Wohin mit den vielen Saxophonisten?

Modell eines fünfstimmigen Saxophonorchesters mit chorisch besetzten Stimmen


(nmz) -
Das Saxophon ist seit Jahren eines der beliebtesten Instrumente. Welchen Weg aber nehmen die vielen jungen Leute, die sich ein Saxophon kaufen ließen und jetzt mehr oder weniger fleißig üben? Bald haben sie vielleicht spieltechnisch ein brauchbares Niveau erreicht. Was dann? Im klassischen Orchester werden sie so gut wie nicht gebraucht, und auch die Saxophonregister der meisten Jugendblasorches­ter und (Schul-) Big Bands sind längst überbesetzt: Bleibt nur das häusliche Spielen von populären Melodien aus teuren Hochglanznoten zur mitgelieferten CD?
Ein Artikel von Albert Loritz

Selbstverständlich lassen Saxophonlehrer ihre Schüler immer wieder Duos, Trios oder Quartette spielen. Doch bleibt dies meist auf einzelne Projekte beschränkt, und nicht jeder kann mitmachen. Als Sopranist oder Baritonist hat man gute Chancen, Altsaxophonisten dagegen gibt es oft in übergroßer Zahl. Ein eigenes Saxophonorchester könnte die Lösung sein: Es bietet vielen Spielern die Möglichkeit mitzuspielen, es fördert das Gemeinschaftserlebnis und die Identifikation und fasziniert durch seine vielfältigen klanglichen und stilistischen Möglichkeiten. Eine chorische Besetzung der einzelnen Stimmen hat dabei große Vorteile: Jung und Alt, mehr oder weniger Fortgeschrittene können ohne große Schwierigkeiten miteinander musizieren. Wenn einmal ein Spieler verhindert ist, ist das Ensemble trotzdem auftrittsfähig. Es liegt auf der Hand, dass sich ein solches Modell ganz besonders für Schulen und Amateurvereinigungen eignet. Aus dem großen Klangkörper können nach Bedarf kleinere solistische Gruppen gebildet werden, beim Vortrag von Orches­terstücken kann man zwischen chorisch und solistisch besetzten Abschnitten wechseln.

Formationen, die sich „Saxophonorchester“ nennen, gibt es viele, die Instrumentierung ist jedoch sehr unterschiedlich. Man trifft zum Beispiel auf die wohl auf Jean-Marie Londeix zurückgehende Besetzung, die bei genauerer Betrachtung ein solistisch besetztes Kammerorchester ist: Eventuell ein Sopranino, zweimal Sopran, drei- bis viermal Alt, zwei- bis dreimal Tenor, zweimal Bariton, Bass; jede Stimme wird von einem einzelnen Saxophonisten gespielt. Ein breiteres Publikum lernte kürzlich solch eine Besetzung kennen, als dem Ensemble „Selmer Saxharmonic“ der ECHO Klassik-Preis 2010 verliehen wurde. Andere Formationen vervielfachen einfach die Big-Band-Besetzung AATTBar. Die meisten Orchester dürften aber wohl in von Stück zu Stück wechselnder Instrumentierung und Stimmenverteilung spielen. Damit sich eine eigenständige Saxophonorchesterkultur und -tradition bilden kann, bedarf es einer verbindlichen Besetzung. Nur so kann es zu fachlichem Austausch unter den Ensembles, Vergleichbarkeit und vor allem der Entstehung und Verbreitung eines Repertoires kommen. Ein Vergleich zeigt die Relevanz dieser Überlegung: Seit es die Besetzung „Brass Quintet“ – wohl zurückgehend auf das Ensemble „Canadian Brass” – gibt, schießen derartige Formationen wie Pilze aus dem Boden. Spielliteratur bietet der Markt mittlerweile in unübersehbarer Fülle. Nicht zuletzt das verbindliche Besetzungsmodell mit zwei Trompeten, Horn, Posaune und Tuba hat diesen einzigartigen Aufstieg einer musikalischen Idee begünstigt.

