Zehn Stücke

www.beckmesser.de (2016/03)


(nmz) -
Aus den Gullys steigen Dämpfe, durch die Straßen der ärmlichen Vorstadtsiedlung zucken Blitze, geflügelte feurige Frauengestalten sausen durch die Luft. Ein atemloser Augenzeuge auf der Straße teilt den Zuschauern mit, bei den gefährlichen Wesen handle es sich um sogenannte Walküren, und als – schwupps! – die nächste Feuergestalt heranstürmt, kann er sich gerade noch hinter einem Auto in Sicherheit bringen. Später sieht man auch das Orchester, das die Musik zu diesem aufregenden Spektakel erzeugt. Es spielt seinen Wagner in einer großen, leeren Lagerhalle, mit einer Lightshow im Hintergrund.
Ein Artikel von Max Nyffeler

So beginnt die Serie der „Ten Pieces“, mit denen die britische BBC den Schülern von elf bis vierzehn Jahren die klassische Musik näherbringen will. Eine andere Serie wendet sich an die Sieben- bis Zehnjährigen. Vorgestellt wurden die beiden Sendefolgen nun in Berlin bei der „Avant Première“, dem jährlich vom Internationalen Musik- und Medienzentrum (IMZ) Wien ausgerichteten Jahrestreffen der Musikfilmproduzenten. Das IMZ selbst hat sich in den letzten Jahren dieser Problematik verstärkt angenommen; als Koordinationsstelle ermuntert es seine Mitglieder zu entsprechenden Programmen und bindet diese in seine Veranstaltungen ein.

Die mit großem Aufwand für den Kinderkanal der BBC produzierte Serie „Zehn Stücke“ steht modellhaft für die aktuellen Versuche, bildungsferne Schichten an die Klassik heranzuführen. Die Bilder sind auf die Erlebniswelt der Kinder und Jugendlichen zugeschnitten: gemorphte Kunstfiguren, Verschmelzung von Fantasy-Welt und Alltag, saloppe Sprache, schnelle Schnitte und viele digitale Effekte, wie sie für die mit Mobiltelefon und Tablet aufwachsende Generation zur zweiten Natur geworden sind. Das Ganze spielt in jenen englischen Vorstädten, wo die multikulturelle Gesellschaft zu Hause und das Wort „Klassik“ unbekannt ist.

Im klassischen Einwandererland Großbritannien ist das kulturelle Auseinanderdriften der Gesellschaft Alltagserfahrung, und die BBC, ein Pionier im Genre der audiovisuellen Musikdokumentation, verfügt über eine lange Erfahrung und ein feines Instrumentarium, um diese Problematik in ihren Programmen produktiv anzugehen. Anders als die Deutschen haben die mehr pragmatisch orientierten Briten nie sterile Theoriedebatten um E und U geführt, und so gibt es in den „Zehn Stücken“ auch keine Hemmungen, die klassische Musik mit Alltag und Science Fiction zusammenzubringen. „Klassik“ reicht dabei von Bach bis Vaughan Williams, wobei jede Altersgruppe auf die ihr gemäße Weise angesprochen wird. Die Produzentin Serena Cross ist Mutter von zwei Kindern im Alter von sechs und elf Jahren und testet mit ihnen die Elemente der neu entstehenden Episoden. Dann wird alles gemacht, was das digitale Medium hergibt. Und das ist heute sehr viel. Die Musik soll die Fantasie der Kinder anregen und sich mit den Bildern zu einer neuen inneren Erlebniswelt verbinden.

Die Vermittlung erfolgt längst nicht nur auf dem angestammten BBC-Kinderkanal. Die „Zehn Stücke“ werden aus der Einwegkommunikation des Fernsehens herausgelöst und sind Teil eines komplexen Kommunikationsnetzes. Sie werden in Schulen oder für ganze Schulklassen in Kinos gezeigt, die Episoden können aus dem Netz heruntergeladen und damit auch jederzeit zu Hause angesehen werden. Händels „Coronation Anthem“, Vorlage der Champions League Hymne, wird von Schulklassen einstudiert, die im Kinderkonzert bei den populären Proms dann aktiv mitmachen.

Was kann man sich von solchen Versuchen versprechen? Sicher werden die Kids nun nicht ins nächste Sinfoniekonzert strömen. Aber vielleicht haben die neuen Klänge ihre Neugierde geweckt, und sie ahnen, dass es noch etwas anderes gibt als die mediale Massenkultur, mit der sie täglich zugemüllt werden. Und vielleicht fühlen sie sich dadurch etwas stärker an die Gesellschaft gebunden, der sie gleichgültig bis ablehnend gegenüberstehen, weil sie sich ausgegrenzt fühlen. Spekulationen, genährt durch die vielgerühmte Kraft der Musik.

Ebenso spekulativ ist wohl auch die Erwartung, dass damit die wackelige Basis der Hochkultur stabilisiert werden könnte. Das müssen diejenigen, die jetzt für sie verantwortlich sind, nämlich schon selbst leisten. Soziale Öffnung ist wichtig und richtig, aber die Erwartung, eine bloße Verpflanzung der Klassik in andere Milieus würde das Problem lösen, ist Hokuspokus. Wichtig sind die inneren Prozesse, die Verfeinerung der Wahrnehmung als Voraussetzung für das Verständnis der Musik.

Dieser Erziehungsprozess ist langwierig. Die brillant gemachten „Zehn Stücke“ sind dafür ein Anfang, aber nicht mehr.

Das könnte Sie auch interessieren: