Wir sind doch keine Schnuppertüten

30 Jahre Kinder-Musiktheater mit Veronika te Reh und Wolfgang König


(nmz) -
Seit 30 Jahren machen Veronika te Reh und Wolfgang König an der Musikschule Beckum-Warendorf Musiktheater mit Kindern. Höchst engagiert haben sie mit ihrem Kinder- und Jugendchor, mit jugendlichen Darstellern und Sängern die unterschiedlichsten Produktionen auf die Bühne gebracht, Nach „Pollicino“ von H.W. Henze und einer Spezialfassung von „Hänsel und Gretel“ stammen alle Stücke aus der eigenen Feder, wobei Veronika te Reh für die Libretti zuständig ist und Wolfgang König für das Komponieren der Musik. „Ngoma Bär“, „Motz und Arti“, „Sammy“ und „Mtoto Boga“ sind nur einige der 19 Musical-Titel, die im Lauf der Jahre entstanden sind. Mit ihren Projekten haben König/te Reh nicht nur Rundfunk-, Fernseh- und CD-Produktionen realisiert, sie sind auch in verschiedene Länder gereist und haben dort Austauschprojekte in Gang gesetzt. Besonders in Tansania sind daraus ein steter Kontakt und ein soziales Hilfsprojekt entstanden. 30 Jahre engagiertes Musiktheater für und mit Kindern: Grund genug für ein nmz-Gespräch mit den beiden Enthusiasten. Die Fragen stellte Barbara Haack.
Ein Artikel von Barbara Haack, Veronika te Reh, Wolfgang König

neue musikzeitung: Vor mehr als 30 Jahren hat alles begonnen – mit Ihrer Begegnung mit Henzes „Pollicino“. War das ein Schlüsselerlebnis?

Wolfgang König: Für mich war es das auf jeden Fall. Veronika hatte schon vorher längere Zeit Theater gemacht, aber seitdem betreiben wir das gemeinsam. Wir haben uns mit „Pollicino“ gleich ein Stück ausgesucht, das als „das“ moderne Kinderopernstück galt. 1983 fand dann die Premiere mit Kindern der Beckumer Musikschule statt.

Veronika te Reh: Ich hatte damals noch keinen Chor und habe deshalb Kinder „gesammelt“. Das war dann der Grundstein für den späteren Chor.

nmz: Was waren die Höhepunkte dieser 30 Jahre? 

Te Reh: Als wir unser erstes Stück selber geschrieben haben – „Strubbeltatz“ –, waren wir überrascht, dass damit eine so große Welle ausgelöst wurde. Wir sind zum Fernsehen eingeladen worden, zum Rundfunk, und es haben danach viele Kolleginnen und Kollegen angefangen, unsere Musicals nachzuspielen.

König: Wir konnten damals nicht damit rechnen, dass es von Anfang an ein riesiges Medieninteresse geben würde. Viele Schulen haben „Strubbeltatz“ sofort nachgespielt. Das war von uns eigentlich gar nicht intendiert gewesen. Wir haben nicht sofort gemerkt, dass wir mit diesem Stück eine ganz neue Entwicklung des Kindermusiktheaters in die Welt gesetzt hatten.

nmz: Wurden Sie als Initiatoren damit auch eine Art Mentoren oder Ratgeber für andere?

Te Reh: Ja, sehr häufig. Inzwischen übernimmt nach und nach der Carus-Verlag unsere Stücke, über den jetzt viele Anfragen laufen. Früher gab es jeden Morgen Telefongespräche über Fragen aller möglichen Themen des Musiktheaters mit Kindern. Dazu machen wir seit ein paar Jahren Fortbildungskurse in der Bundesakademie in Trossingen.

nmz: Was motiviert Sie, auch nach drei Jahrzehnten immer noch mit dem gleichen Engagement und der gleichen Begeisterung an die Sache heranzugehen?

Wolfgang König, Veronika te Reh: Es macht einen Riesenspaß, Stücke zu schreiben, von denen man bei der Einstudierung mit den Kindern sofort sieht, ob sie ankommen oder nicht. Wir schreiben ja nicht für die Schublade, es wird alles unmittelbar umgesetzt.

Te Reh: Nach „Strubbeltatz“ hatte ich einen großen Zulauf an Chorkindern, und die blieben einfach und fragten nach dem nächsten Stück. Viele blieben und bleiben von ihrem vierten Lebensjahr bis zum Erwachsenenalter dabei, und wenn sie uns heute – teilweise sogar mit ihren Kindern – besuchen, berichten sie, dass dies zu ihren wichtigsten Erfahrungen im Leben gehört hat. Deshalb können wir nicht einfach sagen: „So Leute, jetzt ist Schluss! Das war’s.“ Das bringen wir noch nicht übers Herz.

nmz: Wie ist Ihre Rollenverteilung innerhalb des Zweier-Teams?

König: Veronika übernimmt die ganze Arbeit mit den Kindern, das heißt: Chor, Theater, Gesangsunterricht, Kostüme. Ich selbst schreibe die Musik und übernehme auch die musikalische Leitung.

nmz: Welche Ausbildung braucht man, damit man das alles kann?

Te Reh: So etwas gab es ja damals gar nicht. Ich habe Schulmusik studiert und mir das meiste selber beigebracht. Ich habe sehr viel gelernt durch die Zusammenarbeit mit dem Südwestfunk, mit dem Fernsehen. Der damalige Regisseur Eberhard Weiß hat gnadenlos kritisiert. Gelernt habe ich auch durch unsere Zusammenarbeit mit unseren tansanischen Kollegen.

nmz: Derzeit wird viel über die „Kulturelle Bildung“ gesprochen, überall sprießen Projekte hervor. Was ist aus Ihrer Sicht der Effekt solcher Produktionen für die Kinder, was nehmen sie mit für ihr musikalisches oder überhaupt für ihr Leben?