Die relevanten Besetzungsmöglichkeiten sind zum einen das Londeix-Modell, zum anderen das Saxophonquartett französischer Provenienz sowie das Jazzquintett aus den USA. Die etwa zwölfstimmige Besetzung nach Londeix ist für eine chorische Besetzung zu differenziert, scheidet daher aus. Ohne Zweifel können dagegen viele Stücke, vor allem leichte bis mittelschwere, in der französischen Quartettbesetzung SATBar chorisch besetzt werden. Ein stets nur vierstimmig spielendes Orchester böte aber relativ beschränkte Möglichkeiten. Die Fünfstimmigkeit ist da schon interessanter. Das vom Jazz bekannte Modell AATTBar hat den Vorteil eines sehr kompakten Sounds. Bei einem chorisch besetzten Saxophonorchester in dieser Besetzung träten allerdings zwei Nachteile zutage: Erstens ist der Gesamttonumfang nach oben deutlich begrenzt. Will man Höhe gewinnen, muss die Stimme A1 oft in die Spitzenlage über c’’’ gehen – bei chorischer Besetzung auch intonatorisch nicht ganz unproblematisch. Zweitens ist die Tenorlage zu massiv vertreten, was vor allem bei Transkriptionen klassischer Musik zu einer Vergeudung von Klangpotenzial führt, das man in den höheren Lagen dringender braucht.

Modell S · A1 · A2 · T · Bar + Bassklarinette

Nach über 30-jähriger Beschäftigung mit den unterschiedlichsten Sa­xo­phonensembles, und der Gründung des Saxophonorchesters „Vario­sax“ als Schulorchester am Albert-Schweitzer-Gymnasium in Neckarsulm im Jahr 2004 hat sich folgendes Modell bewährt: Es gibt fünf obligate Stimmen in den Tonlagen S, A1, A2, Tenor und Bass. Alle Stimmen sind drei- bis fünffach besetzt. Ein wichtiges Klangcharakteristikum findet sich in der Besetzung der Bassstimme. Von Anfang an spielen in der tiefsten Stimme Baritonsaxophon(e) und Bass­klarinette(n) unisono zusammen. Das gibt einen besonders weichen und trotz­dem sehr tragfähigen Bass. Gelegentlich gesellt sich noch eine Kontrabassklarinette hinzu und verdoppelt die Bassstimme in der Unteroktave.

Dieses Besetzungsmodell hat sich in den unterschiedlichsten Stilrichtungen bewährt. Der fünfstimmige Satz mit Sopransaxophon als höchstem Instrument stellt dem Komponisten beziehungsweise Arrangeur ein Medium zur Verfügung, mit welchem er vielfältige musikalische Ideen umsetzen kann. Und für die Praxis ist es von Vorteil, dass fast die Hälfte des Ensembles aus Altsaxophonen besteht. Selbstverständlich eignet sich das Saxophonorchester auch zum Zusammenspiel mit anderen Klangkörpern, zur Begleitung von Chorgruppen oder Instrumentalsolisten, ähnlich einem Streichorchester. Durch die Hinzunahme von Schlagzeug oder Percussion lassen sich zudem die stilistischen Möglichkeiten erweitern.

Herausforderung Spielliteratur

Will man ein umfangreicheres Repertoire zusammenstellen und erarbeiten, sind durchaus kreative und bisweilen gar detektivische Vorgehensweisen nötig. Hier einige Tipps:

