Oper ist seit jeher ein „unmögliches Kunstwerk“: eine übersteigerte, artifizielle Form, in der gesungen, gespielt, musiziert und inszeniert wird – oft gleichzeitig und in größter Verdichtung. Menschen äußern existenzielle Gefühle im Gesang, politische Konflikte werden musikalisch verhandelt, und selbst Gewalt erscheint in ästhetischer Überhöhung. Gerade in dieser Unwahrscheinlichkeit, in dieser Mischung aus Pathos, Künstlichkeit und Intensität, liegt die anhaltende Faszination der Gattung. Oper ist dabei immer ein kollektives Medium: Sie entsteht nur durch das Zusammenspiel zahlreicher Beteiligter – sichtbar auf der Bühne und unsichtbar im Hintergrund. Paradoxerweise wird dieses Zusammenspiel in der Ausbildung jedoch häufig fragmentiert vermittelt. Sänger:innen, Komponist:innen, Regisseur:innen und Dramaturg:innen arbeiten meist nebeneinander statt miteinander, jede Disziplin folgt ihren eigenen Logiken und Routinen. Genau hier setzt das Projekt „Under Construction“ an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg an.
Szenenfoto von „Die Gestalt“ aus „Under Construction“. Foto: Haonan Guo
Musiktheater als offener Prozess
Die zentrale Idee ist ebenso einfach wie radikal: Musiktheater nicht als fertiges Produkt zu begreifen, sondern als offenen Prozess. Studierende verschiedener Disziplinen sollen frühzeitig zusammenkommen, Perspektiven austauschen, Arbeitsweisen kennenlernen und gemeinsam neue Werke entwickeln. Im Vordergrund steht nicht das perfekte Resultat, sondern ein vertieftes gegenseitiges Verständnis sowie die Erfahrung eines echten künstlerischen Dialogs. Damit wird auch die traditionelle Hierarchie der Opernproduktion – Libretto, dann Komposition, dann Inszenierung – bewusst infrage gestellt und neu gedacht. Gerade für die zeitgenössische Oper ist eine solche Offenheit entscheidend. Verbindliche Formen und Konventionen sind weitgehend aufgelöst, und grundlegende Fragen stehen neu zur Disposition: Was bedeutet Erzählen im Musiktheater heute? Welche Rolle spielt die Stimme? Wie verhalten sich Text, Klang und Szene zueinander? Kollaboration wird unter diesen Bedingungen nicht nur zu einer Option, sondern zu einer Notwendigkeit. Gleichzeitig bleibt eine gewisse Skepsis angebracht: Die Idee eines umfassenden „Alle zusammen“ wirkt verlockend, ist jedoch keineswegs konfliktfrei und wirft zahlreiche ungeklärte Fragen auf.
Ein Ausgangspunkt des Projekts war die Beobachtung, dass viele Gesangsstudierende ein vergleichsweise enges Repertoireverständnis mitbringen. „Moderne“ endet oft im frühen 20. Jahrhundert, während wirklich zeitgenössische Musik eher gemieden wird. Durch gezielte Auseinandersetzung mit neuerer Musik wurde jedoch schnell deutlich, wie stark ungewohnte Klangsprachen das eigene künstlerische Denken erweitern können. Daraus ergab sich beinahe zwangsläufig der nächste Schritt: die Zusammenarbeit mit lebenden Komponist:innen. Ein erstes Projekt verband Gesang und Komposition anhand von Texten Samuel Becketts. In einem intensiven Austausch entstanden kurze Musiktheaterminiaturen, die nicht nur als fertige Werke, sondern als Prozesse erfahrbar wurden. Die Zusammenarbeit erwies sich als äußerst fruchtbar: Komponist:innen gewannen Einblicke in die praktischen Anforderungen und Möglichkeiten der Stimme, während Sänger:innen neue musikalische Ausdrucksformen erschlossen. In einigen Fällen entwickelten sich daraus sogar längerfristige künstlerische Kooperationen.