Te Reh: Das lässt sich schlecht abschätzen. Viele, die in den Lehrberuf gehen, zehren davon. Andere haben gelernt, Leidenschaft und Durchhaltevermögen für ihr Hobby zu entwickeln. Sie erzählen mir, dass unsere Gemeinschaft und unsere Aufführungen zu den schönsten Erlebnissen ihrer Kindheit gehören. Wir sind nun mal keine Schnuppertüten.

König: Unsere Basis ist immer der Chor. Wer nicht regelmäßig jede Woche mitprobt, kommt auch nicht auf die Bühne. Das ist nötig, um auf ein solches Niveau zu kommen, um zum Beispiel einen sauberen dreistimmigen Chor zu haben. Für uns bedeutet Musiktheater, dass das Singen in seiner vollsten Ausprägung genauso wichtig ist wie das Spielen. Und das ist eben sehr aufwändig.

nmz: Sie haben sich in verschiedenen Ländern und Kontinenten engagiert, in Tansania, Bali, Indien …

König: Vor allem in Tansania. Wir hatten einen zufälligen Kontakt nach Bagamoyo. Das ist die einzige Kunsthochschule, die es überhaupt in Ostafrika gibt.Dort haben wir 1992 zum ersten Mal unterrichtet, dadurch ist ein Kontakt mit einer Kindergruppe zustande gekommen, der bis heute besteht. Daraus haben sich viele Projekte entwickelt. Mittlerweile geht es nicht mehr nur um kulturellen Austausch, sondern auch um soziale Projekte. Wir haben eine Grundschule gebaut, wir haben Patenschaften in Deutschland für tansanische Kinder initiiert und vieles mehr.

nmz: Die Kinder aus Tansania waren auch in Deutschland. Was bedeutet es für diese Kinder, hierher zu kommen und zu sehen, wie gut es deutschen Kindern geht, und dann wieder zurück zu müssen?

Te Reh: Diese Frage wird uns immer wieder gestellt. Die Deutschen denken immer, dass es hier so schön ist und dass die Kinder sicher hier bleiben wollen.

nmz: Das wollen sie aber gar nicht?

Te Reh: Nein, überhaupt nicht. Sie wollen auf jeden Fall wieder nach Hause. Aber sie wollen gerne wiederkommen. Natürlich wünschen sie sich auch, so viel Geld zu haben. Aber es ist nicht so, dass sie ihr zu Hause dann schäbig oder armselig finden. Ein Kollege und Freund aus Tansania hat gesagt: Sie lernen dadurch, dass es sich lohnt, zu Hause zu lernen, zum Beispiel Englisch, weil sie dann eventuell die Chance haben, Kontakte zu knüpfen und wieder zu kommen.

nmz: Was lernen denn die deutschen Kinder aus solchen Begegnungen?

König: Für uns ist zum Beispiel die afrikanische Art, mit Bewegung zu singen, etwas, was uns ganz stark mitgeprägt hat. Oder die körperliche Expressivität, die wir dort erlebt haben. Die Menschen aus Tansania begeistern sich dagegen zum Beispiel für unsere Chorarbeit. Unsere weiche Art zu singen, auch sauber mehrstimmig zu singen, das bewundern sie unglaublich, weil sie eine ganz andere Stimmästhetik haben.

Te Reh: Die deutschen Kinder, die mit nach Tansania gefahren sind, haben, glaube ich, gelernt, nicht mehr so viel über die Schule hier in Deutschland zu meckern. Sie waren doch erschrocken, wie die Kinder dort leben, wie arm alle sind und wie die Schulen ausgestattet sind.

nmz: Wenn wir noch einmal auf Ihre Arbeit hier in Deutschland blicken: Sie machen die Arbeit vorwiegend als Zweierteam. Wer hilft Ihnen?

Te Reh: Seit 30 Jahren gibt es jeden Montagabend die Theaterwerkstatt. Einige Frauen sind schon über 20 Jahre dabei. Dann gibt es Mütter und Väter, die beim Bühnenauf- und -abbau helfen. Das Bühnenbild lassen wir allerdings professionell herstellen, aber die Kostüme macht die Montagswerkstatt. Und wenn wir mal nichts für unsere neuen Aufführungen zu tun haben, dann arbeiten wir für unseren Afrika-Shop. Wir müssen ja immer Geld verdienen – auch für Afrika.

nmz: Merken Sie, dass sich mit den veränderten schulischen Rahmenbedingungen auch für Ihre Arbeit etwas verändert?

König: Ja die Schulzeit ist mit G8 kürzer geworden, auch die Freizeit außerhalb der Schule. Das G8 macht uns wirklich zu schaffen. Ein paar Kinder und Jugendliche gibt es, die leben immer noch für ihr außerschulisches Hobby, aber die Leistungs-Pyramide schrumpft doch zusammen. Wir versuchen, uns in den Tagesablauf der Schulen zu integrieren. Teilweise läuft das ganz gut, weil die Schulen das auch wollen. Man muss nur eben aufpassen, dass unser Urgedanke der Kultur nicht verloren geht. Das ist immer eine Gradwanderung, auch für uns. Die Chorproben sind kein Problem, aber für eine Theateraufführung drei Monate lang an jedem Wochenende zu proben: Dafür muss man schon viel Enthusiasmus mitbringen.

nmz: Wie geht es weiter? Was sind die nächsten Pläne?

Te Reh: Mal gucken. Wir haben da schon etwas im Kopf.
  

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