  1. Eine kleine Auswahl von Saxophonquintetten (meist Arrangements) in der Besetzung SAATBar ist schon auf dem Markt. Hier sollte man prüfen, welche Stücke sich für eine orchestrale Besetzung eignen.
  2. Das ein oder andere Stück in der (Jazz-)Besetzung AATTBar lässt sich durch Transposition der ersten und dritten Stimme in die gewünschte Besetzung SAATBar umwandeln.
  3. Stücke für fünfstimmigen Chor oder Ensembles mit fünf (gleichen) Instrumenten, zum Beispiel Canzonen der Spätrenaissance für Gambenconsort, lassen sich oft für Saxophonquintett/-orchester übertragen.
  4. Mittlerweile präsentieren einige Verlage Reihen mit Stücken in fünfstimmiger variabler Besetzung für Schulorchester oder Gruppierungen mit nicht normgerechter Besetzung. Prinzipiell kommen diese Ausgaben in Frage, allerdings ist der Tonumfang der Stimmen oft aus der Perspektive der Blechbläserensembles gestaltet: Die oberste Stimme ist für Trompete ideal, für Sopransaxophon aber eher zu tief; auch die dritte Stimme ist ziemlich tief, zum Beispiel für Tenorhorn ideal, für Altsaxophon II dagegen eher unbequem.
  5. Unter den mittlerweile unzähligen Ausgaben für Brass Quintet findet man durchaus auch solche, die für Saxophonquintett/-orchester geeignet sind. Selbstverständlich müssen die Mittelstimmen in die für Saxophone passende Notation umgeschrieben werden. Wenn man Glück hat, liegt die Hornstimme nicht nur in F, sondern auch in Es bei. Bei der Tubastimme sind hier und da Oktavversetzungen erforderlich, will man sie für Baritonsaxophon und Bassklarinette einrichten.
  6. Man lässt Stücke nach Maß komponieren oder arrangieren, oder man macht sich selbst an die Arbeit.

Aus der Sicht des Arrangeurs

Neben dem prächtigen Tutti-Klang sollten stets auch vier- oder dreistimmige Abschnitte vorgesehen sein. Ein paar Takte Pause für die eine oder andere Stimme lockern das musikalische Geschehen auf, gestatten etwas Erholung für die Spieler und ermöglichen Wendestellen im Notentext. Aus pragmatischen Gründen sollte man von der Möglichkeit der Stimmteilung (div.) lieber nicht Gebrauch machen, denn es käme schnell zu Schwierigkeiten, wenn bei Aufführungen Spieler verhindert sind und kurzfristig Stimmen umbesetzt­ werden müssten. Zu den einzelnen Stimmen:

Sopransaxophon: Dieser Part ist die wichtigste, zugleich aber heikelste Stimme des Orchesters. An Ausdauer und Intonationsgenauigkeit werden große Anforderungen gestellt. Die höchste Lage (über cis’’’) sollte daher eher sparsam eingesetzt werden. Oft empfiehlt es sich, das Sopransaxophon im Dialog mit dem ersten Altsaxophon einzusetzen, in der Melodieführung also phrasen- oder abschnittsweise zwischen Sopran und Alt I abzuwechseln. Wenn Alt I führt, kann das Sopransaxophon in die Begleitung einsteigen, pausieren oder eine eigenständige Überstimme gestalten.

Altsaxophon I ist die am meisten belastbare Stimme des Orchesters. Hier sitzen die routinierten Spieler/-innen, die fast pausenlos spielen und mühelos von Abschnitt zu Abschnitt in eine andere musikalische Rolle schlüpfen können.

Altsaxophon II: Eine sehr interessante Mittelstimme, die – ähnlich wie beim Chorsatz der Renaissance – einmal die tiefste der Oberstimmen, dann wieder die höchste der Unterstimmen ist. Eine Libero-Stimme, die vom Spieler einiges an Aufmerksamkeit verlangt, da sie ständig mit neuen Partnern gekoppelt ist: mit Sopran und Alt I als Trio, mit Alt I im Duo, mit Sopran in Oktavkoppelung, mit Tenor im Duo, mit Tenor und Bass als Unterstimmentrio. Trotz allem ist diese Stimme technisch nicht allzu schwierig, weshalb sie die ideale Einstiegsstimme für weniger fortgeschrittene Spieler/-innen ist.

Tenorsaxophon: Vielfältige Aufgaben, natürlich in erster Linie als echte Tenorstimme in ihrer ureigenen klanglichen Region. Sehr wirkungsvoll – vergleichbar dem Cello-Solo im Sinfonieorchester – ist das auch in hohe Lagen gehende Tenor-Solo (cantabile, espressivo), während Alt I und II in tieferer Lage Begleitfunktion übernehmen. Wichtig ist auch die Möglichkeit der Koppelung mit der tiefsten Stimme, um im Einklang oder in Oktaven mit dem Baritonsaxophon und der Bassklarinette dem Bass größtmögliches Gewicht zu verleihen.

