Von der Theorie der Musikpraxen

Fachtagung „Improvisation & Jazz für Kinder in der Praxis“ auf der Musikfachmesse jazzahead! in Bremen


(nmz) -
Der Jazz hat ein Vermittlungsproblem. Das konstatierte 2016 ein Interessenverbund bestehend aus der Bremer Fachmesse jazzahead, den Vermittlungsspezialisten von Musikland Niedersachsen und baden-württembergischem Jazzverband sowie dem Kulturministerium. Man blieb nicht bei der Analyse stehen, sondern sann auf Abhilfe und initiierte gemeinsam das erste Symposium „Improvisation & Jazz für Kinder“ auf der jazzahead 2017. „Es ist an der Zeit, dass Jazzmusiker/-innen Kinder als Zielgruppe in Betracht ziehen“, lautete das Fazit des ersten Symposiums in Bremen. Bei der jüngsten Ausgabe der Fachmesse im April 2018 gab es die Fachtagung Nummer zwei unter dem Titel „Improvisation und Jazz für Kinder in der Praxis“. Allerdings ohne Baden-Württemberg, dort wurden nach der Landtagswahl und dem Wechsel von rot-grün auf grün-schwarz andere Kulturprioritäten gesetzt.
Ein Artikel von Andreas Kolb

Wann fängt Musikvermittlung an? Idealerweise so früh wie möglich, im Kindergarten, der Kindertagesstätte oder der Grundschule. In diesem Lebensalter ist die musikalische Identität noch bildbar, die Hörgewohnheiten sind noch offen und die jungen Hörer und Musiker noch nicht dem Zugriff jugendlicher Peergroups oder der Kulturindustrie ausgesetzt. Es ist aber nicht damit getan, dass der Jazz in den Curricula auftaucht. Da diese heute kompetenz­orientiert sind, geben sie den Lehrkräften bereits großen Gestaltungsspielraum. Die Frage ist, ob dieser Spielraum mangels Kompetenzen der Lehrer für Jazz und Improvisation überhaupt genutzt werden kann.

Hier will die bremisch-niedersächsische Initiative Lehrern und Erziehern Ideen und Best-Practice-Beispiele an die Hand geben. Im Kontext der Fachtagung fand ein zweitägiger Workshop mit der Musikvermittlerin Anne Kussmaul statt, dessen Ergebnisse bei einem Kinderkonzert am Eröffnungstag der Messe vorgestellt wurden. An gleicher Stelle präsentiert wurde die Arbeit von Eva Maria Köster und einer Grundschulklasse, bestehend aus 20 Kindern aus 15 Ländern. Ihre Präsentation war ein Paradebeispiel dafür, wie das spielerische Element des Jazz, die freie Improvisation gut als Methode für die Arbeit mit Kindern erschlossen werden kann.

Doch Freiheit kann auch Barriere sein: Die Freiheit, die der Jazz und die Improvisation versprechen, ist auch oft mit Ängsten bei den klassisch geschulten Musikern verbunden. Für Jazzmusiker und geübte Improvisatoren kann dagegen die pädagogische Arbeit im Klassenverband eine schwer zu meisternde Herausforderung darstellen. Die Ergebnisse des Workshops zeigten, wie weit man in zwei Tagen kommen kann, aber auch welche Kompetenzen nötig sind, um im Feld des Jazz erfolgreich zu vermitteln. Musikvermittlung wurde auf der Bremer Musikmesse nicht neu erfunden, mit Sicherheit erhielten die Teilnehmer wichtige Impulse für ihre zukünftige Arbeit.

