerbe die Zeiten überdauert hat, als Pionier in gaelisch-irisch inspirierte Kompositionen zu integrieren. Das ist eine ungewöhnliche Lebensgeschichte, und mit Axel Klein hat sich ihrer in langjähriger Kleinarbeit ein unermüdlicher Forschergeist angenommen, der in absoluter Offenheit auch die weißen Flecken auf der biographischen Landkarte klar definiert und überall darauf achtet, sowohl künftige Rechercheure zur Ergänzung seines erstaunlich reich bestückten Puzzles einzuladen als auch die Fragen, die gestellt werden müssen, niemals wider tatsächliches Unwissen zu beantworten.

Doch sei nicht nur die unzweifelhafte Seriosität und der klare Aufbau des in englischer Sprache erschienenen Buchs ‚Bird of Time – The Music of Swan Hennessy‘ hervorgehoben, sondern auch die Breite der Recherche insgesamt: Klein kennt nicht nur seinen Hennessy, sondern bemüht sich auch, eine möglichst gründliche Darstellung der Umgebung, mithin insbesondere der Personen, die in Hennessys Leben eine Rolle spielten, zu liefern. So erfahren wir Hochinteressantes über die englischsprachige Kompositionsklasse des Stuttgarter Konservatoriums und den legendären Lehrer Percy Goetschius, einen von den USA nach Deutschland ausgewanderten Musikgelehrten, der als Theoretiker eine gewisse bleibende Bedeutung erlangte. Und in Paris begegnen wir mit Hennessys jüngerem, ihm freundschaftlich verbundenem Kollegen Georges Migot, der 1929 auch die Grabrede hielt, einem der faszinierendsten französischen Komponisten einer Epoche, die von Debussysmus und Les Six dominiert wurde. Über Migot kommen wir gar indirekt mit dem zeitweilig in Paris sesshaften englischen Genie John Foulds in Kontakt. Oder wir begegnen, anlässlich einer Uraufführung durch die später von den Nazis geächtete Pianis­tin Ella Jonas-Stockhausen, im März 1913 in Berlin dem bedeutenden Komponisten Heinz Tiessen, der später zu einem der Hauptvertreter des Berliner Expressionismus aufsteigen sollte – will sagen: Allein die Querverweise wären schon die Lektüre wert.

Axel Klein bespricht das gesamte Schaffen Swan Hennessys, das bis zu seinem durch eine bedauerliche Komplikation bei einer Routineoperation eingetretenen Tod reicht. Hennessy war ein feinsinniger Meister der Miniatur, der ausschließlich für kleine Besetzungen schrieb. Es gibt keine Orchestermusik von ihm, wozu ihn auch nicht der Austausch mit den großen bretonischen Meistern wie Guy Ropartz oder Paul Le Flem anzuregen vermochte. Seine Musik ist von melodiös gefälliger Einfachheit gekennzeichnet und beansprucht in ihrer geradezu bewusst anmutenden Naivität eine Sonderstellung innerhalb der französischen Szene der Epoche. Auch teilt Klein haarklein die dezidierten Urteile Hennessys über stilistische Fragen und Kollegen mit, und auf keinen anderen reagierte Hennessy so allergisch wie auf Arnold Schönberg – kein Wunder, der ästhetische und handwerkliche Gegensatz könnte auch größer kaum sein. Von den knapp 600 Seiten dieser grundlegenden Monographie entfallen 142 auf das eminent gründliche, systematisch gegliederte Register. Besser kann man ein solches Buch nicht gestalten. Parallel ist bei RTE Lyric FM in Irland eine CD mit den gesammelten Werken für Streichquartett, vom RTÉ Contempo Quartet mit Schwung und vertieftem Bezug zu den irischen Wurzeln gespielt, erschienen. Und die musikalische Landkarte ist mit einem Mal um eine pittoreske Persönlichkeit reicher.

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