Baritonsaxophon/Bassklarinette: Die­se Stimme kann durchaus virtuos gestaltet werden, verfügen diese Instrumente doch über eine sehr beachtliche Beweglichkeit. Neben der traditionell wichtigen Funktion des harmonischen Fundaments ist dem Aspekt der rhythmischen Gestaltung besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Lässt man sich gelegentlich von der Funk-Stilistik oder von E-Bass-Patterns inspirieren, werden die Spieler der großen schweren Instrumente glückliche Gesichter machen. Auch hier gilt: Raum zum Atmen lassen und immer wieder ein paar Zählzeiten oder Takte Pause vorsehen.

Konzertaufstellung

Auch für die Gruppierung der Instrumente auf der Bühne gibt es keine verbindliche Norm. Die folgenden Anmerkungen wollen in diesem Sinne auch keine bestimmte Aufstellung propagieren, sondern einige zweckmäßige Sitzordnungen für das chorisch besetzte Saxophonorchester vorstellen. Die Größe des Orchesters, die Art der Bühne und der Charakter der gespiel­ten Literatur sind Faktoren, die bei der Wahl des einen oder anderen Modells zu berücksichtigen sind.

Die erste Variante orientiert sich an der bewährten Aufstellung des vierstimmigen gemischten Chores: Sopran und Alt vorne links und rechts, Tenor und Bass links und rechts dahinter. Für das fünfstimmige Saxophonorchester bedeutet dies: Sopran und Alt I als Dialogpartner einander gegenüber sitzend. Tenor und Bass dahinter, eventtuell durch Podeste leicht erhöht. Alt II an zentraler­ Stelle direkt vor dem Dirigenten.

Der nächste Vorschlag geht davon aus, dass die schweren Instrumente im Sitzen gespielt werden, die leichteren auch im Stehen. Bässe und Tenöre rücken nach vorne, Sopran- und Altspieler gruppieren sich im Halbkreis stehend hinter den tiefen Instrumenten. Das Stehen beim Spielen wirkt sich positiv auf die Bühnenpräsenz, das gemeinsame Atmen und den „Groove“­ aus.

Das dritte Modell bringt eine neue, sehr wirksame Idee. Hier rücken die Sopransaxophone hinten in die Mitte und nehmen damit eine Rolle ein, die man von den Trompeten beim Sinfonie- und Blasorchester kennt. In unserem Schulsaxophonorchester favorisieren wir diesen Platz für die Sopransaxophone.

Das letzte Beispiel zeigt eine große Besetzung. Die Bassgruppe findet sich in der Mitte des Orchesters, so kann sie von den übrigen Stimmen gut gehört werden. Die drei Reihen sind nach hinten in verschiedenen Höhenniveaus gestaffelt: Die Instrumentalisten der ersten beiden Reihen spielen sitzend, die Spieler der dritten Reihe im Stehen, die Sopransaxophone wieder in der Mitte. Klingt fantastisch!

Eine ungekürzte Version des Artikels finden Sie unter: www.saxophonorchester-variosax.de

Ähnliche Artikel

  • Mit Lernimpulsen aus Übersee aufs nächste Level - Ein transatlantischer Austausch in Sachen Bläserklassen
    13.04.2015 Ausgabe 4/2015 - 64. Jahrgang - Pädagogik - Christoph Breithack
  • Medienkompetenz vom Plattenteller - Interaktionsprozesse zwischen DJs und Publikum – ein Studie und ihre musikpädagogischen Aspekte
    04.07.2016 Ausgabe 7/2016 - 65. Jahrgang - Pädagogik - Andrea Mühlig, Susanne Stamm
  • Singen statt still sitzen - „klasse.im.puls“-Chorklassen und Nürnberger Symphoniker konzertierten
    30.08.2012 Ausgabe 9/2012 - 61. Jahrgang - Pädagogik - Heike Henning
  • Gefangen im Regelkreis - Zum Verhältnis von Musikindustrie und schulischer Musikerziehung
    31.08.2005 Ausgabe 9/2005 - 54. Jahrgang - Pädagogik - Klaus Velten
  • Zaghafte Fragen nach der zukünftigen Ausrichtung - Bewegte Zeiten: Zum Europäischen Rhythmikkongress an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien
    27.02.2010 Ausgabe 3/2010 - 59. Jahrgang - Pädagogik - Beate Robie