Deutscher Musikschultag unterstützt Aktion Mensch


11.06.02 -
Am 15. Juni ist Musikschultag in Deutschland. In diesem Jahr, dem 50jährigen Jubiläum des "Verbands deutscher Musikschulen" (VdM), hat der VdM seine rund 1.000 Musikschulen aus diesem Anlass zu Benefizaktionen für die Aktion Mensch aufgerufen.
11.06.2002 - Von nmz-red/leipzig, KIZ

Die Gesamteinnahmen der Veranstaltungen, mit denen an diesem Tag bundesweit die Musikschulen sich und ihre Arbeit vorstellen, sollen im September feierlich an die Deutsche Behindertenhilfe übergeben werden. “472 Mitgliedschulen des VdM machen spezielle Angebote des Musizierens und Instrumentalspiels mit Behinderten. Fast 7.000 Behinderte nehmen daran teil. Diese Arbeit gehört zum Bildungsauftrag der Musikschulen”, begründet der VdM sein Engagement.

Bereits am 14. Juni 2002 findet in Kooperation mit der Aktion Mensch im Audimax der Ruhr-Universität Bochum eine Auftaktveranstaltung statt, für die auch der WDR als Partner gewonnen werden konnte. Mit dabei sein wird die integrative Band “Just Fun” aus Bochum. Unsere Redakteurin Petra Kroll hat sie vorab besucht.


Spaß muß sein

Mit einem 1979 gestarteten Modellprojekt bewies die Bochumer Musikschule, daß musikalische Erziehung Behinderten mehr vermitteln kann, als nur auf Trommeln zu schlagen. Inzwischen entstanden daraus sogar integrative Bands - zum Beispiel “Just Fun”. Eine Reportage von Petra Kroll.

Mittwochnachmittag. Aus der Aula der Bochumer Musikschule dringen melodiöse Rockrhythmen, die sich mit improvisierten, auch schrägeren Klängen mischen. Auf der Bühne steht “Just Fun” und probt. Immer wieder scheren einzelne Musiker aus, um vorne an der Rampe Party zu machen. Einige tanzen. Noel ganz cool mit Sonnenbrille, Markus mit verkehrt aufgesetzter Baseballkappe und animierenden Lächeln. Andere machen mehr auf Mikrofonposing. Unschlagbar dabei ist Torsten, der die Bühne immer mit einem besonders großen Hut betritt und zu dem Beatles-Song “Lady Madonna” nur ein einziges Wort ins Mikrofon rappt: “Madonna”. Achtzehn behinderte und nicht behinderte Musiker haben sich unter der Leitung von Claudia Schmidt zu einer integrativen Band zusammengeschlossen. “Just Fun” - dieser Name reflektiert den Sound. Er klingt frisch und unverbraucht, so als wäre mancher der von ihnen gecoverten Klassiker erst gestern entstanden. Einige der Musiker leben mit Handikaps, die ihnen kaum er-lauben, ein eigenständiges Leben zu führen. Aber jetzt, auf der Bühne, strahlen sie unbändige Lebensfreude aus. “Wir machen Musik, um Spaß miteinander zu haben. Und das wollen wir auch dem Publikum vermitteln”, sagt Bandleaderin Claudia Schmidt. Heike spielt Akkordeon. Nach der Arbeit gibt sie ihren Mitbewohnern im Wohnheim manchmal ein Konzert. Einige haben Heike deshalb um ein Autogramm gebeten. “Das hat mit Freundschaft zu tun”, winkt sie ab. Neben Musik machen, strickt Heike auch gern in ihrer Freizeit - momentan einen Schal für Verena. Verena spielt auch Akkordeon, mindestens einmal in der Woche zusammen mit Heike in der Band. Dabei sitzt Heike, mit Down Syndrom, neben Verena, nicht behindert. Lars, der ebenfalls mit Down Syndrom geboren wurde, ist auch dabei. Lars spielt Keyboard, aber dafür hat er meistens nur wenig Gelegenheit, wenn er abends von der Arbeit nach Hause kommt. Manchmal übt der junge Mann vor dem Schlafengehen noch eine Runde und vergisst darüber die Zeit. “Mama sagt ?Licht aus, sonst müde'”, berichtet er, wenn es mal wieder spät geworden ist. Dass behinderte und nicht behinderte Menschen gemeinsam auf der Bühne stehen und musizieren, ist dem “Bochumer Modell” zu verdanken, das 1979 mit dem vierjährigen Pilotversuch “Musik für Behinderte und von Behinderung Bedrohte” an der dortigen Musikschule gegründet wurde. Seither können auch behinderte Menschen in Bochum alle angebotenen Instrumente erlernen. Zustande kam diese musikalische Förderung durch das persönliche Engagement von Werner Probst. Als Professor für “Musikerziehung mit Behinderten” an der Universität Dortmund war er der festen Überzeugung, dass behinderte Menschen mehr können, als nur mit Rhythmus-Instrumenten wie Rasseln oder Klangstäben zu musizieren. Der in Zusammenarbeit mit dem “Verband deutscher Musikschulen” (VdM) und der Universität Dortmund durchgeführte Modellversuch lieferte die notwendigen Erfahrungen für die theoretische und praktische Basis des heutigen Unterrichts.

