Vorsichtiger Optimismus ist erlaubt

Ein Bericht zur diesjährigen Midem/Midemnet in Cannes im Januar


(nmz) -

Es ging ein Raunen durch die Halle. Rund 30 Prozent weniger Besucher sollen sich in diesem Jahr bei der Branchenmesse Midem und dem Ergänzungsprogramm Midemnet in Cannes eingefunden haben. Die Auguren des Business prophezeiten vorsorglich den Niedergang des Industriezweiges, aber im Kern ging es um andere Dinge als die Misserfolgsprognosen für das laufende Jahr. Zwar ist die größte Musikhandelsmesse der Welt, die traditionell seit 1967 zu Beginn der Frühjahrssaison einen Ausblick auf die kommenden Monate gibt, eine Art Stimmungsbarometer der Branche. Doch sind die Trends schon lange nicht mehr so einheitlich, als dass man an den Zahlen der Statistiken tatsächlich normative Entwicklungen ablesen könnte.

Ein Artikel von Ralf Dombrowski

Es ging ein Raunen durch die Halle. Rund 30 Prozent weniger Besucher sollen sich in diesem Jahr bei der Branchenmesse Midem und dem Ergänzungsprogramm Midemnet in Cannes eingefunden haben. Die Auguren des Business prophezeiten vorsorglich den Niedergang des Industriezweiges, aber im Kern ging es um andere Dinge als die Misserfolgsprognosen für das laufende Jahr. Zwar ist die größte Musikhandelsmesse der Welt, die traditionell seit 1967 zu Beginn der Frühjahrssaison einen Ausblick auf die kommenden Monate gibt, eine Art Stimmungsbarometer der Branche. Doch sind die Trends schon lange nicht mehr so einheitlich, als dass man an den Zahlen der Statistiken tatsächlich normative Entwicklungen ablesen könnte. Immerhin, es kamen 1.932 Unternehmen aus 75 Länder, die an 327 Ständen 3.519 Teilnehmern aus 94 Ländern und mehreren hundert Journalisten die neuesten Entwicklungen präsentierten. Es wurden mehrere Dutzend Panels zu Fragen des globalen Urheberrechts, der Pirateriebekämpfung, aber auch zu Nischentrends und aktuellen Produkten wie den sich immer weiter in universelle Medienzentralen verwandelnden Mobiltelefonen abgehalten. Außerdem wurde wieder gefeiert, im Palais des Festivals und in Hotelsuiten, halbprivat auf Luxusyachten und offiziell bei Presseempfängen.

Trotzdem hatte sich im Vergleich zu den Vorjahren einiges verändert. So fehlten zum Beispiel spektakuläre technische Innovationen. Schwärmte man anno 2001 noch euphorisch von High-End-Entwicklungen wie der Super Audio-CD oder stellte sich rasant wachsende DVD-Märkte vor, so übte man sich diesmal in Zurückhaltung. Schließlich hatte die Realität gezeigt, dass sich Einnahmen unabhängig von Promotionkampagnen an unerwarteten Stellen machen lassen. Beispiel Klingeltöne. Im vergangenen Jahr boomte der Markt für bekannte Melodien aus dem Internet, mit denen identitätsbedürftige Teenager ihre Mobiltelefone füttern. Millionen von Einnahmen gingen den Verlegern bereits verloren, bevor sie sich effektiv daran wagten, die zuweilen halblegalen Downloads bekannter Poprefrains im Sinne ihrer Künstler zu reglementieren. Anderes Beispiel: das nationale Repertoire. Während sich in deutschen Vorstandsetagen die Produktmanager die Haare rauften, wie man der Rezession des vergangenen Herbstes begegnen sollte, präsentierten die Kollegen aus Frankreich ein stolzes Umsatzplus von 10,8 Prozent. Ihr Erfolgsrezept hängt mit der systematischen Pflege der nationalen künstlerischen Ressourcen zusammen. So stammen 60 Prozent aller 2001 in Frankreich verkauften Tonträger aus französischer Produktion. Im Unterschied zu den deutschen Rotstiftakrobaten wurden die Fördermittel für Künstlernachwuchs seit 1995 verzehnfacht und die Investitionen in bereits etablierte Künstler im selben Zeitraum verdoppelt. Da wunderte es kaum noch, dass die Konsumenten im Plattenladen lieber zu Alizée als zu Madonna griffen. Überhaupt waren mehrere Länder zu ähnlichen Einsichten gekommen und stellten sich im Unterschied zu den trägen und nationalverdrossenen Deutschen mit umfangreichen Programmen vor. Es gab Konzert- und Promoveranstaltungen von den Briten und Dänen, den Norwegern und den Koreanern, die mit viel versprechenden Pop-Künstlern wie The Bees, Briskerby oder auch klassischen Preisträgern wie Poul Ruders Zeichen setzten.
Der inoffizielle Schlüsselbegriff der diesjährigen Midem hieß daher „Artist- Development“. Die Branche entdeckt den Künstler und vor allem die Vertreter der großen Plattenfirmen mussten sich eingestehen, dass sie es in den 90er-Jahren versäumt hatten, jungen Musikern längerfristig eine Chance zu geben. Die Wegwerfmentalität der Produktverwalter, sich ausschließlich am unmittelbaren Hitparadenerfolg von Newcomern zu orientieren, hatte zu den zahlreichen Klonprojekten geführt, die sich ohne nachhaltige, zur Loyalität anhaltenden Identität zu Download-Files virtualisieren. Da das aber dem konsumfördernden Bedürfnis der Menschen nach Authentizität widerspricht, waren auf den Panels und in den Verhandlungsgesprächen nicht mehr Visionen gefragt, sondern konkrete Tatsachen und echte Künstler. So stellte sich heraus, dass die Krise der Musikwirtschaft vor allem die unflexiblen Großunternehmen betrifft. Kaum ein Nischenanbieter, etwa aus dem Jazz-, Welt-, Klassik- oder Esoterikbereich, hatte so ernsthafte Probleme, dass er mit langem Gesicht durch die Messehallen hätte wandeln müssen. Denn die Spezialisten sind es gewohnt, mit Künstlern und identifizierbaren Produkten umzugehen und sehen nun durchaus neue Chancen, sich neben den Umsatzriesen zu positionieren.

Vor diesem Hintergrund konnte sich auch die Klassik mit der Verleihung der Cannes Classical Awards stolz im neuen Ambiente des Konzertsaals „Auditorium Debussy“ präsentieren. Zum ersten Mal seit der Initiierung des Preises vor acht Jahren wurde das Publikum von Cannes zur Zeremonie zugelassen und für seine Geduld während der Übergabe der rund 30 Trophäen mit zwei sinfonischen Einlagen der Danish Radio Sinfonietta unter der Leitung von Rolf Gupta belohnt. Die Midem Classique demonstrierte Selbstbewusstsein und Unabhängigkeit, sowohl durch den großen Rahmen, als auch durch die Gewinner der Awards. Gabriel Piernés „Cydalise et le Chèvre-Pied“ (Tonträger des Jahres) oder Poul Ruders „The Handmaid’s Tale“ (Komponist des Jahres) werden durch die Ehrungen zwar nicht in die Hitparaden kommen. Aber sie stehen für das Credo der Branche, das letztlich über die Existenz der Musik entscheidet: Vergesst die Künstler nicht! Dann werden euch auch die Konsumenten nicht abhanden kommen!

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