Wie wichtig ist Musik?

Versuche einer realistischen Einordnung – Teil 3


(nmz) -
Ein ganz anderer Punkt, der die Abwesenheit der von uns gefühlten Relevanz unterstreicht: Ständig heißt es, dass Musikpädagogen am Rande des Prekariats existieren, teilweise bereits schon auf der anderen Seite. Demgegenüber haben viele Musikschulen zum Teil lange Wartelisten. Damit wird gerne der nach wie vor hohe Bedarf belegt.
Ein Artikel von Stefan Lindemann

Zwei Aspekte gilt es dabei zu berücksichtigen. Wartelisten führen Musikschulen meistens nur in Städten, in ländlichen Regionen gibt es sie deutlich weniger. Gerade in Städten gibt es aber meistens auch ein größeres Angebot auf privater Seite. Private Musikschulen sind dabei durchaus die Gewinner, sofern sie sich preislich nicht allzu sehr von den kommunalen Instituten nach oben absetzen. Im Bereich der Privatmusiklehrkräfte sieht das allerdings anders aus. Obwohl es an kommunalen Musikschulen oft Wartelisten gibt, wechseln diese potentiellen Kunden nicht zur privaten Seite, sondern bleiben lieber auf der Warteliste. Was irritiert, denn wenn der Bedarf so groß ist, sollte doch der Markt in der Lage sein, diesen auch zu befriedigen. Warum gibt es dann aber bei einer Angebotsart Nachfragestau, während eine andere Angebotsart ein Überangebot zu verzeichnen hat?

Hier wären wir wieder beim Thema der Relevanz. Offensichtlich ist der Bedarf nach Unterricht nicht mit rein sachlichen Aspekten zu begründen. Denn ansonsten würden gerade die, die auf den Wartelisten städtischer Musikschulen stehen, sofort zu privaten Anbietern wechseln. Die sind aber oftmals deutlich teurer, als die subventionierten kommunalen Institute. (Wenn private Musikschulen billiger sind, geht das nur zu Lasten von noch viel schlechter bezahlten Lehrkräften, was aber der Kunde in aller Regel nicht weiß.) Man ist offenbar nicht bereit, halbwegs auskömmliche Honorare zu zahlen, ein Problem, das auch der Lebensmittelmarkt hat: Der größte Teil der Kundschaft ist nicht bereit, für vernünftige Lebensmittel den angemessenen Preis zu zahlen. Und das hat etwas mit der Wertigkeit von Konsumgegenständen beziehungsweise Dienstleistungen zu tun. Instrumentalunterricht wird meistens weniger unter dem Aspekt der Bildung, sondern eher dem des Freizeitvergnügens gesehen. Und da steht unanstrengender Spaß nun mal im Vordergrund. Viel Geld bezahlen und dann auch noch Arbeit investieren, ja sogar Entbehrungen auf sich nehmen?