Aus der Gruppe der geistig behinderten Schülerinnen und Schüler rekrutierte sich 1980 schließlich die “Notenband”. Zunächst als Ensemble ohne elektrisch verstärkte Instrumente, später ging aus einem Workshop mit nicht-behinderten Musikern die integrative Band “Just Fun” hervor, die 1995 zu ihrer jetzigen Formation fand. Dass behinderte Menschen Geige, Klavier oder Posaune spielen - in Bochum werden inzwischen etwa 180 von ihnen an Instrumenten ihrer Wahl unterrichtet - ist längst keine Besonderheit mehr: Rund die Hälfte aller im VdK organisierten Musikschulen bieten derzeit Musikunterricht für Behinderte an. Im Halbkreis rund um die Bühne sitzen rund 40 Musiklehrer aus der gesamten Republik, die im Rahmen einer berufsbegleitenden Fortbildung nach Bochum gekommen sind. Ziel ihrer zweijährigen Schulung ist es, später selbst einmal behinderten Menschen Musikunterricht erteilen zu können. Die meisten von ihnen sind mit ihren Instrumenten angereist, um bei der Probe mitzuspielen. Claudia hat Notenblätter verteilt. “Es gibt eine erste und zweite Stimme, wobei die erste die Originalmelodie darstellt und die zweite die vereinfachte Version ist”, erklärt sie. Da es für geistig behinderte Musiker kaum, musikalische Arrangements gibt, ist Claudia nicht nur die Dirigentin und Organisatorin der Band, sie komponiert und arrangiert auch. Jede Melodie, die sie mit der Gruppe einstudieren will, muss umgeschrieben werden, um das Lied so auf die wichtigsten Partien zu kürzen. Diese vereinfachte Melodie dient der Band als Ausgangsbasis bei den Proben. Claudia, die 1995 die Leitung der Band übernahm, ist heute eine von zwanzig MusikschullehrerInnen in der eigens dafür unter dem Namen “Bochumer Modell” eingerichteten Abteilung der Musikschule. Dass geistig behinderte Menschen Akkorde auf der Gitarre spielen können, wie andere auch, habe sie schon während ihres Studiums an fasziniert, als sie zum ersten Mal eine integrative Band erlebte. “Die Musiker spielten mit so viel Groove, man konnte sich ihrer Musik nicht entziehen.” Von diesem Erlebnis angespornt, hat sie den musikalischen Stil der Band in den letzten Jahren maßgebend beeinflusst. “Am Anfang wollte ich, dass alle nach Noten spielen, was aber nicht klappte, weil ich die meisten überschätzt hatte”, sagt sie. Heute sei die Arbeitsweise der Band freier geworden. Ein festes Arrangement gebe es nicht. “Wir probieren sehr viel aus und improvisieren stärker. Und ich versuche mehr auf den einzelnen Spieler und seine Fähigkeiten einzugehen, indem ich die Stücke aufteile und schaue, wer welchen Part davon übernehmen kann.” Das braucht Zeit und benötigt unzählige Proben, bis das auf jeden Spieler maßgeschneiderte Stück schließlich bei allen sitzt. Es komme nicht auf das perfekte Spiel an, sondern auf den musikalischen Ausdruck “Jeder Ton wird empfunden, der Bogen eines Liedes wird gespielt.” Inzwischen ist Heike an der Reihe. Eigentlich wollte sie vor der Bühne mit Markus und Noel tanzen, als ihr Claudia die Posaune reicht. Jetzt bläst sie, was das Instrument hergibt. Die Wangen knallrot vor Anstrengung, die Kinnmuskeln gespannt, improvisiert sie auf dem Blechinstrument ein mitreißendes Solo. Außer zur Probe von “Just Fun” geht Heike noch einmal in der Woche zum Instrumentalunterricht in die Schule. Damit geistig behinderte Menschen ein Instrument lernen und spielen können, bedarf es verschiedener Methoden und Hilfsmittel. Zum Beispiel Lars: Vor ihm über der Tastatur liegt eine Zahlenleiste, denen die Noten zugeordnet sind. Zahlen kann sich Lars am besten merken. Andere dagegen verwenden Buchstaben als Notenersatz oder können, wie Heike, Noten lesen und nach Gehör spielen. Dass sich dabei mancher dann doch lieber auf seinen nicht-behinderten Kollegen verlässt, hat auch etwas mit den entstandenen Freundschaften zu tun. “Verena ist meine Partnerin”, sagt Heike, “denn ich bin auf Verena angewiesen. Ich bin mal kurz rausgekommen mit dem Akkordeon. Da hat die Verena gesagt, es geht weiter.” Und manchmal ist Verena auch auf Heike angewiesen, etwa beim Bühnenaufbau. “Verena ist schwach. Ich trage Verenas Akkordeon”, lacht sie verschmitzt.

