Der Kongress „Musikalische Bildung im Ökosystem Musik“ des Deutschen Musikrats in Berlin (siehe unseren Bericht auf Seite 13 dieser Ausgabe) versuchte, in der Zusammenführung wichtiger Akteure und in der Beleuchtung weiter Themenspektren einen großen Wurf zu landen. Im Gedächtnis blieben neben dem immer wieder gern genommenen Gefühl großer Gemeinsamkeit im Kampf für die gute Sache vor allem zwei mehr oder weniger griffig formulierte Perspektiven.
Zartes Pflänzchen mit Potenzial: Die vierte Ausgabe der musikmesse akustika in Nürnberg lockte alte und neue Aussteller an. ConBrio Verlag und neue musikzeitung waren vor Ort (Seiten 31 & 32). Foto: Juan Martin Koch
Auf der Suche nach dem richtigen Vokabular
Es war ein typischer Kongress-Moment: Um sich nicht den Vorwurf gefallen lassen zu müssen, man schmore mal wieder nur im eigenen Saft, hatte man bei der Tagung an der Universität der Künste Berlin einen Naturwissenschaftler als Referenten – pardon: Keynote-speaker eingeladen. Anschaulich berichtete Dirk Brockmann von der TU Dresden von überlebensrelevanten Symbiosen in der Tier- und Bakterienwelt und stellte dem Darwinistischen Prinzip des „Survival of the fittest“ das Motto „Survival of the nettest“ entgegen. Prompt wurde die hoffnungsfrohe Erkenntnis, dass im Tierreich bisweilen kooperieren mehr bringt als bekämpfen, in zahlreichen Panels wieder aufgriffen.
Der possierliche Tintenfisch, der Leuchtbakterien in seinem Körper willkommen heißt, die ihn dann wiederum bei der Tarnung gegen Fressfeinde unterstützen, wurde gleichsam zum heimlichen Maskottchen der Tagung. Eine schiefe Analogie zur Rolle der Musik in der Gesellschaft zu versuchen, soll hier besser unterbleiben.
Als zweiten wiederkehrenden Zuversichtssschimmer versuchte man außerdem das zu beschwören, was die Generalsekretärin des Musikrats Antje Valentin zum Auftakt des Kongresses – eher vage denn theoretisch oder konkret unterfüttert – ins Spiel gebracht hatte: einen „Musical turn“. Der Begriff des „turn“, also der Wende, stammt primär aus dem geistes- und sozialwissenschaftlichen Bereich. Der Begriff „Cultural turn“ zum Beispiel beschreibt dabei eine Fülle verschiedener Neuorientierungen in der Bewertung und Einordnung kultureller Phänomene, darunter die von Pop- und Alltagskultur.
Auch die gestiegene Wertschätzung des Sports im 20. Jahrhundert kann man darunter zählen und insofern passte die Hypothese des „Spiegel“-Reporters und Buchautors Ullrich Fichtner („Die Macht der Musik“) ins Bild: Er rechnete vor, wie mit einer gewissen Verspätung nach entsprechenden wissenschaftlichen Studien zu dessen gesellschaftlichem und volkswirtschaftlichem Nutzen eine in den 1960ern noch undenkbare „Sportifizierung“ eingesetzt habe. Wie damals zum Sport gebe es mittlerweile eine ähnliche kritische Masse an Erkenntnissen und Fakten zu den Segnungen der Musik, man müsse diese nur entsprechend breit und gekonnt kommunizieren, um ähnliches zu erreichen.
Das klingt verlockend und vielleicht wäre es tatsächlich eine gute Idee, nach außen – im Dialog mit Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft – anstelle des üblichen Jammer- und Bittsteller-Jargons ein „Vokabular der Stärke“ zu entwickeln und zu verwenden, wie es Musikrats-Präsidentin Lydia Grün zum Abschluss der Tagung in Aussicht stellte. Das entlässt die Akteure in Institutionen und Verbänden aber nicht aus der Pflicht, jene vielen Baustellen auch selbst beherzt anzugehen, die – bei aller berechtigten Begeisterung für viele der vorgestellten Initiativen und Projekte – vor allem von Kongressteilnehmer:innen schonungslos beim Namen genannt wurden.
Denn die alarmierenden Bewerberzahlen für musikpädagogische Studiengänge hängen zwar unter anderem stark mit den – primär politisch zu lösenden – Arbeitsbedingungen an Musikschulen und im privaten Sektor zusammen (siehe die Ergebnisse der Mikado-Studie), doch auch die Ausbildungsinstitute, allen voran die Musikhochschulen, müssen ihre Anstrengungen wohl noch deutlich erhöhen.
Wer weiß, vielleicht gerät ja die anstehende Tagung der Rektorenkonferenz im Mai zum Beginn eines „Educational turn“? Traut sich vielleicht mal eine Hochschule, sich radikal neu aufzustellen und die Exzellenz auf dem Gebiet des Künstlerisch-Pädagogischen, der Elementaren Musikpädagogik und der Vermittlung – das Jungstudium eingeschlossen – auch unter Berücksichtigung der Inklusion, der Diversität und der kulturellen Vielfalt konsequent zu Ende zu denken? In Sachen Finanzierung wäre das mal ein wirklich lohnendes Objekt für eine Extraförderung seitens des Bundes und für ein nachhaltiges Sponsoring aus der freien Wirtschaft.
Was den Bund betrifft, so macht der von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer beim Berliner Kongress vage in Aussicht gestellte „Schulterschluss aller beteiligten Akteure zur nachhaltigen Stärkung der Musikalischen Bildung“ nur bedingt Hoffnung. Denn am Ende werden die wichtigen kultur- und bildungspolitischen Weichen ja doch in den Ländern und Kommunen gestellt, die entscheidende Lobbyarbeit muss also vor Ort passieren.
Ein Zeichen der Stärke könnte es da vielleicht auch mal sein, ein Jahr lang kein Musikschulensemble für die Umrahmung städtischer Empfänge oder ähnlicher Veranstaltungen zu entsenden oder solche Auftritte für kreative Formen des Protests zu kapern. Kompositionsaufträge für entsprechend hinterfotzige Festmusiken mit würzigen Textpassagen könnten ein interessantes neues Genre ins Leben rufen. Möglicherweise überleben ja doch die, die nicht immer nur nett sind.
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