Das passt nicht zur Erwartung der individuell passgenauen Freizeitbespaßung. Und wenn es nicht bloßes Freizeitvergnügen darstellt, dann geht es eher um die Instrumentalisierung unserer Arbeit zu Zwecken sozialer Distinktion. Denn jede Form von vorgeblich individualistischer Wahl – wo wohne ich, welches Auto fahre ich, welches Handy nutze ich, wohin fahre ich in den Urlaub, welche Schule besuchen meine Kinder, welche Bekleidung trage ich, welche Sportart pflege ich, welche Musik höre ich und so weiter – ist immer auch ein Signal an die Umgebung, in welchem soziologischen Umfeld ich mich selber sehe, wo ich mich verorte, wo ich zugehören möchte. Und in den von Abstiegsängsten geplagten Mittelschichten geht das vor allem über Abgrenzung nach unten. Indem ich einem bestimmten Milieu zugehören möchte, muss ich auch deren Verhaltensweisen übernehmen. Teilhabe an der so genannten „Hochkultur“ ist dabei ein reiner Indikator, die inhaltlichen Aspekte interessieren immer weniger. Es geht nur um die soziale Symbolik und ebensolche Signale (die reichen bis in Details der Wohnzimmereinrichtung, vgl. G. Schulze: Die Erlebnisgesellschaft). Und in den „richtigen Kreisen“ spielt man zum Beispiel eher Cello oder man geht zum Hockeytraining. Der Soziologe Hans-Gerd Jaschke spricht bei diesem Phänomen von „funktionaler Differenzierung“, so wie es etlichen älteren Kulturliebhabern auch weniger um die eigentlichen Inhalte geht, sondern Kultur vielmehr als Schmiermittel dient, um soziale Kontakte in Freundeskreisen, bei Rotary oder in Fördervereinen am laufen zu halten. Der gemeinsame Konzertbesuch entsteht nicht aus dem genuinen Interesse an den vorgestellten Werken oder den Interpreten, sondern ist als Ornament von Lebensstilen Anlass, um sich zu treffen, um nette Gespräche zu führen, einfach, um eine gewisse Zeit in angenehmer Atmosphäre zu verbringen – möglichst jedoch unter sich, also mit Gleichgesinnten. (Ein Aspekt, der im Zuge der Gentrifizierung Stadtplanern große Sorgen bereitet, weil sich Städte milieuspezifisch gettoisieren.) Der Opern- oder auch Galeriebesuch ist da nur Mittel zum Zweck. Außerdem fühlt es sich gut an, wenn man sich selber, am besten noch mit leidlichem Halbwissen versehen, in illustrer Gesellschaft tummeln kann. Auch in diesen von uns Musikern völlig unterschätzten Bereichen – wir glauben ja tatsächlich noch immer, dass der mit Abstand größte Teil des Publikum aus sachlich-fachlichem Interesse unseren Darbietungen beiwohnt, ein Irrglaube, mit dem wir unsere reale Irrelevanz vor uns selber nur vertuschen wollen, sozusagen als motivationistischer Taschenspielertrick – kann man wieder die Randständigkeit, die Nische, ergo die gesellschaftliche Irrelevanz unseres Tuns konstatieren. Und als Künstler-Pädagogen denken wir auch immer noch, dass wir Kunst und Kultur im Sinne eines Bildungsauftrages vermitteln. Dabei wollen die meisten doch eher anstrengungslose Unterhaltung.

Eigentlich wäre hier Solidarität angesagt, Solidarität durch Unterstützung einer immer mehr ins Abseits geratenden Anstrengungskultur, Solidarität mit einer Eindämmung der verbreiteten hypertrophen Subjektivität. Wenn man sich aber ansieht, wie etwa VdM-Schulen einerseits das Banner von Bildung und Kultur vor sich hertragen, andererseits aber die Arbeitsverhältnisse – und das meint in aller Regel die Bezahlung vor allem der immer mehr werdenden Honorarkräfte – immer schlechter werden, fragt man sich schon, wie hier Glaubwürdigkeit erzeugt werden soll. Was auch für den bdpm gilt. Bildung und Kultur sind wunderbare Aushängeschilder. Nachdenklich stimmt einen jedoch schon, wenn man mitbekommt, dass (zu?) viele private Musikschulen ihre Lehrkräfte eher behandeln wie Lohnsklaven aus Entwicklungsländern. (Von der oft gnadenlosen Selbstausbeutung bei Privatmusikerziehern ganz zu schweigen.) Sowohl VdM als auch bdpm sollten in ihre Aufnahmekriterien vielleicht reinschreiben, dass Mitgliedsschulen sich verpflichten, ihre Lehrkräfte „anständig“, zumindest „in Anlehnung an“ TVöD E9, zu bezahlen. Wenn man das jetzt umsetzte, würden aktuell schlagartig beide Verbände deutlich schrumpfen. Wobei festgestellt werden muss, dass TVöD E9 im Grunde auch in keinem Verhältnis zum Aufwand des Studiums steht – ohne halbwegs gut verdienenden Lebenspartner geht da kaum was, es sei denn, man reduziert sich auf eine romantische Spitzweg-Existenz, in der einem ein Bett, ein gefüllter Kühlschrank und sein Instrument genügen. Nicht wenige werden heute von der blanken Verzweifelung in solche Lebensverhältnisse getrieben.

Und wenn ein mühsam vor sich hinkrebsender Privatmusikerzieher, Musikschullehrer oder Lehrbeauftragter morgens aufwacht und nicht weiß, ob er die anstehende Mieterhöhung noch wird finanzieren können – ganz abgesehen vom Problem der in unserer Branche bereits existenten Altersarmut, die in den nächsten Jahren rapide zunehmen wird – dann fragt man sich schon, was wirklich wichtig ist im Leben. Musik kann ein so schönes Hobby sein.

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