Widersinn des Jetzt, Potential für morgen

„Time for Tomorrow“ · Futuristische Stücke von Gerhard Stäbler in München


(nmz) -
Oft ist man heute geneigt, den Futurismus der italienischen Prägung in die Nähe von Mussolini zu rücken. Wahr ist, daß sich einige dieser maschinenstürmenden, mit allen Konventionen brechenden Künstler später ziemlich blind in die Nähe des Faschismus begaben. Doch diese Sicht verdrängt viel von der ursprünglichen Sprengkraft des Futurismus, der sich neben Italien um Marinetti vor allem in der jungen Sowjetunion reichlich Terrain sicherte. Aus 25 Kürzesttheaterstücken haben nun der in Essen lebende Komponist Gerhard Stäbler, der immer wieder die gesellschaftskritische, kämpferische Note seiner Kompositionen unterstreicht, und die Regisseurin Laura Kikauka Musik-Theater gemacht. Im Juli 1912 hatten die kurzen Stücke in Rom für einen heftigen Skandal gesorgt. Und von da holten sich Stäbler und Kikauka ihr Material: „Time for Tomorrow – 25 Futuristic Acts“.
Ein Artikel von Reinhard Schulz

So schön wie diesmal freilich präsentierte sich das Marstall-Theater in München selten. Der Marstall ist ohnehin Münchens schön-stes Theater. Hier lastet nicht der Hauch der Geschichte, hier lüftet er. Nun aber hatte Ausstatterin Laura Kikauka viel von ihrem in langen Flohmarkt- und Antiquariatsbesuchen angehäuften Sammelsurium mitgebracht: Lüster, Lampen, Zeitungsständer, ein Tisch mit Holzfischen auf Holztellern, Uhren, Puppen, antike Vasen, Koffer mit Freizeitmüll, Popcorntöpfe, Vogelkäfige, ein rosa bemaltes ausgenommenes Schwein, ein verkleinertes Lippensofa von Dalí, überhaupt viel skurrile Kostüme und Mobiliar. Am Eingang wurde man auf sein Geschlecht überprüft, wobei meist der Verdacht des Kontrolleurs bestätigt werden konnte. Dann erhielt Männlein einen rosa Zettel, Weiblein einen blauen. Dazu gab’s eine ausgerissene Buchseite, die Seitenzahl diente später als Nummer für eine Tombola. Nach Eintritt in den Raum wurde man/frau auf zwei Zelte aufgeteilt, ins maskuline verirrte sich freilich verwirrend eine hochattraktive Femina, wurde aber von ständig zugegenen Kontrolleuren rüde wieder entfernt. Die schauten sowieso stets nach dem Rechten und wollten auch immer mal wieder die Geschlechter-Identifikationskarte begutachten.

Und dann war man im bunten Zauberreich, stand herum und wurde von hektischen Aktionen beiseite geschubst. Ein Baby etwa hantiert mit dem Staubsauger, dann eilt ein Ärzte-Hilfstrupp herein und bringt auf der Bahre einen Menschen: das Gesicht ein Blumenkohlkopf, die Brüste zwei Risottoschalen, das Geschlecht Austern, Arme und Beine Baguettes. Sogleich gehen die Ärzte ans Werk und verschlingen den Todkranken. Ein Guru beruhigt die Gemüter: „Entspannt Euch, schwer werden die Glieder.“ Ätzender Rauch vertieft die magische Kontemplation, die von Sphärenklängen, Obertongeklinge auf einem Papprohr unterbrochen wird. Doch schon zieht ein Trupp Militärbesessener zur Modenschau auf, sie werden kurz mit Unappetitlichem gefüttert. Das muß wohl das Stück „Krieg Wollust Krieg“ sein. Ein Steinzeitmensch mit Großkeule setzt dem ein Ende, er verschreckt einen in Dessous steckenden Großmarktkäufer, der seinen Wagen mit Knabbergebäck gefüllt hat.

25 Aktionen reihen sich, purzeln übereinander. „Jedes Wort sei eine Granate, jeder Satz ein Minenfeld.“ Das hatten die Futuristen von ihren Kürzest-Dramoletten gefordert. Ein Beispiel. Titel: „Kein Hund ist da (Synthese der Nacht)“. Darsteller: „Jener der nicht da ist.“ Handlung: „Straße bei Nacht. Kalt. Verlassen. Ein Hund überquert die Straße.“ Dann der Vorhang als fast letztes, unentbehrliches Requisit des Theaters. Wer hier Sinn sucht, wird keinen finden. Wer Unsinn will, wird enttäuscht. Wer aber dem Widersinn nachspürt, der wird reichlich entlohnt. Das Widersinnige des Jetzt freilich, es ist das vorgeblich Normale, trägt das Potential der Zukunft – und was wären Futuristen ohne diese (die Parole „no future“ zählt nicht)?

Der Komponist Gerhard Stäbler hat dazu eine dekorativ zurückgenommene, hintergründig sinistre Musik für Tonband geschrieben. Da scheint Wasser aus unergründlichen Leitungen zu tropfen, elektrische Funken sprühen bedenklich, dann wieder kopulieren der unsterbliche Hit „Caravan“ mit der ebenso unsterblichen „Fledermaus“. Es sind Ahasvers der Gegenwart, unterminiert von einem allgegenwärtigen Michael Svoboda an Posaune und anderem Anblasbarem. Sie schieben sich in das Getümmel und verbreiten das Flair einer Bar im Nirgendwo. Sie ist angefüllt mit so viel Sinnlichkeit, daß sie die Frage nach dem Sinn ins Abseits drängt. Aber das Widrige desselben spitzte immer wieder durch die Ritzen. Rausch und Zauberhut, Synkope und Rumba-Rassel konnten ihm nichts anhaben. Der nach dem Stück entlassene Zuschauer wußte vielleicht zunächst nicht, wo ihm der Kopf stand, der aber flüsterte ihm nach kurzer Besinnungszeit zu: Du hast allein die Welt gesehen; es ist Zeit für morgen.

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