Von der Promishow zum Ansporn für die Kultur

Hildegart Eichholz, Kommunikatorin des Ernst von Siemens Musikpreises, blickt auf ihre Arbeit zurück


(nmz) -
Wenn einer lange dabei ist bei etwas, das etwas Besonderes ist, dann ist es besonders wenig leicht, nicht mehr dazu zu gehören, zum Besonderen. In solch einer Situation ist Hildegart Eichholz aktuell. Sie war sechzehn Jahre inmitten von all den Entscheidungsfindungssitzungen und Strategiekonferenzen und Qualitätssicherungsmeetings, inmitten von Bedenkenträgern und Fortschrittsgläubigen, zwischen Lobbyisten und Verfechtern der reinen Wahrheit. Kurz: Ohne sie ging nichts beim „Ernst von Siemens Musikpreis“.
Ein Artikel von Wolf Loeckle

Jetzt hat sie kein Büro mehr in der Zentrale eines Weltkonzerns am Münchner Wittelsbacherplatz. Jetzt steuert sie ihr Leben als ein ganz besonderes aus der opulenten Bibliothek am südlichen Münchener Stadtrand mit Blick aufs Isartal und in vollem Naturkontakt. Und da fühlt sie sich gut motiviert, ihrem Leben erneut eine neue Wendung zu geben. Denn das hat sie ja mehr als einmal so gemacht. Gut eineinhalb Jahrzehnte lang war sie also „Lady Siemens Musikpreis“. Ohne sie und ohne an ihr vorbei ging gefühlte schiere Ewigkeiten lang rein gar nichts. 1994 wurde sie von Heinz Friedrich geholt, ehemals Chef des „Deutschen Taschenbuchverlags“ und Präsident der „Bayerischen Akademie der Schönen Künste“ sowie Vorsitzender des Stiftungsrats der „Ernst von Siemens Musikstiftung“, mit dem sie in eben diesem Verlag bis dahin schon zwanzig Jahre lang „wunderbar zusammengearbeitet“ hatte. Er holte sie zur Stiftung, „weil die so ein wenig vor sich hin moserte“.

Der Gründer hatte so gar kein Interesse an flirrender Öffentlichkeit, der war scheu und zurückhaltend und zelebrierte „seine Geschichten“ eher in den fast privaten Nebenräumlichkeiten der Akademie. Die PR-erfahrene Hilde-gart Eichholz sollte das nun ändern und einer größeren Öffentlichkeit berichten aus dem Innersten der „Ernst von Siemens Musikstiftung“. Heinz Friedrich, der authentische Journalist und öffentlichkeitsoffene Verleger, wollte diese „kulturell wesentlichen Ereignisse nun aus dem Hinterstübchen heraus holen, aus dem allzu kleinen Sitzungssaal der Akademie“. Und die „dtv“-vertraute Hildegart Eichholz sollte das vollbringen: Im Kulturbetrieb hat sich ja eingeschliffen, in diesem Zusammenhang vom „Nobelpreis“ der Musik zu schwadronieren – der seinerseits ja nun auf andere Preisungen zielt.

Aber irgendwie vereinfacht das die Kommunikation für manchen Journalisten – obwohl der Name Siemens auch nicht ständig neu buchstabiert werden muss … Immerhin ist das ja der in all seiner Bandbreite so unendlich viele Facetten bedenkende höchstdotierte Musikpreis weltweit. Was denkt Hildegart Eichholz in diesem Zusammenhang? „Ich bin gar nicht glücklich darüber. Aber auch die Familie Siemens war ja am Anfang gar nicht glücklich. Aber irgendwie kam das von Friedrich selbst. Denn der Nobelpreis hat ja kein Segment für Musik. Das machte sich halt dann doch ganz gut und wurde von der Presse dann sehr dankbar übernommen. 1972 war Benjamin Britten der erste ‚Erste‘ Preisträger. Komponisten oder Interpreten sollten im Wechsel ausgezeichnet werden am Anfang, dann kam die Idee dazu, auch Musikwissenschaftler zu dekorieren. Von denen aber gab es nicht so viele angemessen bedeutende, so dass bisher nur Anfang der neunziger Jahre der große Haydn-Forscher H.C. Robbins Landon sowie 2001 der Harvard-Professor Reinhold Brinkmann geehrt wurden. Das sind die beiden einzigen Musikwissenschaftler bis jetzt.“

