Wegbereiter rhythmischer Komplexität

Klavierneuheiten von Hoch, Huber, Ruzicka, Skrjabin und Rautavaara


(nmz) -

Der 1937 geborene Peter Hoch ist durch seine langjährige erfolgreiche Tätigkeit als Dozent und zeitweise stellvertretender Direktor der Bundesakademie Trossingen weithin bekannt geworden und wird sehr geschätzt. Nach einem Studium bei Heinrich Konietzny in Saarbrücken sowie mehrfacher Teilnahme an den Darmstädter Ferienkursen hat er als Komponist gewirkt, für dessen Schaffen seine musikpädagogische Arbeit sehr wichtig war. Er schrieb eine große Anzahl von Kompositionen für Kinder und Jugendliche, um diese an Neue Musik heranzuführen.

Ein Artikel von Peter Roggenkamp

Seit 2005 ist der Hubert-Hoche-Verlag, Helmstadt, zu seinem Hauptverleger geworden. In dieser Edition sind bisher circa 20 Titel von Hoch erschienen, darunter sechs zwischen 1967 und 2004 entstandene Klavierwerke mit Dauern von 2 bis 13 Minuten: Klavierstück ’67 (1967), 9 Haiku (1988), Burla (1997), Kleine Klavierstücke (2003), Sternenflug (2003) und Henka (2004); Sternenflug ist mit einer Zuspiel-CD ausgestattet. Die Stücke sind ansprechend, weil sie erkennbar aus der Feder eines Fachmannes stammen, der sich mit Problemen des Instrumentalspiels auskennt und sich auch für Kinder und Jugendliche verständlich ausdrückt. Zudem erklärt er neue Notationsweisen und vermittelt Anregungen zum Improvisieren.

Happy birthday von ppp bis sfffz

Nicolaus A. Huber (1939) zieht als Titel für sein Heft „Pour les Enfants du paradis. Kurze Charakterstücke für Klavier Plus“ den berühmten Film von Marcel Carné – nach dem Drehbuch von Jacques Prévert – aus dem Jahr 1945 heran, der in Deutschland unter der Bezeichnung „Kinder des Olymp“ zu einem Kultfilm wurde. Hubers Komposition entstand 2003, wurde 2004 in Darmstadt durch einen 17-jährigen Jungen uraufgeführt und erschien in der Edition Breitkopf (EB 9166). Als Aufführungsdauer hat der Komponist elf Minuten angegeben. Für die kurzen, aus sehr unterschiedlichen Arten von Ton- beziehungsweise Geräuscherzeugung komprimierten Stücke, wird ein Flügel benötigt, dazu unter anderem ein Tisch und ein Metronom. Potenzielle Spieler/-innen sollten bereits Erfahrung im Umgang mit Effekten haben, die für Klavierspieler zumindest ungewöhnlich sind. Dazu gehört nicht nur die Aufgabe, den Beginn des Liedes „Happy Birthday to you“ im ppp zu spielen – „dünn und zart, wie die Stimme von Marilyn Monroe“; verlangt werden auch „Klavierdeckelschläge“ und „Schellentrommel im hinteren Teil des Flügels heftig auf Saiten schleudern (Fell unten)“. Am Schluss von Seite 8 steht die Anweisung „Zunge zwischen die Lippen, Geräusch wie ein Furz, sfffz“. Die drei Abteilungen des Heftes haben die Titel: 1.) Dripping, 2.) mit Metronom, Hand- und Zungengelenk, 3.) Erik Satie im Mund Robert Schumanns.

Den Stücken sind umfangreiche Anmerkungen zu den diversen Aktionen beigefügt; die Umsetzung derselben ist nicht einfach.

