Wulf Weinmanns neues Puzzle in Progress

Zeitgenössische Musik beim Label Neos


(nmz) -

Das Neue in der Musik ist gewohnter Wahrnehmung oft widerstrebend, obwohl die Tradition nicht unbedingt als bekannt oder gar vertraut vorausgesetzt werden kann. In gewisser zeitlicher Distanz ist das nicht mehr so ganz Neue vielleicht akzeptiert, weil einige Komponisten bereits historische Relevanz haben. Je näher aber zur unmittelbaren Gegenwart Musik entsteht, desto blasser ist scheinbar die Neugier des Publikums darauf. Dieses Risikos bewusst, hat der CD-Produzent Wulf Weinmann nun geradezu programmatisch provokant das Label Neos – griechisch: neu – gegründet. Allerdings nicht im national begrenzten Radius, sondern mit einem internationalen Vertriebssystem in Europa, Ostasien und Australien sowie einigen kompetenten Kooperationspartnern wie Collegium Novum (Zürich), Musica Viva beim Bayerischen Rundfunk, Donaueschinger Musiktage und Festival de Musica de Canarias. Hinzu kommt sein Optimismus wenn er meint, dass „immer mehr Künstler, Ensembles und Orchester Neue Musik spielen und das Interesse des Publikums wächst.“

Ein Artikel von Hans-Dieter Grünefeld

Eine Koproduktion mit den Salzburger Festspielen ist die schon mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnete Live-Aufnahme der „Botschaften des verstorbenen Fräuleins R.V. Trussova“ (1980) von György Kurtág. Ein lyrisches Monodrama, dessen filigrane Klangmikrofasern hier transparent und pulsierend sind. Wozu die emotionalen Vibrationen im romantisch „… umdüstert …“ (2000) inspirierten Dialog, den Jörg Widmann für Bassklarinette und Kammerensemble komponiert hat, gut passen.

Ästhetisch eigenwillig, nämlich organisch geformt, sind „The Structure Of Echo – Lindauer Beweinung“ (2002) durch minimal modifizierte Motive und eine ekstatische Klimax sowie die jähen Kontraste mit Momenten der Agonie in der „Music For Piano, Saxophone, Percussion And Orchestra“ (2001) von Nikolaus Brass. Parallelwelten sind in „CAP-KO“ (2005), Concerto For Acoustic Piano, Keyboard And Orchestra, von Peter Eötvös zu erkennen, wenn beide Klaviere (eines davon digital gesteuert) als perkussives Double auftreten. Das satirische „Violinkonzert“ (1950) von Bernd Alois Zimmermann und das Chorwerk mit schwebenden Intervallen „Walden, The Distiller Of Celestial Dews“ (2000) von Martin Smolka ergänzen sich hier in nuce zu einem stilistischen Fokus unorthodoxer Klangfacetten. Exemplarisch für den Bereich Kammermusik sind die „Streichquartette Nr. 1–3“ (1983/1990/1998) von Erhard Grosskopf. Da sind eine ätherische Klangsäule mit polyphonen Reflexen (Nr. 1), eine versteckte Sonate (Nr. 2) und Raumklänge zu hören, deren molekulare Strukturen sich wie in Zeitlupe bewegen. Elemente der Minimalmusic hat auch Minas Borboudakis in seinen „Zykloiden I“ (2006) und „Palindromia“ (2004) verwendet, jedoch um postromantische Sinnlichkeit und „athletische Aspekte der Virtuosität“ erweitert. Seine „Klavierwerke“ sind mit klarem Formbewusstsein gestaltet. Konträr dazu ist die schon legendäre „Music For Piano“ (1952–1956) von John Cage aus dem Zufallsprinzip abgeleitet. Sabine Liebner hat mit den größtmöglichen Freiheiten diese Partituren und deren verstreute Phrasen figuriert, indem sie oft gleichzeitig den „normalen“ Klavierklang um abgedämpfte oder gezupfte Saiten erweitert hat, sodass sich gewisse Spannungen in diesen absichtlich neutralen Kontemplationen ergeben.
Die Neue Musik erscheint bei Neos also wie ein Puzzle in progress oder offenes Zukunftsprojekt. Etablierte und noch sich zu bewährende Kompositionen werden von hervorragenden Solisten und Ensembles auf höchstem Niveau präsentiert, wodurch Neugierde und die Bereitschaft zu unerwarteten Hörerfahrungen gefördert werden.

Diskografie

György Kurtág, Botschaften des verstorbenen Fräuleins R.V. Trussowa
Jörg Widmann, … umdüstert …
Claudia Barainsky, Sopran/Österreichisches Ensemble für Neue Musik, Ltg.: Rüdiger Bohn. Neos 10708

Erhard Grosskopf, Streichquartette Nr. 1–3
Arditti Quartet. Neos 10706

Peter Eötvös, CAP-KO
Bernd Alois Zimmermann, Konzert für Violine und großes Orchester
Martin Smolka, Walden, The Distiller Of Celestial Dews
Chor und Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, Ltg.: Peter Eötvös. Neos 10705

, Music For Piano 1–84
Sabine Liebner, Klavier
Neos 10703/04

Nikolaus Brass, Orchestral Works Vol. I
SWR RSO & SWR Vokalensemble Stuttgart, Ltg.: Rupert Huber
Benjamin Kobler, Klavier/Sascha
Armbruster, Saxophon/Pascal Pons, Percussion/RSO Berlin, Ltg.: Roland Kluttig. Neos 10702

Minas Borboudakis, Klavierwerke
Minas Borboudakis, Klavier und
Tonband. Neos 10701

www.neos-music.com

Tags in diesem Artikel

Ähnliche Artikel

  • Neusachlich expressiv
    01.03.2008 Ausgabe 3/2008 - 57. Jahrgang - Rezensionen - Isabel Herzfeld
  • Kleine Kosmen
    01.03.2008 Ausgabe 3/2008 - 57. Jahrgang - Rezensionen - Susanne Schmerda
  • Müheloser Schönberg
    01.03.2008 Ausgabe 3/2008 - 57. Jahrgang - Rezensionen - Juan Martin Koch
  • Plädoyer für Raff
    01.03.2008 Ausgabe 3/2008 - 57. Jahrgang - Rezensionen - Mátyás Kiss
  • Chagalls Monde
    01.03.2008 Ausgabe 3/2008 - 57. Jahrgang - Rezensionen - Michael Herrschel