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Alle Artikel kategorisiert unter »Helmut Hein«

Nachschub

01.02.02 (Helmut Hein) -

Die Erfindung des Rock’n’Roll war ein Kompromiss und ein Notbehelf: Die Musik der Schwarzen war in den frühen 50er-Jahren einfach besser, aufregender, „sexier“ – aber sie war „misfit“, nicht gesellschaftsfähig. Sie blieb beschränkt aufs Ghetto, auf die eigene Ethnie, kurz: „race music“. Wenn der R’n’B eine Chance bei den weißen Mittelstands-Kids haben wollte, dann musste er zuvor weiß (gewaschen) werden. Spätestens bei Elvis wurde die Rebellion intim und privat: nicht mehr Rassen- oder Klassenkampf, sondern nur noch „teenage riot“, sexuelle Revolution aus dem Geist der Nach-Pubertät.

Die Echtzeit-Glücksmaschine

01.02.02 (Helmut Hein) -

Sie waren die Newcomer des Jahres 2001: beigeGT, eine Band(e), die die Pop-Welt erneuert, weil sie sich auf deren älteste Kräfte und Motive besinnt. Pop-Musik verdankt sich, wie die Liebe, einem Paradox. Dass sie immer wieder neu beginnt, obwohl sie uralt ist. Wer anfängt, weiß zwar, dass andere längst am Ende sind, aber er spürt und glaubt es nicht. Und es gibt ein weiteres Paradox, das mit dem ersten zusammenhängt: Es gibt nichts Trostloseres, als eine alte Band, die partout Kraft und Optimismus verbreiten möchte – und nichts Euphorischeres als eine junge Band, die cool und zynisch ist. Nietzsche, der Sexy-Philosoph auch der jüngeren Generation, formulierte das so: Nur wer über einen starken Glauben verfügt, kann es sich leisten, zu zweifeln.

Nachschub

01.12.01 (Helmut Hein) -

Die „wiedergefundene Zeit“ Marcel Prousts ist unendlich dicht. An jedem Ort gespenstert es, weil das auslösende Ereignis andere in Erinnerung ruft, weil jedes Gefühl und jeder Gegenstand Teil nicht nur einer, sondern vieler Geschichten ist. Was die Gegenwart zum Leuchten bringt ist die Vergangenheit: noch das scheinbar banalste Vorkommnis wird zur Pforte des absoluten Glücks und des totalen Schreckens. Etwas Neues beginnt, indem etwas Altes, das man gewohnt war und das man geliebt hat, aufhört. Peter Bogdanovich erzählt in seiner legendären „Last Picture Show“, wie in einer staubigen Kleinstadt irgendwo in Texas in den 50er-Jahren das Kino verschwindet, weil sich das Fernsehen in den Zimmern, aber auch in den Leben und in den Herzen breit macht. Es ist ein wehmütiger Film; wie alle, die von Verlust und Abschied handeln. Und es geht noch um eine zweite Passage: nicht nur die von der großen Leinwand zum kleinen, aber allgegenwärtigen Bildschirm, sondern auch die von der Grenzenlosigkeit und Unschuld der Jugend zu einem Erwachsenenleben, das immer schon festzustehen scheint, weil ihm Sünde und Kalkül eine klare Kontur verleihen. Das Wichtigste und Erschütterndste an Bogdanovichs Film war sein Soundtrack: diese endlose Folge herzzerreißend-melancholischer Hank Williams-Songs, die schon damals, Anfang der 70er-Jahre, in einer völlig anderen Umgebung, so verschollen und so ergreifend wie nur möglich schienen. Wenn dieser Cowboy jodelte und sein trügerisches Herz beschwor, dann wurde selbst der abgebrühteste Post-68er-Student auf magische Weise mit ihm eins.

Harald Schmidt ist ein Produkt von Punk

01.12.01 (Helmut Hein) -

Selbst Marcel Reich-Ranicki ist inzwischen der Meinung, dass der große Roman der Gegenwart Woche für Woche im „Spiegel“ steht: Fakten, Statements, Reportagen hart montiert – nichts kann einen so schwindlig machen wie die pure Oberfläche der „Welt“. Jürgen Teipel, als szenekundiger Hardcore-Selbsterfahrungsjournalist immer schon ein Maniac, geht in seinem Punk-Doku-Roman noch einen Schritt weiter: wo der „Spiegel“ Wirklichkeit durch „Analyse“, Zynismus, Meinung wattiert, kommt bei ihm die Geschichte einer Generation vollkommen ungeschönt daher: als Theater der hundert Stimmen, als unaufhörlich-mäandernde Gedanken- und Gefühls-Collage all derer, die dabei gewesen sind.

Erfahrungen und Wünsche, die sich nie erfüllen

01.11.01 (Helmut Hein) -

Während in Techno und verwandten Formen der New Electronica das Subjekt zunehmend gelöscht wird und Erfahrung bloß noch als „Schmutz“ gedacht werden kann, als etwas, was die Reinheit der Struktur stört, gibt es im Bereich der Singer-/Songwriter eine heftige Gegenbewegung: Authentizität zählt; und authentisch ist nur das, was man selbst erlebt hat, was sich in den eigenen Körper und die eigene Seele eingeschrieben und dort Spuren hinterlassen hat. Konsequenterweise sind die Heroen des Songs alte Männer – allen voran Bob Dylan und Leonard Cohen, von denen es in diesem Herbst nach drei beziehungsweise zehn Jahren endlich neue Alben gibt.

Ein subversives Netzwerk im Untergrund

01.11.01 (Helmut Hein) -

Vielleicht verkörpert kein anderer so exemplarisch das Schicksal der Pop-Musik in Deutschland seit Mitte der 80er-Jahre wie Philip Boa: ein Gespräch über himmelstürmende Karrieren, jähe Katastrophen, notwendige Einsamkeit und die Lust auf Kooperation.

Das Rauschen auf dem Grund des Meeres

01.11.01 (Helmut Hein) -

Nichts ist so alt, so abgetan wie der letzte Schrei der Vor-Saison: Die Pop-Literatur, eben noch die Zukunft des Buches, wird anno 2001 mit viel Spott und Häme auf dem Schrottplatz der Geschichte entsorgt. Pop ist wieder zum Synonym für Wegwerf-Ware geworden. Thomas Meinecke aber, der eine Weile nolens volens auf dem marktgängigen Ticket reiste, wird bleiben, wenn die neuesten Darlings längst wieder vergessen sind...

Nachschub

01.11.01 (Helmut Hein) -

In der Pop-Musik gibt es keine Identitäten – jedenfalls keine, die fest und natürlich wären. Wer Pop macht, rechnet mit dem Schein: Sein Kapital sind die Wünsche und die Träume des Publikums, die er bedient; seine Methode ist die Täuschung. Im Lande Pop ist nichts Natur und alles Projekt. Der Held der Pop-Musik ist die Puppe, die ein Reflex des Begehrens des anderen ist. Sie imitiert Leben; aber sie lebt nicht.

Nachschub

01.10.01 (Helmut Hein) -

„Man muss absolut modern sein!“ Das bilderstürmerische Motto der Avantgardisten-Ikone Rimbaud wurde zum Leitmotiv der ästhetischen Bewegungen seit dem Ende des 19. Jahrhunderts, die vor allem eins sein wollten: up to date, und zwar ohne Rücksicht auf Verluste. Und selbst der vergleichsweise coole Bert Brecht befand, dass man sich besser am schlechten Neuen als am guten Alten orientiere. Im Lande Pop verband sich dann die Überbietungs- und Aktualitäts-Ästhetik noch mit den Gesetzen des Marktes, der nur ein Regime zu kennen scheint: das der „nouveauté“. Nichts ist so alt wie die Neuheit von gestern: das kann rasch zum Problem werden für die Helden und Herrscher der letzten Saison. Wer nicht einfach verschwinden oder in engen Genre-Nischen überleben will, der muss sich etwas überlegen. „Relaunch“ heißt das Zauberwort post-moderner Ökonomie und PR-Kunst.

Ich seh’ Zwerge lange Schatten werfen

01.09.01 (Helmut Hein) -

Blumfeld, Deutschlands führende Marke für Weltschmerz und Revolte, kann, wovon andere Konzerne bloß träumen: jedem solange den Kopf verdrehen, bis er nur noch eines will – mehr von diesem Stoff. Die neue musikzeitung dreht das Album auf volle Lautstärke, sucht noch nach den leisesten Zwischentönen in Großfeuilleton-Elogen und WG-Wohnküchen-Bekenntnissen und prüft die Gründe für den durchschlagenden Erfolg der Schlechtgelaunten.

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