Wer Musik macht, muss Farbe bekennen

Zur Mitgliederversammlung des Deutschen Musikrats · Von Barbara Haack


(nmz) -
„Musik machen – Haltung zeigen“ lautete das Motto der diesjährigen Mitgliederversammlung des Deutschen Musikrats e.V. Den Mitgliedern lag ein Entwurf zu einem „5. Berliner Appell“ vor, in dem es um das gesellschaftspolitische Engagement des Musikrats geht. Eines von drei „Schlaglichtern“ zum Thema hielt Barbara Haack, Mitherausgeberin der neuen musikzeitung. Wir drucken es hier leicht gekürzt ab.
Ein Artikel von Barbara Haack

Vier Tage nach den unfasslichen Ereignissen in Halle: ein Abend in der Komischen Oper Berlin. Der Titel lautete „Farges mikh nit – Vergiss mich nicht“: Jiddische Operettenlieder. Präsentiert wurde ein Stück Musikkultur, das bei uns heute weitgehend unbekannt ist. Juden, vor allem osteuropäische Juden, die – Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts nach Amerika ausgewandert waren, brachten ihre Kultur mit in die neue Heimat. Um den oft fast unerträglichen Arbeits- und Lebensverhältnissen, die sie dort erwarteten, etwas entgegen zu setzen, etablierte sich, insbesondere in New York, eine Operetten-, Musical- und Vaudevillelandschaft, die dort äußerst populär war. Es gab zwei Themen, so Hausherr Barrie Kosky, der das Konzert moderierte: „Das Leben ist wunderbar – und das Leben ist schrecklich.“ Genauso klingt die Musik an diesem Abend. Die beiden Sängerinnen vermitteln mit ihren Liedern abwechselnd pure Lebensfreude und Melancholie, Sehnsucht, Traurigkeit. Immer, so Kosky, standen Optimismus und Verzweiflung nebeneinander in der jiddischen Kultur. Die Musik vermittelte dabei Hoffnung und Lebenskraft. Die Trauer wiederum fand an diesem Abend ihren Höhepunkt in dem Lied von Oscar Strock „Wohin soll ich geh’n?“, dessen zweite Strophe lautet: Wohin soll ich geh’n? Wer weiß Antwort mir? Wohin soll ich geh’n, wenn verschlossen ist jede Tür? Die Welt ist groß genug, nur für mich ist sie eng und klein. Wo ich geh‘, ist’s mir verwehrt, es ist zerstört jede Brück’. Wohin soll ich geh’n?!

Geschichten erzählen

Der Text erinnert an die Situation der europäischen Juden in den Jahren der Shoah, als sie so dringend einen neuen, sicheren Ort zum Leben suchten und kein Land der Welt sie aufnehmen wollte. Spätestens hier ist der Abend mehr als ein abwechslungsreicher Liederabend. Automatisch stellt sich der Gedanke, die Frage ein: Was wäre den Schöpfern dieser Lieder in Europa passiert, hätten sie oder ihre Eltern nicht rechtzeitig das Exil erreicht? Es liegt auf der Hand, Parallelen zu ziehen zur heutigen Situation flüchtender Menschen, die auf dem Mittelmeer ertrinken. Beim Hören dieses Liedes verschmelzen die Bilder von damals und heute. DAS kann Musik: Geschichten erzählen, Bilder erzeugen, berühren.

In seiner Moderation stellte Kosky den aktuellen Bezug erst gegen Ende des Konzerts her. Zuvor ließ er ihn in den Köpfen des Publikums reifen. Der deutsch-australische Jude Barrie Kosky erklärt: „Ein heimatloses Kind ist ein heimatloses Kind.“ Und warnt vor dem, was sich hinter dem neuen Deckmantel nationaler Interessen hier und in der ganzen Welt zusammenbraut.

Haltung durch Musik

Mit seinen Worten haben Barrie Kosky und die Komische Oper „Haltung gezeigt“ – Haltung durch Musik. Es bleibt nach einem so reichen und genussvollen Abend ein großes Fragezeichen. Zu deutlich ist, dass es einen Graben gibt zwischen denjenigen, die an diesem Abend den Weg in die Komische Oper gefunden haben, die sich durch die Musik beseelt, durch die Botschaften bestätigt fühlen – und den „Anderen“: denjenigen, die von diesen Botschaften nichts wissen, nichts wissen wollen oder sie bewusst leugnen. Können wir diese „Anderen“ überhaupt noch erreichen, mit ihnen sprechen oder sie gar überzeugen? Im Entwurf zum 5. Berliner Appell des Deutschen Musikrats wird eine gesellschaftliche Streitkultur gefordert, ein „Respekt vor dem Andersdenkenden“, eine „respektvolle Dialogkultur“. Das ist richtig und wichtig. Wenn ich aber an die Menschen denke, die immer lauter und unverfrorener rechtspopulistische, rechtsradikale und rassistische Parolen von sich geben, frage ich mich, inwieweit ich mit denen noch respektvoll in einen Dialog treten kann – und will … Wenn ich auf der anderen Seite keine Bereitschaft spüre zuzuhören, Argumente abzuwägen, sich vielleicht zu besinnen oder einen Kompromiss zu finden, vergeht mir die Lust zum „Dialog“.

