Wenn der Mond aufgegangen ist über der Spree

Zur dritten Ausgabe des Festivals Chor@Berlin im Radialsystem V


(nmz) -
Schon zum dritten Mal richtete das Berliner Radialsystem V in diesem Jahr das Festival Chor@Berlin aus, das deutliche Anzeichen von Wachstum aufweist. Vor allem der Do-It-Yourself-Aspekt ist sehr gestärkt worden, wovon zahlreiche Mitsingaktionen und ein ausgeweitetes Workshop-Programm zeugen.
Ein Artikel von Katharina Granzin

„Bitte kommen Sie herein, meine Dame!“, lädt Stefan Rauh eine Spätkommerin noch in die Runde. „Welche Stimme singen Sie denn?“ – „Tenor“, sagt die Dame und stellt sich zu den Jungs. Für Momente schwebt eine höflich unterdrückte (schließlich kennt man sich nicht) Heiterkeit durch den Raum. Der Maestro lächelt milde. Hier und jetzt dürfen alle singen, was sie wollen; sind ja Gäste.

Wir stehen im Kubus, einem quadratischen, komplett verglasten kleinen Raum im zweiten Stock des Radialsystems und füllen ihn alle zusammen fast vollständig aus. Es ist halb zehn Uhr abends, am Samstag, dem dritten Tag des Chorfestivals Chor@Berlin. Stefan Rauh und sein Kammerchor Berlin, die gerade noch auf der Bühne, beim großen „Nachtklang“-Konzert der Berliner Laienchöre, zu hören waren, laden zur gemeinsamen A-cappella-Session. Die schwarze Fläche draußen hinter der Glaswand ist die Spree, in mittlerer Ferne locken die Lichter der Großstadt. Das könnte sehr ablenken, wenn nicht der Chorleiter mit „Der Mond ist aufgegangen“ zum einen Musik mitgebracht hätte, die zu Ort und Stunde passt, und zudem dafür sorgte, dass wir aufmerksam mitmachen. Er lässt die Melodie auf „Düdü“, dann auf „Dodo“ singen, dann den ganzen Satz vom Blatt. Die Gäste, die den Abend bislang mit Zuhören verbracht haben, legen große Inbrunst in ihre Performance. Die Resonanzmöglichkeiten des Kubus sind jedoch begrenzt. Rauh zügelt die Temperamente, bittet um piano, lässt den Alt seine Melodie einzeln auskosten. Schließlich eliminiert er noch Atempausen, die nicht zum Text passen, und auch wenn das Stück am Schluss nicht aufführungsreif sein mag, verlässt man den Raum nach einer Viertelstunde mit dem Gefühl, auch selbst wenigstens ein bisschen musikalisch gearbeitet zu haben.

Verstärkter Mitmachaspekt

Die Mitsingaktionen, die von allen auftretenden Chören angeboten werden und in der zweiten Hälfte des Konzertabends stattfinden, sind in dieser Form ein Novum und zum ersten Mal im Programm. Aber so anregend es auch sein mag, für Minuten zum Teil eines fremden Klangkörpers zu werden, ist es doch gleichzeitig sehr schade, dass man zum Beispiel in der Zeit, die zum Selbermachen von „Der Mond ist aufgegangen“ gebraucht wird, nicht zuhören kann, wie das ensemberlino vocale im großen Saal Mendelssohn-Psalmen singt. Auch muss es für die Ensembles auf der Bühne irritierend sein, wenn zwischendurch immer wieder Menschen aufstehen und hinaustrampeln, weil irgendwo ein Mitsingen startet. Trotzdem ist es natürlich wunderbar, Konzert- und Singerlebnis zu verbinden, und beim nächsten Mal wird bestimmt alles noch besser. Insgesamt ist beim diesjährigen Festival der Mitmachaspekt stärker in den Vordergrund gerückt worden; auch das Workshop-Programm wurde sehr ausgebaut.

Auch auf der Konzertseite ist der große Samstagabend-„Nachtklang“ vielseitig und anregend geraten. Außer dem „Kammerchor Berlin“, der mit einer originellen Auswahl von musikalischen Naturstücken glänzt, treten auf: „ensemberlino vocale“, ebenfalls ein Kammerchor, der bereits mehrfach den Landeschorwettbewerb für sich entschieden hat, der „Berliner Mädchenchor“, der 2013 in demselben Wettbewerb den ersten Platz in der Kategorie Jugendchor errungen hat, der „Gospelchor inspired!“ und die „Jazzvocals“. Des weiteren die noch professioneller ausgerichtete Formation Delta Q, die mit ihren vier Sängern allerdings definitiv weniger ein Chor als eine Boygroup ist und von den Girls aus den herkömmlichen Chören, die am nun schon sehr späten Abend ihre eigenen Auftritte hinter sich haben, entzückt bejubelt wird.

Auch Mädchenchören gebührt Aufmerksamkeit

Alle Ensembles bieten eine durchweg einwandfreie Leistung. Als ganz besonderes – auch im Sinne von: seltenes – Klangerlebnis ist dabei sicher der Auftritt des Berliner Mädchenchores zu werten. Die Mädchen, im Alter etwa ab vierzehn aufwärts, singen Kompositionen der Chorleiterin Sabine Wüsthoff und zeigen auch in Kleingruppen-Soli sehr souverän ihre sängerischen Qualitäten. Wer den klaren, warmen Ensembleklang dieses Chors gehört hat, kann gar nicht anders, als sich viele, viele Mädchenchöre zu wünschen. In puncto öffentliche Wahrnehmung ist da im Vergleich zu den gehätschelten Knabenchören noch allerhand aufzuholen.

Knaben und Mädchen zusammen durften auf dem Berliner Festival im Rahmen eines ganz besonderen Projekts singen. Die Tübinger Chorpädagogin Friedhilde Trüün war bereits eine Woche eher angereist, um mit Grundschülerinnen und -schüler aus vier Berliner und Brandenburger Schulen ein konzertfüllendes Programm mit eigens an die kindlichen Fähigkeiten angepassten Bach-Bearbeitungen einzustudieren. „Oh nein!“, sagt sie, so entgeistert wie entschieden, auf die Frage, ob die Musiklehrer/-innen und viel mit den Kindern vorgearbeitet hätten. Nein, sie allein habe genau diese eine Woche Zeit gehabt, um mit den Kindern das Konzertprogramm zu erarbeiten. Die Lehrer/-innen hätten nur täglich die Kinder zu den jeweils dreistündigen Proben bringen müssen.

Und am Freitag Nachmittag stehen dann wirklich zweihundert Neunjährige in übergroßen „Sing Bach!“-T-Shirts im Radialsystem und singen aus voller Kehle – jedenfalls viele von ihnen – bis f‘‘. Dabei stehen beileibe nicht nur vertextete Bourrées und Kanons auf dem Programm, sondern sogar Chöre aus den Passionen des Meisters. Das ist verdammt beeindruckend und teilweise so rührend, dass nicht nur Friedhilde Trüün beim Dirigieren schon mal ein klein wenig die Contenance verlieren kann, sondern auch im Publikum mancherorts verstohlen nach den Taschentüchern geangelt wird.

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