Wer nicht fragt, bleibt Praktikum

Cluster (2009/10)


(nmz) -
Hoch im Norden, wo die Luft so dünn ist, dass Musikkultur im öffentlich-rechtlichen Rundfunkbereich kaum eine empfangsbereite Situation vorfindet, zumindest nicht was das Vorführen kompletter Werke angeht, verzichtet man mittlerweile offensichtlich auch auf Ausbildungswege für ganze Redakteure in der Musikkultur. Der Sendername muss genügen und Umsonstpersonal. Man hat ja Praktikantinnen und Praktikanten.
Ein Artikel von Martin Hufner

Die können einen indischen Leiharbeiter in Sachen musikalischen Barocks oder chinesische Stamitz-Experten prima ersetzen, zumal Praktikanten noch günstiger zu haben sind und derlei Aufgaben zwangsweise freiwillig ausführen müssen auch beim „Noch Dürftigeren Rundfunk“.

Finanzielle und zeitliche Eigeninitiative gelten als Engagement, ach nein, als Selbstverständlichkeit. Und so brauchen derlei Hilfsarbeiter logischerweise auch keinen Internetzugang. Wozu auch, würden die praktischen Billigautoren ohnehin nur den gleichen Senf liefern, der da redaktionell mit dem allmächtigen Unwissen einer Wikipedia verbrochen wird, übrigens gesprochen im gleichen standardisierten Soßentonfall. Sachliches Engagement gilt in einem Programm, das sowieso nur noch in Nischen zwischen Kennung, Jingle, Werbung, Programmvorschau und anderer Selbstbewerbung stattfindet als hinderlich. Der Mensch ist nichts, die Fassade ist alles. Fachfassade also.

Fachfassade ist man daher besser für alles, sonst ist man flott hochdekorierter akademischer Kopierpapierexperte für ein paar Wochen – im Einzelfall vielleicht doch die humanere Lösung. Wer weiß, es könnte sogar sein, dass dieser kleine Umweg heute der wirklich wahre Weg zum Musikjournalismus und zur Festanstellung ist, wo lernt man denn mehr als beim Kopieren. Reizende Praktikumswochen bei McNDR Geiz.

Im Praktikum soll man eigentlich üben und lernen – am konkreten Arbeitsplatz, als Ernstfall und ohne doppelten Boden. Aber häufig wird daraus eine persönliche Vorempfindung der eigenen Zukunft als dem kommenden kulturellen Prekariat, fadenscheinig nobilitiert als Kulturleistung. Was Wunder, wenn die so verzogenen und drangsalierten Kulturfans sich von der Kunst irgendwann ganz abwenden.

Angst muss man vor solchen Redaktionen haben, weil sie sowohl Menschen wie Kultur dauerhaft und nachhaltig verändern – und zwar nicht zum Guten. Ausnahmen bestätigen die Regel, aber wie lange gibt es noch die Ausnahmen.

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