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 Am 6. November waren Freiburger Lehrbeauftragte im Rahmen des Aktionstages auf die Straße gegangen. Foto: Anastasia Varelli
Am 6. November waren Freiburger Lehrbeauftragte im Rahmen des Aktionstages auf die Straße gegangen. Foto: Anastasia Varelli
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Wende im Südwesten: Zumutungen statt Kürzungen

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Die Serie der Zukunftskonferenzen über Baden-Württembergs Musikhochschulen fand in Stuttgart ihren Abschluss
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Niedersachsen hat eine, Bayern drei, NRW vier, Sachsen-Anhalt und Rheinland-Pfalz sogar gar keine. Warum hat Baden-Württemberg fünf Musikhochschulen? Und braucht es diese? Auf über fünf Jahrzehnte CDU-Alleinherrschaft, in denen – vor allem in der Ära Späth – Kunst und Kultur im Sinne einer Repräsentationskultur großzügig gefördert wurde, folgte seit 2011 eine neue Zeit mit neuen Fragen.

Die kleinteilige Struktur – Stuttgart als größte Hochschule kommt im bundesweiten Größenvergleich gerade ins obere Drittel, Trossingen belegt den letzten Platz – ist historisch gewachsen. Das südwestliche Bundesland besteht nicht nur aus Baden und Württemberg, sondern ist in vier Regierungsbezirke gesplittet, auf die sich die fünf Hochschulen verteilen. Die kleinteilige Struktur war auch eine politisch gewollte, denn Kultur, und insbesondere Musikkultur ist in Baden-Württemberg nicht nur eine Sache der Metropolen, sondern wird auch in der Fläche angeboten, wahrgenommen und vor allem auch praktiziert.

Die Überraschung war daher groß, als das rot-grüne Wissenschaftsministerium – ausgelöst durch einen Sparimpuls des Landesrechnungshofes – den fünf Hochschulen in Stuttgart, Karlsruhe, Mannheim, Freiburg und Trossingen Sparauflagen von 4 bis 5 Millionen Euro verordnete, die weit über das Bundesland hinaus für Proteste sorgten, weil sie die Existenz der Standorte Trossingen und Mannheim in Frage stellten, die Entmusikalisierung ganzer Landstriche zur Folge gehabt und das Musikland Baden-Württemberg ins Mittelmaß zurückgestuft hätten. In den vergangenen Monaten wurden beinahe 100.000 Unterschriften gesammelt, Unterstützungsschreiben von den Berliner Philharmonikern bis zur Mailänder Scala, von Sir Simon Rattle bis Lorin Maazel trafen ein. Auch der Deutsche Musikrat und andere Musikverbände engagierten sich. Inzwischen scheint sich ein Wandel in der Kulturpolitik anzudeuten: Ob dieser gewissermaßen „kultur-intrinsisch“ motiviert ist oder daher rührt, dass man erkannt hat, dass es sich leichter regieren lässt, wenn man die Künstler auf seiner Seite hat, bleibt offen. Die grün-rote Landesregierung hat jedenfalls den Kulturhaushalt 2015/16 nachträglich um 60 Millionen Euro erhöht. Eine Million davon ist der Stärkung des Musiklands Baden-Württemberg gewidmet.

Auch die Sparvorschläge des Ministeriums gegenüber den Musikhochschulen sind de facto vom Tisch. Wie alle Universitäten im Land erhalten auch die Musikhochschulen drei Prozent mehr Geld im Jahr, kündigte die baden-würt-tembergische Wissenschaftsministerin Theresia Bauer auf der Abschlussveranstaltung „Zukunftskonferenz Musikhochschulen“ in der Musikhochschule Stuttgart an. Das entspreche 28 Millionen Euro in den kommenden sechs Jahren. In der Pressemitteilung des Minis-teriums heißt es dazu genauer: „Davon fließen 11,5 Millionen Euro direkt in die Grundfinanzierung zur Ausfinanzierung des stellenbewirtschafteten Personals. Die weiteren 16,5 Millionen Euro stehen zweckgebunden ausschließlich für den Veränderungsprozess zur Verfügung und sind an Zielvereinbarungen oder den Aufbau der Landeszentren geknüpft.“ Immerhin: Statt 4 bis 5 Millionen Kürzungen pro Jahr nun etwa eine Million mehr für den jeweiligen Hochschulhaushalt.

Alle fünf Hochschulen bleiben als eigenständige Hochschulen mit dem Vollangebot erhalten. Konkret werden sogenannte Kernfächer – insbesondere Orchesterinstrumente, Klavier, Gesang – weiterhin angemessen an allen fünf Standorten angeboten. Dies trifft auch auf die Schulmusikausbildung zu. Neue gesellschaftlich relevante Fächer wie Elementare Musikpädagogik, Gitarre, Ensembleleitung für Amateurmusik und Weltmusik werden ausgebaut; andere Spezialfächer werden hingegen nur noch an einzelnen Standorten angeboten. Ministeriell gewünscht ist künftig eine stärkere Profilierung und die Ausbildung von Landeszentren. Neu mit am Tisch der Landesrektorenkonferenz ist die Popakademie Mannheim, die sich neben ihrem bisherigen Angebot auch verstärkt der Themen Weltmusik und außereuropäische Musikkulturen annehmen soll. Auch sollen die Hochschulen stärker als bisher ihre Absolventen auf einen sich stark verändernden Arbeitsmarkt vorbereiten.

Klare Profilbildung, mehr Qualität im Studium, eine gesellschaftliche Öffnung und die Reduktion der Studierendenzahlen auf Basis des Niveaus von 1998, das sind die Eckpfeiler für die Weiterentwicklung der Musikhochschulen in Baden-Württemberg, die in eine „Exzellenzinitiative für Musikhochschulen“ münden. Gestemmt werden soll der Strukturwandel mittels einer zwanzigprozentigen Erhöhung des Teil-Budgets für Lehrbeauftragte und Dauerbeschäftigungsverhältnisse aller fünf baden-württembergischen Hochschulen. Davon übernimmt das Land die Hälfte, die andere Hälfte müssen die Musikhochschulen aufbringen. „Das geht nicht ohne spürbare Veränderungen an allen Standorten“, sagte Theresia Bauer.

Womit wir bei den „Zumutungen“ (O-Ton Bauer) wären: Im Klartext meint die Ministerin Änderungen in der Personalstruktur und schlägt dafür zwei Instrumente vor:

1. Im Moment sind 80 Prozent der Professuren im „Ländle“ W3-Professuren, zukünftig müssten dies mehr W2- und W1-Professuren sein. Vorbilder dafür seien Hessen oder NRW; aber auch alle anderen Bundesländer hätten deutlich weniger W3-Professoren als Baden-Württemberg, so die Ministerin.

2. Nötig sei auch eine neue Wochenstunden-Bandbreite bei Lehrbeauftragten und im Mittelbau, nämlich 24 bis 28 Wochenstunden.

Der Vorsitzende der Landesrektorenkonferenz, Rudolf Meister, stellte in der anschließenden Diskussionsrunde diese Forderung in Frage, denn ohne entsprechende Honorierung gäbe keine Exzellenz.

Die Bundeskonferenz der Lehrbeauftragten an Musikhochschulen (bklm) „begrüßte ausdrücklich“ die von Wissenschaftsministerin Bauer angekündigten Verbesserungen im Lehrauftragsbereich. Den von Rektorenseite gemachten Vorschlag, die Lehrverpflichtung im Akademischen Mittelbau zu erhöhen, wies die bklm aber ebenso ausdrücklich zurück: „Dies würde signifikant zur Verschlechterung der Betreuungsqualität der Studierenden führen und den Beschäftigungsverlust vieler Lehrbeauftragten bedeuten.“ (Sie­he auch den Kommentar auf Seite 1.)

Nach der Abschlusskonferenz ist der Ball an die Gremien der Musikhochschulen zurückgespielt. An diesen wird es in den nächsten Wochen und Monaten liegen, innerhalb des neu gesteckten Rahmens Exzellenz zu produzieren. Die einzigen Hochschulen, die sich bereits öffentlich zu ihrer neuen Profilierung äußerten, waren Freiburg, wo man über das Profil „Dirigieren“ und „Kirchenmusik“ nachdenkt, und Mannheim, wo man derzeit an einer erneuerten Klavierausbildung arbeitet.

Der Strukturwandel steht also erst am Anfang, die Bildung von Landeszentren und Profilen wird hochschulintern, aber auch zwischen den Hochschulen eine Menge an Zündstoff mit sich bringen. Während der Diskussion in Stuttgart waren die Rektoren sichtlich bemüht, kein weiteres Porzellan zu zerschlagen. Der Freiburger Rektor Rüdiger Nolte empfand die Veranstaltung als „feierlichen Abschluss“ der Zukunftskonferenz. Ministerin Theresia Bauer sei es zu verdanken, dass man aus der Krise herausgekommen sei und jetzt an eine qualitative Verbesserung denke. Dazu ist den Beteiligten durchaus auch der „Mut zu mehr Streitkultur“ zu wünschen, wie ihn Elisabeth Gutjahr, Rektorin in Trossingen, einforderte.

Leserbrief dazu (Ausgabe 2015/02)

Hochschule für Musik Mainz
Zum Artikel „Wende im Südwesten: Zumutungen statt Kürzungen“, nmz 12/2014 – 1/2015, Seite 29

Sehr geehrter Herr Kolb,
dürfte ich Sie höflich bitten, eine Falschdarstellung in Ihrem Artikel in der jüngsten nmz (Hochschule), Seite 29, richtigzustellen: Sie schreiben, dass das Land Rheinland-Pfalz über keine Musikhochschule verfügt. Das stimmt nicht, denn in der Landeshauptstadt befindet sich die Hochschule für Musik Mainz, die mit jährlich über 240 Konzert- und Opernveranstaltungen das kulturelle Leben der Rhein-Main-Region bereichert. Das Studienangebot der zehn Abteilungen ist umfassend und die Absolventen setzen sich auf dem Arbeitsmarkt erfolgreich gegen andere Bewerber durch (siehe Homepage www.musik.uni-mainz.de, Aktuelles & Presse, Auszeichnungen). Eine Expertenkommission hat zuletzt 2013 im Rahmen einer Evaluation die Vollwertigkeit der HfM Mainz unterstrichen.

Benjamin Bergmann
Professor für Violine, Hochschule für Musik Mainz an der Johannes Gutenberg-Universität.

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