Wie lange gehört Leipzig noch zu den Verlierern?

Über das Schicksal der Musikbibliothek Peters wird gegenwärtig verhandelt · Von Albrecht Dümling


(nmz) -
Mitte März kamen gute Nachrichten aus Leipzig: mit 2.100 Ausstellern aus 30 Ländern, einer deutlich vergrößerten Ausstellungsfläche und über 100.000 Besuchern meldete die Buchmesse Rekordzahlen. Traurig steht es dagegen um das jahrhundertelang führende Musikverlagswesen der Stadt, von dem nur wenige Reste blieben. Es ist nicht einmal sicher, ob ihr das schönste Erinnerungsstück, die Musikbibliothek Peters, vollständig erhalten bleibt.
Ein Artikel von Albrecht Dümling

In besseren Zeiten residierten an der Pleiße große Buchverlage so wie die Musikverlage Breitkopf & Härtel und C.F. Peters. Wegweisend wurde die von Max Abraham begründete Edition Peters, die 1867 mit Bachs „Wohltemperiertem Klavier“ begann, gefolgt von den Klaviersonaten Mozarts und Beethovens. Modernste Drucktechniken und kompetente Herausgeber ermöglichten hohe Qualität zu einem günstigen Preis. Da Abraham wusste, dass ein funktionierendes Musikleben musikalische Bildung voraussetzt, begründete er 1893 die Musikbibliothek Peters, eine Präsenzbibliothek mit wertvollen Autographen, die neben dem Verlag ihr eigenes Gebäude erhielt. 1897 stiftete er diese beispielhafte Bibliothek der Stadt Leipzig und stellte zu ihrem Erhalt 400.000 Goldmark zur Verfügung. Die Bibliothek, das Kapital und das Grundstück sollten in den Besitz der Stadt übergehen, sollte der Musikverlag einmal erlöschen oder Leipzig verlassen.

Auch Henri Hinrichsen, Abrahams Nachfolger, war ein vorbildlicher Verleger, dem die Universität Leipzig 1929 den Ehrendoktortitel verlieh. Großzügig unterstützte er das Musikinstrumenten-Museum und die Henriette-Goldschmidt-Schule, die erste deutsche Hochschule für Frauen. Wegen seiner Verdienste um die Musikkultur und devisenträchtiger Exporte ließen die Nazis Hinrichsen trotz seiner jüdischen Herkunft bis 1938 ungestört. Dann aber geschah schlimmstes Unrecht: der Verleger musste die Traditionsfirma C.F. Peters unter Wert verkaufen und einem arischen Verlagsleiter übergeben. Von der Verkaufssumme blieb ihm nichts. Hinrichsen konnte nicht einmal sein nacktes Leben retten und wurde 1942 in Auschwitz ermordet – nicht in Theresienstadt, wie das neue MGG angibt (siehe Besprechung von Priebergs „Handbuch Deutscher Musiker 1933–1945“, S. 45)

Nachdem alliierte Luftangriffe Leipzigs Verlagsviertel schwer zerstört hatten, vergrößerten die Amerikaner 1945 noch die Verlustliste. Gezielt verlagerten sie Buch- und Notenverlage, darunter Breitkopf & Härtel, nach Wiesbaden beziehungsweise Frankfurt, um sie vor der Roten Armee zu „retten“. Johannes Petschull, der arische Nachfolger Henri Hinrichsens, half bei diesen widerrechtlichen Auslagerungen. Zahlreiche Kisten mit Notenmaterial und Druckplatten ließ er von Leipzig in den Westen abtransportieren. Diese aus der alten Verlagsstadt „geretteten“ Früchte gehörten zum Startkapital des neu gegründeten C.F. Peters Musikverlags Frankfurt, der nun mit dem Stammhaus konkurrierte. Die „Wende“ von 1989 bedeutete für Leipzig eine ähnlich zwiespältige Zäsur wie 1945, denn wieder folgten Westverlagerungen. Mitte der 90er-Jahre stand die einst blühende Stadt nur noch auf Platz 24 der deutschen Verlagsstandorte. Die Edition Peters Leipzig ging fast auf Null zurück. Zwar erinnern heute eine Straße und ein Henri-Hinrichsen-Saal im Musikinstrumentenmuseum an den mäzenatischen Verleger, aber sein vom Bombenhagel verschontes Verlagshaus in der Talstraße 10, die Henriette-Goldschmidt-Schule sowie der einstige Sitz der Musikbibliothek Peters wurden inzwischen an privat verkauft.

Seit Sommer 2004 hört man Alarmierendes über diese Musikbibliothek. Etwa 450 kostbare Stücke aus ihren Beständen, darunter die unschätzbare Handschrift zu Felix Mendelssohns Chorkantate „Die erste Walpurgisnacht“, wurden vom Londoner Auktionshaus Christie’s abgeholt. Angeblich ging es nur darum, so Karl Rarichs, der Geschäftsführer von C.F. Peters Frankfurt, den Wert der Autographen festzustellen.