Im Lauf der Jahre entwickelte sich dieser Preis zu einem riesigen Kulturförderungsinstrument – und da wurden dann ja nicht mehr nur die riesigen Namen bedacht à la Karajan oder Boulez. Sondern den aktuellen Ideen, den neuen Gedanken, den ambitionierten Nachwuchsaktivitäten wurden die Honneurs gemacht. „Ja und da muss ich der Finanzverwaltung ein ganz großes Kompliment machen – wir sind ja eine Schweizer Stiftung –, dass die im Laufe der Jahre mit den vorhandenen privaten Geldern so gut gewirtschaftet haben, dass wir bis heute und gerade jetzt in der Krise mit die einzigen sind, die nicht etwa zurückgehen müssen. Nein, wir können über dieselbe Summe verfügen wie im vorigen Jahr. Großes Kompliment also an diese Finanzleute“, lobt Hildegart Eichholz. Und erinnert in diesem Zusammenhang noch an die „Ernst von Siemens Kunststiftung“ (auch im schweizerischen Zug) sowie an die „Karl Friedrich von Siemens (Wissenschafts) Stiftung“, die in einem der kleinen Kavaliershäuschen am Schlossrondell in München-Nymphenburg etabliert ist. Der Begriff „Lebenswerk“ sollte immer eine Rolle spielen – wobei der junge Gidon Kremer damals etwa sein eigentliches Lebenswerk noch vor sich hatte …

Aus der „Promishow“ wurde also im Lauf der Jahre auch ein global wirksames Kulturanspornungsinstrument. Seit geraumer Zeit gibt es Förderpreise für Nachwuchskomponistinnen und Nachwuchskomponisten, neben dem Hauptpreis glitzern mittlerweile bis zu siebzig Förderpreise. Musiker sind nicht immer einfach zu kommunizierende Personen mit all ihren Eitelkeiten und Karriereschüben, mit ihrer Besessenheit oder auch Weltfremde. Wie bleibt da eine „Lady Ernst von Siemens Musikpreis“ auf Kurs?

„Ach, so schwierig war es gar nicht. Die Freude überwog ja immer. Auch der Verwöhnteste, der Berühmteste freute sich dann doch, da dieser Preis ja in der ganzen Welt hochgeachtet ist. Es war für jeden eine ganz große Ehre diesen Preis zu bekommen, bis heute, und da überwog die Freude. Und diese Freude hielt an. Wichtig ist immer die Frage nach dem Laudator. Das wird alles im Vorfeld geklärt.“ In all solchen Jahren gibt es tiefgründige Abgründe – aber auch hochkarätiges Gipfelglück. Was bleibt von beiden Extremen im Gedächtnis?

„1997 bekam Helmut Lachenmann den Preis.Ich habe für ihn zahlreiche Interviewtermine im Münchner Hotel ,Vier Jahreszeiten‘ arrangiert. Das lief wunderbar. Im Vorfeld der Preisverleihung, die ja eine Art Politikum war – Lachenmann wollte erst nicht aus eben den politischen Gründen – musste ja auch geklärt werden, Lachenmann mit Krawatte oder ohne. Er kam dann mit weißem Schillerkragen, das war köstlich, kein Mensch störte sich daran. Aber das war ja erst am nächsten Tag. Nach all den Interviews, die anstrengend waren, saßen wir zu dritt in der Hotelhalle – mein Mann war auch noch dazu gekommen – und um es kurz zu machen, die beiden Männer haben sich an diesem Abend sozusagen gefunden und haben sich so gut verstanden die Hälfte der Nacht und darüber hinaus inmitten köstlichster Gespräche. Das war der wunderbare Beginn einer Männerfreundschaft, so dass ich meinte, ich könne ja jetzt nach Hause fahren. Ja. Das war wahrscheinlich das Schönste der ganzen Preisverleihung, das war persönlich sehr beglückend. Die negativste Erfahrung war die ganz aktuelle Geschichte mit Klaus Huber und all den Problemen rund um den Film, der ihm zu Ehren gedreht werden sollte und der nur unter allergrößten Schwierigkeiten realisiert werden konnte. Waren es nun Meinungsverschiedenheiten zwischen dem Regisseur Schmidt-Garre und dem Preisträger oder war es eine verschwundene Festplatte – da waren doch viele Rätselhaftigkeiten. Und das war für mich doch nicht so beglückend. Denn es war ja meine letzte Preisverleihung. Gut ist der Film dann allerdings doch noch geworden.“

Mittlerweile ist Hildegart Eichholz voll auf sich gestellt, ohne konzernzentriertes Büro mit aller erdenklichen Infrastruktur, ohne ihren Ehemann, der sie vor einiger Zeit verlassen hat. „Also, ich habe mir jetzt Laptop und Drucker gekauft und denke, da ich immer mit Sprache und Literatur zu tun hatte und mit Journalismus, dass ich schreibe, über Erfahrungen im Verlag, über den Erkenntnisgewinn im Musikbetrieb. Und da gibt es viel zu sagen.“

Angesichts der Kenntnisse und der Erkenntnisse, auf dem Fundament von Intelligenz und Intuition, über die Hildegart Eichholz verfügt, lässt sich nur wünschen, dass dieses Opus bald fertig ist.

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