Bewahren und sorgfältig weiterentwickeln – Prof. Ehrhard Wetz, Prof. Andre Schoch und Niklas Austermann zeigen, wie die Orchesterakademie Rhein-Neckar (OARN), die in der Spielzeit 2026/27 den Namen Bläserakademie erhält, seit 20 Jahren erfolgreich akademische Ausbildung mit professioneller Orchesterpraxis in der Metropolregion Rhein-Neckar zur Förderung des Orchesternachwuchses verbindet. Es ist ein herausragendes Best-Practice-Modell zur Ausbildung von Orchestermusiker:innen.
Prof. Andre Schoch, Marcelin Huguet (Schlagzeug), Heorhii Koliada (Horn), Niklas Austermann (Trompete), Seohee Kim (Oboe), Luna Vissers (Harfe), Prof. Ehrhard Wetz (v. links n. rechts). Foto: Ehrhard Wetz
Exklusive Orchesternachwuchsförderung
Herr Prof. Wetz, vor 20 Jahren gab es noch wenige Orchesterakademien in Deutschland. Was ist Inhalt und Ziel der OARN in Mannheim?
Ehrhard Wetz: Mit der Gründung der OARN war und ist es unser Ziel, Studierende speziell auf die Tätigkeit als Orchestermusiker:innen vorzubereiten und professionellen künstlerischen Nachwuchs im Bereich Orchesterinstrumente zu fördern. Damals gab es nur wenige Orchesterakademien wie beispielsweise diejenige der Berliner Philharmoniker. Unser Akademieprogramm wurde auf Initiative der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Mannheim unter Federführung unseres Präsidenten Prof. Rudolf Meister ins Leben gerufen. Ich übernahm die Koordination. Die nötige Anschubfinanzierung leistete ein großzügiger Unterstützer aus der Region. Momentan haben wir fünf Akademiestipendiat:innen. Seit letztem Jahr hat mein Kollege Professor Schoch die Leitung der Akademie übernommen.
Andre Schoch: Nach 20 Jahren Orchesterakademie wurde in Absprache mit den vier Orchestern eine Schärfung des Profils angestrebt. Hierfür wird die Akademie in Zukunft nur noch exklusiv für Blasinstrumente angeboten und in Bläserakademie Rhein- Neckar (BARN) umbenannt. Die Idee dahinter ist, das inhaltliche Angebot der Akademie zu erhöhen und gezielter auf die Bedürfnisse und Entwicklungen der Akademist:innen eingehen zu können.
Welche Voraussetzungen sind für die Teilnahme am Programm der Akademie nötig?
Niklas Austermann: Wer von uns Studierenden in die Akademie aufgenommen werden will, muss ein Probespiel bestehen. In diesem muss man ein Pflichtkonzert und für das jeweilige Instrument wichtige Orchesterstellen vortragen. Ich bin überaus glücklich, einen Akademieplatz erhalten zu haben, denn es ist ganz wunderbar, solch intensive Einblicke in die Konzert- und Opernorchesterliteratur zu erhalten.
Wertvolle Praxiserfahrung in vier Orchestern
Wie genau ist die Orchesterpraxis in das Studium eingebettet?
Wetz: Die Akademist:innen werden an der Hochschule in den Studiengang „Zusatzstudium Orchestersolist“ eingeschrieben. Innerhalb eines Jahres absolvieren sie zirka 120 Dienste möglichst gleichmäßig verteilt in unseren vier Partnerorchestern, die sich räumlich dicht beieinander in der Metropolregion Rhein-Neckar befinden.
Haben die Orchester sehr unterschiedliche Profile?
Schoch: Ja, genau das macht den besonderen Reiz unseres Programms aus. Es hat ein gewisses Alleinstellungsmerkmal unter den zahlreichen Orchesterakademien. Die gewonnene Spielpraxis in den vier verschiedenen Orchestern variiert stark und bietet den Stipendiat:innen einen besonders komprimierten Reichtum an Orchestererfahrung. Das Kurpfälzische Kammerorchester spielt Kammerorchesterrepertoire, das Nationaltheater Mannheim und das Theater & Orchester der Stadt Heidelberg haben Opern- und symphonische Orchesterliteratur auf dem Programm. Die Deutsche Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz Ludwigshafen ist vornehmlich auf symphonische Werke spezialisiert. Somit tauchen die Stipendiat:innen in die gesamte Palette existierender Orchesterliteratur ein.
Herr Austermann, wie nehmen Sie dies als Trompeter und Stipendiat wahr?
Austermann: Ich bereite mich akribisch auf die Dienste in den verschiedenen Orchestern vor. Nach mehreren Monaten kann ich inzwischen ein bisschen entspannter und unaufgeregter hineingehen. Ich habe mich schnell eingewöhnt und komme in allen vier Orchestern inzwischen sehr gut zurecht.