In einer nächsten Phase wurden auch Regie und Dramaturgie einbezogen, sodass vollständig neue Arbeiten entstanden – inklusive eigens entwickelter Texte. Die kollaborative Arbeitsweise stellte jedoch alle Beteiligten vor erhebliche Herausforderungen. Unterschiedliche Zeitlogiken, Arbeitsprozesse und künstlerische Vorstellungen mussten aufeinander abgestimmt werden, was nicht immer reibungslos gelang. Gerade darin lag jedoch auch ein wesentlicher Erkenntnisgewinn. Die entstandenen Stücke zeigten eine bemerkenswerte thematische Vielfalt: von politischer Satire über psychologische Abgründe bis hin zu existenziellen Fragestellungen unserer Gegenwart. So setzte sich etwa „Ein altes Neugeborenes“ mit dem Wiedererstarken rechtspopulistischer Diskurse auseinander, während andere Arbeiten Beziehungen, Schuld oder Erschöpfung in einer überfordernden Welt thematisierten. Auffällig war dabei weniger eine gemeinsame ästhetische Sprache als vielmehr eine gemeinsame Haltung: der Mut zur Zuspitzung und das Vertrauen darauf, dass Musik, Text und Szene sich nicht gegenseitig illustrieren müssen, um gemeinsam Wirkung zu entfalten.
Im Bereich der Komposition trat dabei eine grundlegende Problematik deutlich hervor: die Behandlung der Stimme. In vielen zeitgenössischen Werken wird sie entweder marginalisiert oder auf sogenannte „extended techniques“ reduziert. Flüstern, Hauchen und fragmentarische Artikulation ersetzen oft eine durchgehende gesangliche Linie. Eine Melodie im traditionellen Sinne scheint beinahe verdächtig geworden zu sein. Diese Tendenz ist historisch nachvollziehbar, da die instrumentale Musik der Nachkriegszeit eine enorme Differenzierung erfahren hat, während die vokale Gestaltung zunächst hinterherhinkte. Dennoch stellt sich heute die Frage, ob die Skepsis gegenüber dem „Singenden“ nicht selbst zum Problem geworden ist. Der Komponist Aribert Reimann formulierte dies pointiert: „Wenn auf der Bühne zwar gesungen wird, aber kein erkennbarer Grund für das Singen besteht, verliert die Oper einen Teil ihres Wesens. Die bewusste Abgrenzung vom ‚Traditionellen‘ darf nicht dazu führen, dass die Stimme als zentrales Ausdrucksmittel des Musiktheaters an Bedeutung verliert.“
Auch Regie und Gesang bringen jeweils eigene Voraussetzungen und Spannungsfelder mit. Regisseur:innen verstehen sich zunehmend als Mitautor:innen und suchen nach neuen Formen, die über reine Interpretation hinausgehen. Sänger:innen hingegen stehen unter enormen technischen Anforderungen und begegnen Neuer Musik daher oft mit Zurückhaltung oder Skepsis. Das Projekt „Under Construction“ versucht, diese unterschiedlichen Perspektiven nicht aufzulösen, sondern produktiv aufeinander zu beziehen. Didaktisch bedeutet dies einen grundlegenden Perspektivwechsel: weg von rein analytischen oder kanonorientierten Lehrformen hin zu Praxis, Experiment und gemeinsamer Begeisterung. Entscheidend ist weniger ein festgelegter Methodenkanon als vielmehr eine Arbeitsatmosphäre, in der Neugier entstehen kann. Dabei werden bewusst auch unterschiedliche Genres einbezogen – von Oper über Musical bis hin zu performativen und hybriden Formaten. Die im Rahmen des Projekts entstandenen Miniaturen zeigen exemplarisch unterschiedliche kompositorische Ansätze: die bewusste Zurückhaltung gegenüber dem Text, die Reduktion auf minimale Mittel oder das Spiel mit stilistischen Brüchen.
Immer wieder stellt sich dabei dieselbe zentrale Frage: Wie können Musik, Szene und Text so zusammenwirken, dass sie sich gegenseitig ergänzen, ohne sich zu verdoppeln? Ein eindeutiges Fazit lässt sich nicht ziehen – und genau darin liegt vielleicht die Stärke des Projekts. Kollaboration kann zu intensiven, überzeugenden Ergebnissen führen, ist jedoch kein universelles Modell. Nicht jede künstlerische Persönlichkeit möchte kollektiv arbeiten oder Inhalte gemeinsam entwickeln. Die Frage nach Autor:innenschaft im Musiktheater bleibt daher offen und individuell zu beantworten. Dennoch zeigt „Under Construction“, dass ein gemeinsamer Arbeitsprozess neue Perspektiven eröffnet – sowohl fachlich als auch künstlerisch. Vielleicht liegt die Zukunft des Musiktheaters weniger in der Entscheidung zwischen Individuum und Kollektiv als vielmehr in einer dynamischen Balance: Eine:r für alle, alle für eine:n.
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