Dieses Miteinander spornt an. “Die Behinderten sind selbständiger geworden und die nicht Behinderten genießen das Spiel und die Freude an der Musik, die sie durch die Bandarbeit erfahren”, sagt Claudia. Langweillig wird es den Beteiligten nie, es passiert immer was unvorhergesehenes. Einmal hatte ein Musiker sein Instrument vergessen und war mit dem Ersatz nicht zufrieden. Weil die neuen Rasseln nicht so gut klangen, schleuderte er sie beim Auftritt durch die Luft. “Sie gingen direkt neben der Melodikspielerin herunter”, schildert Claudia eine der typischen kleinen Krisen. “Oft geht man geschafft vom Arbeitstag in eine Probe und kommt aus der Probe noch geschaffter raus. Aber die Musik ist einfach gut”, sagt Jan. Der Student der Wirtschaftswissenschaften ist Saxophonist bei “Just Fun”. Die Band lernte er während seines Zivildienstes an der Musikschule kennen. Damals betreute er behinderte Schüler, leitete sie in die Unterrichtsräume oder half beim Aufbau der Instrumente. Anfängliche Berührungsängste waren da schnell überwunden. “Meistens sagten einem die Behinderten, was man tun musste und wo es lang ging.” Am Anfang war es für Jan noch ungewohnt, musikalische Fehler bei der Bandarbeit hinzunehmen. “Ich dachte immer, dass muss das Publikum doch merken, wenn etwas nicht so gut geklappt hat.” Heute beurteilt er die Situation gelassener. “Wir schaffen es immer, mit einem Lächeln aus der Probe zu gehen”. Wie heißt gleich nochmal die Band? “Just Fun”, sagt Lars. Und das heißt? “Spaß muß sein.”

Gleichberechtigtes Miteinander

“Just Fun”-Bandleaderin Claudia Schmidt über Musik als Sprache der Integration

Die Musikschule bietet Freizeitgestaltung für alle, selbstverständlich auch für Behinderte. Will man vom Nebeneinander zum gemeinsamen Musizieren kommen, muss dies in Form eines gleichberechtigten Miteinanders geschehen, wobei Musik als nonverbale Sprache ein besonders geeignetes Medium ist. Ein Miteinander bedeutet nicht das Warten auf die Schwächsten, sondern, dass jeder Mitspieler sich auf der Ebene seines Leistungsstandes einbringen kann.
Das Orchester erklingt nur mit verschiedenen Stimmen als Ganzes. Dabei müssen nicht alle das gleiche Niveau haben, um zu einem befriedigenden gemeinsamen Klangerlebnis zu kommen. Für alle, die es probieren wollen: Man nehme die Offenheit des Bandleaders für die Eigenarten, Besonderheiten und Fähigkeiten der Bandmitglieder, den Mut, Ideen auszuprobieren, und schließlich die Motivationen des Einzelnen als wichtiger an als dessen Begabung.


Kontakt:
Verband deutscher Musikschulen (VdM),
Plittersdorfer Str. 93, 53173 Bonn, Telefon: 0228/9570621,
Email:vdm@musikschulen.de, Internet: www.musikschulen.de


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