Wetz: Niklas ist wie die anderen Akademiemitglieder einer unserer äußerst talentierten Nachwuchsstudierenden. Er hat das Probespiel vor einem Auswahlgremium bestanden, welches sich aus Professor:innen der Musikhochschule und Vertreter:innen der vier Orchester zusammensetzt.
Wie sieht es mit der Finanzierung der Akademie aus?
Schoch: Die Stipendiengelder werden von den vier Orchestern getragen. Bei der in der Spielzeit 2026/27 beginnenden Bläserakademie Rhein- Neckar (BARN) beträgt das monatliche Stipendium 850 Euro. Außerdem erhalten die Akademist:innen von der Hochschule ein Stipendium von 700 Euro pro Semester in Form von Erlass der für das Zusatzstudium vorgesehenen Studiengebühren.
Technisches und mentales Training sind essentiell
Wie ist der weitere Teil des Akademie-Programmes strukturiert?
Schoch: Alle Stipendiat:innen haben Anspruch auf Hauptfachunterricht in Höhe von zwei Semesterwochenstunden. Wir Professor:innen erarbeiten mit ihnen im Einzelunterricht die Probespielkonzerte und Orchesterstellen für ihr jeweiliges Instrument. Wir feilen immer weiter an technischen und klanglichen Details. Damit werden sie natürlich auch auf spätere Probespiele für eine Orchesterstelle vorbereitet. Zusätzlich bieten wir ihnen zur Vorbereitung auf die Orchesterdienste eine Vielzahl an Satzproben an. Sie lernen dabei besonders, sich klanglich zu integrieren und sich wertschätzend zu begegnen. Stipendiat:innen sind aktuell Niklas Austermann, Seohee Kim (Oboe), Heorhii Koliada (Horn), Marcelin Huguet (Schlagzeug) und Luna Vissers (Harfe).
Wetz: Als weitere Ergänzung bieten wir den Akademist:innen regelmäßige Probespieltrainings mit uns Professor:innen und Mitgliedern aus den vier Orchestern an. Dadurch wird eine positive Routine erreicht und sie werden nachhaltig auf Probespiele bei Orchestern vorbereitet. Auch der mentale Aspekt spielt hierbei eine große Rolle.
Wie gestaltet sich ein mentales Training für Musiker:innen?
Schoch: Wir arbeiten in der Akademie mit hochqualifizierten Mental-Coaches sowohl in Gruppen-als auch in Einzelsitzungen. Hierbei werden die mentalen Prozesse der Probespielsituation intensiv trainiert und optimiert.
Austermann: Die Arbeit in der Akademie ist sehr individuell und praxisorientiert. Ich erhalte, wie die anderen Akademist:innen auch, ein gezieltes und intensives Auftrittscoaching. Ich bekomme sehr praktische Tipps und immer wieder Rückmeldung darüber, wie ich mich in verschiedenen Situationen verhalte. Wir beschäftigen uns mit Atemübungen und Entspannungstechniken genauso wie mit speziellen Techniken, um hochkonzentriert künstlerisch auf der Bühne und in den Proben tätig sein zu können. Elementar wichtig sind auch ganz einfache Dinge wie die Fähigkeit, sich den Tag gut zu strukturieren.
Mentoring ist wichtig
In welchem Orchester spielen Sie besonders gerne mit, Herr Austermann?
Austermann: Ich spiele in allen vier Orchestern sehr gerne mit und habe keine persönliche Präferenz. Jedes unserer Orchester hat seine eigene Art.
Hat sich Ihre Spielkultur durch die intensive Praxiserfahrung verändert?
Austermann: Ich merke schon, dass ich deutlich routinierter geworden bin. Ich kann besser zuhören, darauf achten, mit wem ich gerade im Orchester musiziere, besser wahrnehmen, was um mich herum passiert. Es geht alles einfacher und schneller.
Gibt es Dinge, die Sie aus Ihrer Sicht an der Akademie optimieren würden?
Austermann: Ich bin grundsätzlich sehr zufrieden. Es fühlt sich immer jemand zuständig in den Orchestern und kümmert sich um mich.
Schoch: Teil des Akademiekonzepts ist das Mentoring durch Orchestermitglieder. Es gibt in jedem Orchester eine Ansprechperson, welche die jungen Musiker:innen in Ergänzung zum Unterricht der Professor:innen auf die Orchesterdienste vorbereitet.
Ziel Orchestermusiker – doch wie?
Erhöht der Akademiebesuch im Lebenslauf die Chance auf eine Einladung zum Probespiel?