Virtuoses Beiwerk

Peter Ruzicka (1948) hat nach den beiden erfolgreichen Heften „Ausgeweidet die Zeit“ (1969) und „Sechs Préludes“ (1987) jetzt eine dritte Sammlung von Klavierstücken veröffentlicht: „PARERGON. Sechs Skizzen zu HÖLDERLIN für Klavier“. Das griechische Wort Parergon bedeutet Beiwerk, Anhang. Ruzickas neuer Zyklus erschien 2007 in der Edition Sikorski mit der Bezeichnung H.S. 8560. Im Vorwort schreibt der Komponist unter anderem: „Der sechsteilige Klavierzyklus PARERGON entstand parallel zur Arbeit an meinem Musiktheater HÖLDERLIN um die Jahreswende 2006/2007. … Es sind Klavierstücke, die in der Abfolge virtuoser Szenen und kontemplativer ,Zuständlichkeiten’ wie ,Impromptus’ wirken mögen. Sie gehen neben der Oper ihren durchaus eigenen Weg, als ein komponiertes Parergon.“ Alle Einzelheiten der eindrucksvollen Stücke sind genau notiert, einschließlich der Tempoangaben, die durch Metronomziffern fixiert sind. Schwierig ist vor allem die Wiedergabe rhythmischer Komplexität, wenn in dem durchsichtigen Satz zum Beispiel 3 gegen 4 gegen 5 Noten gleichzeitig und mit unterschiedlicher Artikulation gespielt werden sollen. Anspruchsvolle Spieler, die mit klanglichen, rhythmischen und auch virtuosen Finessen umgehen können, werden an den Stücken ihre Freude haben, – ihre Zuhörer ebenfalls.

Skrjabin melancholisch

Wegbereiter rhythmischer Komplexität im 20. Jahrhundert war der bedeutende russische Komponist Alexander Skrjabin (1872–1915), der selbst ein großer Pianist war und überwiegend für Klavier solo komponierte. Seine 10 Klaviersonaten zählen mit zu den wichtigsten ihrer Gattung. Nach den bereits früher veröffentlichten 24 Préludes op. 11, der Sonate Nr. 6 op. 62 sowie der Sonate Nr. 7 op. 64 erschien 2007 im G. Henle Verlag (HN 354) die Klaviersonate Nr. 8 op. 66 aus den Jahren 1912/1913.

Das großartige Stück besteht aus einem einzigen Satz (499 Takte) mit wechselnden Szenen, die aufeinander bezogen sind. Eine melancholische Grundstimmung ist vorherrschend, die Angabe „Tragique“ am Beginn des „Molto più vivo“-Teils (Takt 186) bezeichnend für das Werk. Die erweiterte Tonalität, die bis in Schönberg-Nähe führt, komplexe Rhythmik sowie polyrhythmische Elemente sind ebenso charakteristisch für Skrjabin. Die russische Musikwissenschaftlerin Valentina Rubcova hat den Notentext nach den vorliegenden Quellen erstellt, ein kurzes Vorwort und einen Revisionsbericht geschrieben. Michael Schneidt hat einen wohldosierten Fingersatz eingefügt, der dem Klaviersatz angemessen ist und Spielern Anregungen und Hilfe bietet. Mit Skrjabins 8. Klaviersonate hat der G. Henle Verlag eine Ausgabe vorgelegt, die in der Tradition seiner seit langem bekannten hohen Qualität steht.

Leidenschaftlich

Der 1928 geborene Einojuhani Rautavaara zählt zu den führenden finnischen Komponisten der Gegenwart. Nach einem Studium an der Sibelius-Akademie in Helsinki und an der Juilliard School in New York sowie privatem Unterricht bei Wladimir Vogel in Ascona machte er sich international einen Namen vor allem durch sein sinfonisches Werk, zu dem unter anderem acht Sinfonien und drei Klavierkonzerte gehören, und durch seine Opern. Von 1976 bis 1990 lehrte er in Helsinki als Professor für Komposition.

Rautavaara hat auch eine Reihe von Klavierstücken veröffentlicht, darunter zwei Sonaten. Seine jüngste, 2003 geschriebene, Schöpfung für das Instrument nennt er „Passionale“; der Konzertsatz ist bei Boosey & Hawkes 2007 (Ed.-Nr. 13779) erschienen. Er bildet ein sehr ansprechendes Virtuosenstück (Agitato): In gemäßigt moderner Sprache und in übergeordneter Zweistimmigkeit steht eine melodische Linie in einer Hand jeweils schnellem Laufwerk beziehungsweise zerlegten Mehrklängen in der anderen Hand gegenüber. Im ruhigen Mittelteil (Adagio dolente) gibt es ein Problem, weil die permanent auftretenden Dezimen in der linken Hand kaum ohne Arpeggio gespielt werden können. Die Dauer des Stücks beläuft sich auf etwa 4:30 Minuten.

„Passionale“ von Einojuhani Rautavaara ist ein von Leidenschaft erfülltes, eindrucksvolles Klavierstück, das Interesse für andere Werke des Komponisten erweckt.

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