Wie war es möglich, dass die wertvollsten Stücke dieser Bibliothek, die 1897 der Stadt vermacht worden waren, überhaupt Leipzig verlassen konnten? Das Auktionshaus beruft sich auf die Anwälte der Eigentümer, die 1998 mit den Städtischen Bibliotheken einen neuen Dauerleihvertrag über die Musikbibliothek Peters geschlossen hatten. Darin wurde erklärt, sie solle „ohne zeitliche Begrenzung“ in Leipzig bleiben. Haken des Vertrages war nur, dass er jederzeit gekündigt werden konnte. Die Rechtsposition der Stadt Leipzig hat sich damit nicht verbessert, sondern verschlechtert. Das Vorgehen der Peters-Anwälte löste nicht nur bei Leipzigs Kulturdezernent Georg Girardet Irritation aus. Weiterhin bleibt unklar, in wessen Interesse hier gehandelt wurde. Der inzwischen 75-jährige Rarichs hatte erklärt, die New Yorker Eigentümer des Verlags seien in finanziellen Schwierigkeiten und dächten über den Verkauf einzelner Stücke nach. Evelyn Hinrichsen, die Witwe des New Yorker Verlegers Walter Hinrichsen, ist nach langer Krankheit im Januar gestorben. Ihre Tochter Martha will die Musikbibliothek in Leipzig belassen. Der Musikwissenschaftler Christoph Wolff, zugleich Leiter des Bach-Archivs, verhandelt inzwischen im Auftrag der Stadt mit der Erbengemeinschaft Hinrichsen über den möglichst vollständigen Verbleib der kostbaren Bibliothek in Leipzig. Er spricht von guten Fortschritten. Die Musikwelt und auch diese Zeitung wird Nachrichten darüber aufmerksam verfolgen. Im Sinne Henri Hinrichsens hätte die gebeutelte Musikstadt Besseres verdient, nämlich eine wirkliche Wende – den Übergang vom Abbau ihrer Musikverlage zu ihrem Wiederaufbau.

 

Vielleicht falsch

Auch wenn dieser Artikel nun etwas älter ist will ich das nicht so stehen lassen.

Nach meinem Wissen gingen die Verlage gern mit in den Westen, denn in der DDR erwartete sie das, was auch mit dem Rest des Peters Verlags in Leipzig geschah: 1946 wurde er enteignet.
Und scheinbar war der Herr Johannes Petschull auch nicht der böse arische Nachfolger, sondern er war es, der durch Walter Hinrichsen, einen der beiden Überlebenden Hinrichsen, zum Bevollmächtigten zum Abtransport, also Rettung von Druckplatten/Noten, nämlich Familieneigentum, eingesetzt wurde. Und dieser Abtransport ermöglichte es erst, dass das Familienunternehmen in New York und Frankfurt weiter bestehen konnte.

Es ist eben nicht immer böse USA und armes Deutschland.

Mit freundlichen Grüßen,
Anton Borger


Wahrscheinlich falsch

Vielen Dank, Herr Borger, für Ihren Versuch der Richtigstellung.

Soweit es mir bekannt ist, kann ich Ihren Beitrag bestätigen. Mein Großvater hat nicht viel darüber gesprochen und nur wenig aufgezeichnet. So kann ich nur wiedergeben, was innerhalb von Peters und der Familie erzählt wurde. Das allerdings wurde mir auch von Familienangehörigen der Hinrichsens und älteren Mitarbeitern bestätigt: der (illegale) Abtransport aus Leipzig geschah in der Tat zu dem Zweck, das Familieneigentum vor der Enteignung zu retten und damit vor dem endgültigen Verlust. Die mündliche Überlieferung lautet, dass er mit Hinrichsen nächtens in einem Kleinwagen hin und her über die Grenze gefahren ist und beide die Schätze klammheimlich per Hand verladen haben.

Ob das auch mit Sicherheit so stimmt, das werden wir vielleicht nie mehr erfahren.

Übrigens kann ich anhand alter Dokumente, die ich gesehen habe, sagen, dass der alte Petschull selbst jüdischer Abstammung war. Es kann nicht behauptet werden, er sei “Arier” gewesen, wenn man diesen Begriff aus den verrückten Nazitheorien denn gebrauchen will. Gleichwohl war er im Besitz eines entsprechenden Ausweises und, wenn ich mich recht erinnere, auch zeitweise Mitglied der NSDAP. Bei aller kritischer Neugier glaube ich jedoch nicht, dass er zu irgendeiner Zeit Nationalsozialist war. Dagegen spricht, dass er zuvor wegen der Herausgabe einer linksradikalen Zeitschrift von den Nazis ins Gefängnis gesteckt worden war und seine Freiheit vornehmlich seinen guten Kontakten in etablierte Kreise zu verdanken hatte. Ich denke eher, er war ein Opportunist und Geschäftsmann mit einer ehernen Loyalität zur Musik und zu seinen alten Freunden und Kollegen.


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