Wetz: Das nach wie vor häufigste Ziel von Studierenden der Orchesterinstrumente ist, eine feste Orchesterstelle zu bekommen. Die Tatsache, dass man an einer Akademie teilgenommen hat, ist sehr wichtig, um überhaupt zum Probespiel eingeladen zu werden. Viele unserer ehemaligen Akademist:innen haben von der Akademie aus direkt einen Zeitvertrag oder eine Festanstellung in einem Orchester erhalten.
Ist es üblich, mehrere Akademien zu besuchen?
Schoch: Das ist wirklich individuell. Ich habe als junger Trompeter zwei Akademien besucht. Lustigerweise genau bei den Orchestern, bei denen ich dann später Festanstellungen hatte – beim Philharmonischen Staatsorchester Hamburg und den Berliner Philharmonikern.
Ich habe es sehr genossen, zwei völlig verschiedene Akademien zu besuchen. Die eine war mit einem Sinfonieorchester verknüpft, die andere mit einem Opernorchester, was für mich großartig war. Das Besondere an unserer Akademie ist eben, dass man in allen Orchesterformen gleichermaßen Erfahrung sammelt.
Prof. Andre Schoch, Niklas Austermann, Prof. Ehrhard Wetz (v. links n. rechts). Foto: Nico Lindenthal
Sehen Sie die anderen Stipendiat:innen in den Orchesterproben und Aufführungen? Sind Sie im gegenseitigen Austausch?
Austermann: Nur bedingt. Aufgrund unserer verschiedenen Instrumente spielen wir in verschiedenen Orchestern zu unterschiedlichen Zeiten und bei verschiedenen Werken mit. Allerdings gab es ein interessantes Kammermusikprojekt, bei dem alle Akademist:innen in unterschiedlichen Formationen mitgewirkt haben. Als schöner Abschluss dessen fand ein Konzert im Rittersaal des Mannheimer Schlosses statt.
Worauf sind Sie bezüglich der Akademie besonders stolz?
Wetz: Viele unserer Stipendiat:innen sind direkt im Anschluss an unsere Akademie in Zeitverträge gekommen – und zwar zum Beispiel in namhafte Häuser wie die Oper Frankfurt, die Staatsoper Hamburg und das Staatstheater Nürnberg. Was die Festanstellungen anbelangt, so ist beispielsweise der Solo-Englischhornist des Royal Philharmonic Orchestra London bei uns gewesen. Wir haben Akademist:innen von uns in zahlreichen europäischen Orchestern verteilt, aber auch in China und in Katar. Die Akademie wurde aufgrund ihres interessanten organisatorischen Ansatzes vom Deutschen Bühnenverein ausgezeichnet. Auch die Rektorenkonferenz der deutschen Musikhochschulen hebt die Akademie entsprechend positiv hervor. Das ehrt unsere Arbeit mit den jungen talentierten Menschen.
Andre Schoch, Professor für Trompete und neuer BARN-Koordinator an der Musikhochschule Mannheim, davor Trompeter bei den Berliner Philharmonikern und Dozent an der Karajan- Akademie. Vielfältige solistische Aktivität, u. a. mit dem Phil. Staatsorchester Hamburg, dem Royal Bangkok Symphony Orchestra, dem Prager und dem Stuttgarter Kammerorchester. Mitglied bei „The Philharmonic Brass“ und „German Brass“.
Ehrhard Wetz, Professor für Posaune und 20 Jahre Koordinator der OARN an der Musikhochschule Mannheim, davor Soloposaunist beim Staatsorchester Stuttgart und beim NDR-Sinfonieorchester Hamburg, Mitglied des Bayreuther Festspielorchesters. 1996 Professur an der Musikhochschule Lübeck, seit 2000 in Mannheim, dort 12 Jahre Vizepräsident.
Niklas Austermann, 26, ist Stipendiat der Orchesterakademie Rhein-Neckar (OARN).
Luna Vissers, 29, ist Harfenistin: „Ich komme aus der Schweiz und absolvierte dort bereits ein Orchesterpraktikum. Nun erhoffe ich mir als Stipendiatin der OARN, dass ich für Orchesterprobespiele in Deutschland noch bessere Chancen habe.“
Cedrik Janas, 30, ist Posaunist in der Radiophilharmonie Saarbrücken-Kaiserslautern: „Mit Freude erinnere ich mich an eine für mich sehr spannende Zeit in der Orchesterakademie Rhein- Neckar in der Spielzeit 2018/19. In kurzer Zeit konnte ich viele Einblicke in die Arbeitsweise und das Repertoire ganz unterschiedlicher Orchester bekommen.“
- Share by mail
Share on