Wenn weiße Männer ins Blaue singen

Unverzichtbar: Carl-Ludwig Reicherts Geschichte des Blues


(nmz) -

Carl-Ludwig Reichert: Blues. Geschichte und Geschichten. Mit Audio-CD, dtv, München 2001

Ein Artikel von Viktor Rotthaler

Carl-Ludwig Reichert: Blues. Geschichte und Geschichten. Mit Audio-CD, dtv, München 2001Freak Out!“, so hieß 1966 ein Doppelalbum von Frank Zappas „The Mothers of Invention“, das auf Verve-MGM erschien, und das zum Klassiker werden sollte. Die „Ur-Mutter des Dada-Rock“ zitierte darauf die Namen ihrer Blues-Helden: Lightnin’ Slim, Johnny „Guitar“ Watson, Slim Harpo, Howlin’ Wolf, Willie Dixon, Muddy Waters, Johnny Otis et cetera. Kreuz- und Querverweise schmückten das Cover und öffneten einer ganzen Generation ein neues Universum.

Zappa heißt auch das Sesam-öffne-dich-Wort für den Ingolstädter Musiker („Sparifankal“), Schriftsteller und „Privatgelehrten“ Carl-Ludwig Reichert, der einst wie sein „postmoderner“ Kollege Thomas Meinecke („Tomboy“) in der öffentlich-rechtlichen Talentschmiede des Bayerischen Rundfunks angefangen hat. Das sollte man beim Lesen dieser essenziellen Geschichte des Blues im Hinterkopf behalten: es ist Zappas humorvoller und streitbarer Geist, der über dieser „labor of love“ schwebt.

In Zeiten, in denen der Blues immer mehr zum gelackten „lifestyle“-Soundtrack verkommt, muss wieder einmal daran erinnert werden: der Blues ist die Wurzel aller anglo-amerikanischen populären Musik. „Er hat Geschwister in Afrika, Brasilien und Hawaii und er hatte ein Baby, das nannte man Rock’n’Roll.“ Siehe Chuck Berry, Elvis Presley, Rolling Stones & Co. „Den Blues ziert keine illustre Verwandtschaft, aber zu ihm gehören ehrliche Leute. Viele seiner Abkömmlinge gingen ins Show-Business: Boogie, Rhythm&Blues, Dixieland, Skiffle, Blues-Rock. Einige studierten und wurden Intellektuelle: Jazz, Free Jazz. Andere zogen in die Metropolen und modernisierten ihn: Soul, HipHop, Rap. Inzwischen taucht er manchmal sogar als Sample bei Moby oder in Techno-Stücken auf.“

Der Blues sei schwer zu fassen, meint der Autor: „Nimmt man ihn zu eng, rutscht er zwischen den Fingern durch; definiert man ihn zu breit, landet man bei Sprüchen wie ,Ois is Blues’; legt man ihn einseitig auf Gefühl, Protest oder Unterhaltung fest, macht er sich aus dem Staub. Aller Wahrscheinlichkeit nach ist der Blues eine besondere Haltung der Musik, der Welt, Gott und Teufel, den Mitmenschen und sich selbst gegenüber.“

Vor allem aber ist der Blues die „Matrix afroamerikanischen Lebens“, wie Houston A. Baker feststellt: „Die Blues sind eine Synthese… Sie vereinigen Work Songs, weltlichen Gruppengesang, Field Hollers, geistliche Harmonien, sprichwörtliche Weisheiten, volkstümliche Philosophie, politische Kommentare, schlüpfrigen Humor, elegische Klagen und noch viel mehr, sie stellen ein Gemisch dar, das in Amerika immer in Bewegung gewesen zu sein scheint – und das die besonderen Erfahrungen von Afrikanern in der Neuen Welt ständig ausgebildet, geformt, verformt und durch neue ersetzt hat.“

Die alte Frage, ob Weiße überhaupt den Blues singen können, beantwortet der kämpferische Reichert am Ende seiner langen Blues-Odyssee mit einem „klaren Jein“. Blues sei erst einmal eine Charakterfrage: „Zu brave, zu bürgerliche, zu akademische Musiker sollten lieber gleich die Finger davon lassen. Konformisten gehören ins Sinfonieorchester, Hochleistungssportler in eine Rock-Arena, Tüftler ins Studio, Sammler auf die Flohmärkte, Experten ins Museum, Leichenkosmetiker auf den Friedhof, leibhaftige Blues-Musiker an die Straßenecke oder in die Wirtschaft.“ Der Prototyp eines weißen Blues ist freilich 1969 in einem Studio entstanden: der gruselige „Dachau Blues“ des Zappa-Spezis Captain Beefheart. Es klang, als sei Robert Johnson aus der Hölle zurückgekehrt. Und vom Mississippi-Delta nach Dachau war es plötzlich nur noch ein Katzensprung. Reichert nennt das exzentrisch-zutreffend „Blues des 22. Jahrhunderts“.

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