Im vergangenen Jahr waren auf der Mitgliederversammlung des Deutschen Musikrats die kulturpolitischen Sprecher aller Bundestagsparteien zu Gast. In der Arbeitsgruppe mit dem Sprecher der AfD, der einmal gesagt hat, es werde ihm „eine Freude sein, die Entsiffung des Kulturbetriebs in Angriff zu nehmen“, war für mich keine Dialogbereitschaft spürbar. Findet dieser Dialog überhaupt statt? Kann er stattfinden? Diese Fragen muss der Musikrat für sich klären. Auf jeden Fall sollte er „Haltung zeigen“: Es gibt Positionen, die nicht verhandelbar sind. Welche das sind, müssen die Mitglieder des Deutschen Musikrats klären – hoffentlich in einem breiten Konsens!

Bestimmt sollten wir, und das fordert der 5. Appell ja auch, viel Energie und Gewicht auf die Bildung junger Menschen legen, gerade auch auf die musikalische Bildung. Wirkungsvoll wären – zur Vertiefung und um eines umfassenderen Verständnisses willen – fächerübergreifende Themenschwerpunkte. Zum Beispiel: die Oper des 19. Jahrhunderts im Musikunterricht, Freiheitsbestrebungen der Nationen im Geschichtsunterricht, literarische Strömungen der Zeit in Deutsch, parallele oder unterschiedliche Entwicklungen in anderen Ländern … Oft verbieten wohl Curricula solche Projekte. Daran könnten wir etwas ändern. Der 5. Appell zitiert auch den ersten Satz unseres Grundgesetzes: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Der Titel eines Buches von Ferdinand von Schirach heißt: „Die Würde ist antastbar.“ Er meint damit: Dieser erste Satz des Grundgesetzes ist keine Tatsache, sondern eine Forderung. Wie oft wird heute die Würde von Menschen überall in der Welt angetastet! Von Schirach schreibt in seinem Buch viel über das Recht. Unter anderem: „Die westliche Welt, ihre Freiheit und ihr Selbstverständnis, wird nicht an Autobahnmaut, Steuererhöhung oder Pflegeversicherung entschieden – sie entscheidet sich am Umgang mit dem Recht.“

Das ist eine ganz zentrale Erkenntnis – und eine, für die auch der Deutsche Musikrat einstehen, Haltung zeigen kann. Ganz konkret beispielsweise für das Recht der Kunstfreiheit – das in Gefahr ist! Für das Recht eines jeden auf – musikalische – Bildung. Für eine kulturelle Vielfalt – und damit verbunden auch ein kraftvolles Urheberrecht. Das sind keine For­de­rungen, denen man nachkommen kann oder auch nicht, sondern eben verbriefte Rechte. Haltung zeigen heißt: Dafür kämpfen, dass dieses Recht Recht bleibt – und in der Wirklichkeit auch umgesetzt wird. Dass Nichtbeachtung dieses Rechts in jedem Fall und angemessen sanktioniert wird. Dass es da keine Verwässerung gibt.

Noch eines hat der Ausflug der Komischen Oper in das jiddische New York der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts deutlich gemacht: Migranten, die ihre eigene Kultur mit in eine neue Heimat bringen, können so viel Neues, Bereicherndes bewirken. Jiddische Musik, sagt Kosky, habe sich hier auf das Fruchtbarste mit dem amerikanischen Jazz und anderen Musikstilen gepaart. Rodgers and Hammerstein oder George Gershwin haben von dieser kulturellen Verschmelzung profitiert. Ohne diesen jiddischen Einfluss hätte es den Broadway, wie wir ihn kennen, nicht gegeben, so Kosky. Wer heute die Möglichkeit kultureller Integration bezweifelt, sollte sich dieses Beispiel bewusst machen.

Ich habe vor drei Jahren an einer Studie der Deutschen UNESCO-Kommission mitgewirkt, in der es um die „Kultur der Vielfältigen Gesellschaft“ ging und dafür Fallbeispiele beschrieben. Da ging es unter anderem um Projekte, in denen die Kultur von Menschen mit Migrationshintergrund – oft erst kürzlich nach Deutschland gekommen – unserer deutschen oder abendländischen Kultur begegnet. Es gab und gibt viele überzeugende Beispiele, wo – wie im New York des letzten Jahrhunderts – Menschen einfach miteinander Musik machen, wo etwas Neues entsteht, etwas neues Musikalisches und etwas neues Menschliches. So geht Integration.

Davon kann der Musikrat, kann jeder einzelne Vertreter von Verbänden oder Institutionen lernen: Projekte finden und fördern, Begegnung initiieren und begleiten und – ganz wichtig! – die Ergebnisse professionell der Öffentlichkeit präsentieren – ein wichtiger Punkt, der leider oft unter den Tisch fällt! Wie wäre es, wenn – nach „Kultur macht stark“ – ein weiteres Bundesprogramm aus der Taufe gehoben würde, etwa: „Musik stärkt Integration“? Nicht von ungefähr setzt sich der Musikrat in diesem Jahr das Motto: „Haltung zeigen“. Musikmachen allein genügt da nicht. Zumal Musik durchaus auch für fremdenfeindliche, Kultur einengende oder rassistische Haltungen missbraucht wird und missbraucht wurde. Aus der gesellschaftlichen und politischen Diskussion kann sich „die Musik“, kann sich der Musikrat nicht heraushalten. Im erkennbaren aktuellen Gefahrenfächer kultureller Missachtung und Demontage ist das eine zentrale Aufgabe: Haltung zeigen!


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