Wo eine Bassfigur Sicherheit gibt

Der Verein „Music can help“ setzt sich in Krisengebieten ein: Sibylle Stier im Gespräch


(nmz) -
Zu den Projekten des Vereins „Music can help“ gehörten in der Vergangenheit ein Musiktheaterprojekt mit deutschen und palästinensischen Schülern, Konzertangebote beispielsweise in Bethlehem und verschiedene musikpädagogische Aktionen. Durch die Programme soll die Lebenssituation benachteiligter Kinder verbessert werden.
Ein Artikel von Charlotte Oelschlegel, Sibylle Stier

Sibylle Stier ist Vorsitzende des Vereins und arbeitet als Dozentin für Klavier an der Universität Augsburg. Im Interview spricht sie über ihre langjährigen Erfahrungen bei der interkulturellen musikalischen Arbeit in Krisengebieten und ihren Verein „Music can help“.

neue musikzeitung: Wie ist „Music can help“ aufgebaut?

Sibylle Stier: Die Grundlage von „Music can help“ bilden die drei Säulen Musikpädagogik, Musiktheater und Musiktherapie, in denen wir seit der Gründung Aktionen im In- und Ausland, bis jetzt vor allem in Palästina, mit den unterschiedlichsten Personengruppen durchführen. Seit dem Bestehen des Vereins im Jahr 2015 haben wir auch schon einige Spender gefunden. Neben meinen inhaltlichen und praktischen Tätigkeiten gehört Fundraising-Arbeit zu meinen größten Aufgaben, um Spenden für den Verein zu sammeln. Ohne sie könnten die Projekte nicht durchgeführt werden, denn an den Einsatzstellen arbeiten wir alle ehrenamtlich und versuchen, nur Reisekosten und Logis erstattet zu bekommen. Es würde uns sehr freuen, wenn wir Menschen überzeugen könnten, unsere Arbeit durch Spenden zu unterstützen.

nmz: Was war der Anstoß, den Verein zu gründen?

Stier: Die Entstehung des Vereins ist zum Teil Ramzi Aburedwan, einem bekannten Musiker des West Eastern Divan Orchestras zu verdanken. Er hat auch das Al Kamandjâti music centre gegründet, welches Daniel Barenboim in einem seiner Bücher beschreibt. Abduredwan war unser „Erstkontakt“ und auf dieser Grundlage hat sich sehr schnell etwas entwickelt. Mittlerweile sind wir in Bethlehem, Ostjerusalem und Hebron tätig gewesen, aber auch ein Einsatz in anderen Ländern ist durchaus vorstellbar.

nmz: Wie reagieren die Menschen aus Krisengebieten auf Ihre Projekte?

Stier: Wir würden dort nicht hingehen und den Menschen etwas aufzwingen wollen, wir fliegen nur, weil die Menschen interessiert sind und sich auf die Projekte freuen. Ein eindrückliches Erlebnis hatte ich in einer Therapieeinheit mit einem Schüler, der nicht viel Erfahrung mit dem musizieren hatte. Ich habe einfach mit der linken Hand eine Bassfigur gespielt und der Schüler, der noch nie auf einem Klavier gespielt hatte, konnte sich auf dieser sicheren Grundbasis ausdrücken. Es hat mich sehr gerührt, wie er auf den Rhythmus eingestiegen ist. Dieses Erlebnis steht für mich stellvertretend für unsere Arbeit und hat auch mit dem allgemeinen Lebensbild zu tun. Wenn wie in diesem Fall in der Bassfigur eine Sicherheit gegeben ist, können sich die Menschen entwickeln und frei entfalten.

nmz: Gibt es in der Arbeit in Palästina Unterschiede zu der in Deutschland?
Stier: Auf jeden Fall. Für uns ist es immer wieder eine gute Übung, von den deutschen Vorstellungen herunter zu kommen. Meistens weiß man gar nicht, wann die Kurse anfangen, wie viele Teilnehmer es sind oder wo man wohnt. Auf diese andere Arbeitsweise muss man sich wirklich einstellen, und nach einiger Zeit gewöhnt man sich daran. Ein anderer Unterschied zu der Arbeit in Deutschland ist, dass die Menschen beispielsweise in Palästina aus ihrer Kultur heraus ganz andere Musik hören. Wobei ich immer wieder erstaunt bin, dass so viele Menschen zur Entspannung Mozart oder Bach wählen.

nmz: Was wird das nächste Projekt des Vereins werden?

Stier: Die nächste Reise findet im Rahmen der Musiktherapie statt und führt meinen Kollegen Herbert Walter, der Musiktherapeut an der Schönklinik in Vogtareuth ist, wieder nach Betlehem. Sie bildet den ersten Block einer musiktherapeutischen Ausbildung für Sozialarbeiter, Psychotherapeuten und Pädagogen in Kooperation mit der Traumaorganisation „Wings of Hope for trauma “, die in Bethlehem seit mittlerweile fünf Jahren erfolgreich arbeitet. Der erste Block wird für die angemeldeten Menschen über acht Tage gehen. Insgesamt sollen sechs solcher Blöcke stattfinden, die über zwei Jahre verteilt werden. Nach dem Ende der Ausbildung soll es auch einigen palästinensischen Therapeuten ermöglicht werden, nach Deutschland zu fliegen und in hiesigen Institutionen zu hospitieren. Dieses Projekt ist für uns nachhaltig und soll langfristig auch zu Verbesserungen in Bethlehem führen.
Interview: Charlotte Oelschlegel

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