Anne Kussmaul, bis 2014 noch am Geigenpult bei den Dortmunder Philharmonikern zuhause, begeistert seit 2015 als Freischaffende Große und Kleine für die Musik vor allem rund um Dortmund. Ihre Expertise umfasst aber auch Tätigkeiten an anderen gro-ßen Institutionen wie Elbphilharmonie Hamburg, Salzburger Festspiele und das Festspielhaus in Baden-Baden oder die Kölner Philharmonie. In Bremen hatte sie sich zur Aufgabe gemacht, ihr eigenes Repertoire um Jazziges zu erweitern und klassische Musikvermittlungsformate für den Jazz zu adaptieren.

Als weitere Dozentin brachte Ulrike Schwarz, Professorin für Musikpädagogik an der Grundschule an der Musikhochschule Frankfurt, die Perspektive der Grundschule in die Fachtagung ein. Im Spannungsfeld zwischen Musikvermittlung und Musikpädagogik zeigte sie mit ihren Best-Practice-Beispielen auf, dass man auch an der allgemeinbildenden Schule handlungsorientierten Musikunterricht mit Jazzinhalten machen kann. Jazzmusik bietet da durchaus mehr als „4 Töne“ an, um an den unfreiwillig komischen Jeki-Slogan „Eine Jahr mit 4 Tönen“ zu erinnern. Dass eine gute Theorie die beste Praxis ist, legte Ilka Siedenburg, Professorin für Musikpädagogik an der Universität Münster, in ihrem Vortrag dar. Mit ihrer Theorie der Praxen gelang es ihr, Strukturen in den Cultural Clash zwischen Grundschule und Jazzpraxis zu bringen.

Sie wies auf die Gefahren des praktischen Zirkels hin, wenn alle Beteilig-ten immer nun von Best-Practice zu Best-Practice denken. Nichts spräche gegen die gegenseitige Orientierung an erfolgreichen Projekten, doch zuallererst müsse man sich über die Rahmenbedingungen klar werden. Was bieten Jazzmusiker der Grundschulpädagogik? Sie sind gut ausgebildet, aber arbeiten meist freiberuflich zu anderen Uhrzeiten als die Schüler. In der Regel haben sie von Haus aus wenige Angebote für Kinder im Köcher.

Siedenburg klopfte die Potenziale aller Mitwirkenden für die Jazzpraxis ab: Grundschule, EMP, Instrumentalpädagogik, schulische Musikpädadagogik und Konzertpädagogik. Aus der Frage, „Was tun?“ entstand schnell ein kleiner Katalog: Aus- und Weiterbildung in der Jazzausbildung stärken, Materialien für Schule und KiGa entwickeln und Angebote für Grundschulen ausbauen. Und um die Best-Practice kam man wieder einmal nicht herum: Der Schlagzeuger und Dozent an der Musikschule Frankfurt am Main, Sascha Wild, stellte das Projekt „Jazz und Improvisierte Musik in die Schule“ vor. Seit sieben Jahren führt seine Musikschule gemeinsam mit der Stiftung Polytechnische Gesellschaft das Programm durch. Ziel ist es, den Jazz von den 60-Jährigen zu den 16-Jährigen zu bringen. Deshalb beginnt Wild bereits bei den 6-Jährigen damit, ihnen diese Musik vorzustellen.

Das Programm setzt sich aus drei Bausteinen zusammen, die in mehreren Modulen Angebote für Kinder, Jugendliche und Lehrer zur Verfügung stellen. Insgesamt hat die Musikschule Frankfurt mit diesem Modell fast 7.000 Schüler aktiv mit Jazz in Kontakt gebracht und arbeitet intensiv mit Frankfurter Schulen und den Akteuren der Jazzszene zusammen. Erfreulich, dass mit der UDJ ein neuer Partner fürs Projekt gewonnen werden konnte. Jazz für Kinder steht und fällt mit dem Interesse und den Kompetenzen der Jazz-Profis am Thema und an dem neu entstehenden Arbeitsmarkt. Die jazzahead scheint mit ihren Möglichkeiten genau der richtige Ort für Begegnungen zwischen dieser großen Musikströmung und den Musikvermittlern zu sein.
  

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