Vor 50 Jahren: Adornos kunstsoziologisches Vermächtnis

Rückblende 12-2019/1-2020


(nmz) -
Schlagworthafter Aphorismus – empirisch-soziologische Kunstbetrachtung?
Adorno liebte die Musik, Und von dort aus stieß er die Türe zu seinen den Künsten gewidmeten Betrachtungen auf, von denen es landläufig heißt, sie seien kunstsoziologischer Art. Ob dem so ist oder nicht, hat zu mancherlei Auseinandersetzungen und Diskussionen geführt, die weniger denjenigen geholfen haben, die durch ihre Argumente versuchten, das Nicht-Soziologische in seiner Auffassung nachzuweisen, als der kunstsoziologischen Reputation Adornos selbst.
Ein Artikel von Alphons Silbermann, Juan Martin Koch

Anstand verlangt es, daß man einen ohne Zweifel großen Geist dort aufgreift, wo er selbst sich placierte, und wie oft er als Kunstsoziologe, insbesondere aber als Musiksoziologe hervortrat, bezeugen seine diesbezüglichen Bücher und Essays. Von allen Künsten standen bei ihm Musik und Literatur im Vordergrund; bildende und darstellende Kunst fanden nur gelegentlich sein Interesse. Überdies aber widmete er sich auch in ausgiebiger Weise den Vermittlern der Kunst, seien dies Personen oder technische Mittler wie Rundfunk, Fernsehen und Schallplatte. […]

Schon von früh an, als er noch „reinen Geistes“ war und den Kulturbetrieb geißelte, zu dem er später mehr als ein anderer selbst beigetragen hat, indem er überall und zu allem ein Wort mitsprach, hinterließ er Fetzen, die keinen seiner zahlreichen Essays zu einem Schluß kommen ließen. Stets bleibt das letzte Wort, der letzte Satz in der Luft hängen – ein fataler Zustand, fatal für jedes Vermächtnis.

Auch dieses Verhängnis kann eine Erklärung finden, wenn wir einen Augenblick hinwegsehen von der rein sozialphilosophischen Lehre, die Adorno so nahelag, und uns dem kunstbeflissenen Adorno nähern. Des Rätsels Lösung – wenn von einem Rätsel überhaupt die Rede sein kann – drückte er mir gegenüber in einem privaten Gespräch einmal so aus: „Der Unterschied in bezug auf unsere verschiedenartigen Auffassungen einer Kunst- bzw. Musiksoziologie liegt dort geborgen, wo ich von der Komposition herkomme. Sie aber von der Interpretation.“ Und sieht man sich daraufhin jene moderne Musik an, die in der Nachfolge der Adornoschen Ideale, Berg und Schönberg, sein besonderes Interesse, seine Anerkennung und ihre Verteidigung gefunden haben, so ist es ihnen ihrer kompositionstechnischen Struktur entsprechend, allesamt eigentümlich, sich nicht zu einem letzten Wort, zum abschließenden Akkord aufzuschwingen. Selbst in der Luft oder, besser gesagt, in Raum und Zeit schwebend zu verbleiben, selbst noch immer ein weiteres Wort, einen weiteren Klang der Unverbindlichkeit hinzufügen zu können, ist der von Adorno so geliebten Musik Wiener Provenienz so zu eigen wie seinem Denken insgesamt.

Daß dies einem auf wenig sicherem Boden stehendem Rausch der Worte und dem leicht zum Schlagwort zu verunzierbarem Aphorismus neigendem Kunst-Skribententum näherliegt als eine empirisch-soziologische Kunstbetrachtung, die sich nur an die herbe Wirklichkeit halten kann und darf, ist neben vielem Guten der Schaden, den Adorno angerichtet und ihn an den Rand eines unentgeltlichen, funktionslosen kunstsoziologischen Denkens gebracht hat. Je uninteressanter ihm die Mitte des Gesellschaftlichen war, umso stärker verteidigte, ja kämpfte er für die Esoterik seines eigenen Ichs.

Alphons Silbermann, Neue Musikzeitung, XVIII. Jg., 1969, Nr. 6 (Dez./Jan.)

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