War Paganini Linkshänder?

Gedanken über ein Tabu-Thema der Streicherpädagogik


(nmz) -

Während eines Konzertes mit Werken von Niccolo Paganini geriet ein linkshändiger Kollege ins Grübeln über die gehörten Stücke und stellte die oben genannte Vermutung an. Betrachtet man die Schwierigkeiten, die Paganinis Kompositionen der linken Hand des Geigers bereiten und setzt sie in Relation zu den eher mechanischen, quasi aus einer „Krampfbewegung“ resultierenden Aufstrichstaccati und Sautilléstrichen, so kann man zu dem Schluss kommen, dass Paganini in seinen eigenen Werken versucht hat, die klangmalerische Funktion des rechten Armes einzuschränken zugunsten einer Hexerei der Finger der linken Hand.


War Paganini Linkshänder und kannte die Schwierigkeiten des nicht dominanten Armes als Klanggestalter? Warum denkt man bis heute so wenig über die Schwierigkeiten nach, die ein linkshändiger Streicher mit seinem Instrument haben kann? Während linkshändige Gitarristen, wie Jimi Hendrix, schon seit einiger Zeit einfach die Saiten tauschen, ist dies in der Streicherpädagogik bis heute kein Thema. Der linkshändige und links streichende Geiger Martial Gauthier, Gründer des Castagneri- Quartetts und Professor an der „école nationale de musique“ in Créteil berichtete auf der 35. Internationalen ESTA-Konferenz in Cremona über Vorurteile und seine Erfahrungen mit Professoren, Juroren und Orchesterdirektoren.
Links, „gauche“, ist das Gegenteil von „droit“, rechts, das Wort „le droit“ ist synonym mit „Recht“, so wie auch im Deutschen „rechts“ mit „Recht“ und richtig ethymologisch eins ist. „Gauché“ hingegen bedeutet nicht nur linkshändig, sondern auch ungeschickt, ja sogar etwas durchgedreht und verrückt, im Deutschen nennt man einen Menschen linkisch und man kann einen anderen linken. Während also alles, was sprachlich mit der rechten Seite zu tun hat, positiv besetzt ist, ist die linke Seite negativ.

Gauthier listete seine Erfahrungen auf, angefangen bei seinem ersten Lehrer, der ihn mit umgespannten Saiten machen ließ, über seinen vergeblichen Versuch, unter Qualen und Schmerzen doch umzulernen, da ihm sonst ein Leben als Berufsmusiker verwehrt sei, bis zu seinen Erfahrungen in Wettbewerben, die er dann wider alle Ratschläge und Erwartungen bestreiten konnte und sogar gewann. Sein eigenes starkes Gefühl, dass es so „verkehrt herum“ für ihn recht und richtig sei, ließ ihn schließlich alle Widerstände überwinden. Sein Fazit nach allen Wettbewerben: Als „Linksgeiger“ bleibt man den Juroren im Gedächtnis, was oft ein Vorteil ist.

Allerdings, wo sind die Orchesterstellen für Linkshänder? Laut Untersuchungen sind 15 Prozent der Bevölkerung linkshändig, dennoch ist den meisten nicht bewusst, dass auch eine Geige „seitig“ gebaut ist. Die Pädagogen sind hier in der Verantwortung, abzuwägen und gemeinsam mit Schüler und Eltern eine Entscheidung zu treffen. Vielleicht verhindern sie eine Karriere, aber schaffen einen Menschen, der mit der Musik glücklich ist, vielleicht auch gerade das Gegenteil. Martial Gauthier hat bewiesen, dass sich Karriere und körperliche und seelische Zufriedenheit nicht ausschließen müssen, wenn links das Rechte ist.

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