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Heidelberger Theaterintendant: Wir kennen keine Krise

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Heidelberg - Gut einen Monat ist es her, dass das Theater Heidelberg seine Wiedereröffnung gefeiert hat - und die Sanierung und Erweiterung hat sich offenbar gelohnt. Die Begeisterung für das Theater sei so groß, dass es kaum noch Karten gebe, sagt Intendant Holger Schultze. Im Interview mit dapd-Korrespondentin Karin Düchs erklärt er, warum Heidelberg keine Theaterkrise kennt.

 

dapd: Woanders ist Theaterkrise, hier in Heidelberg ist Theaterhype. Warum?

Holger Schultze: Im Augenblick ist Heidelberg ein Beispiel dafür, dass das ganze Gerede um Theaterkrise völlige Makulatur ist, wenn eine Stadt hinter dem Theater steht. Wichtig ist, dass wir eine positive Stimmung erzeugen - gerade in einer Zeit, in der vieles negativ ist. Das ist mir in Osnabrück gelungen und das Gleiche passiert auch hier: in einer Stadt mit Bürgerbeteiligung ohne Ende und einer Stadtspitze, die sich hinter das Theater gestellt hat, wo Politik und Bürgerschaft für das Theater gekämpft haben. Das zusammen mit einem künstlerisch spannenden Konzept ermöglicht letztlich diesen Riesenerfolg. Es geht, und es geht nicht nur in Heidelberg. Und es zeigt: Wenn alle gesellschaftlichen Kräfte dem Theater positiv gegenüberstehen, kann es diese Kraft entfalten. Wir sind hier ja in einer Situation, dass man keine Karten mehr kriegt.

dapd: Klingt nach Luxusproblem...

Schultze: Das ist Unsinn. Wir haben sehr bewusst Maßnahmen dafür ergriffen: neue Abos, etwa mit der Sparkasse oder einem Restaurant, aufgelegt, Schulkooperationen gemacht, Theaterbusse für das Umland eingesetzt. Das gab es alles nicht. Mit einem geschickten Marketingkonzept, dem neuen Haus, der neu eingeführten Tanzsparte schaffen wir es, das Umland miteinzubeziehen und die Stadt noch viel mehr zu begeistern. So konnten wir unsere Festabos auf mehr als 5.100 verdreifachen.

dapd: Wo setzen Sie inhaltlich an, um das Niveau zu erreichen?

Schultze: Womit wir hier in Heidelberg punkten - bei den gleichen mittelmäßigen Gagen wie in jedem anderen Stadttheater - ist, dass wir durch den Neubau wirklich tolle, außergewöhnliche Regisseure herbekommen, weil die Lust haben, sich auf ein neues Theater und neue Raumkonzepte einzulassen. Gute Künstler auf der Bühne sind das Zentrale; es ist mein Job, große Qualität in den Engagements zu erreichen.

dapd: Welche Möglichkeiten bietet Ihnen das neue Haus?

Schultze: Es bietet unendliche Möglichkeiten, mit ästhetischen Raumkonzepten umzugehen. Wir haben die große Bühne im neuen Saal, wo wir auch Musiktheater machen. Dann haben wir die Bühne im wunderschönen alten Theatersaal und den Hubpodien im Zuschauerraum. Wir planen in beiden Sälen, die im rechten Winkel zueinanderstehen, gleichzeitig ein großes Theaterstück zu spielen: Der ungarische Regisseur Viktor Bodó wird "König Ubu" inszenieren. Nanine Linning wird beide Säle mit ihrer Tanzproduktion "Requiem" bespielen.

dapd: Die neue Sparte Tanz war ein Wagnis. Wussten Sie, dass das funktioniert?

Schultze: Als ich hier zur Spielzeit 2011/2012 anfing, war die Stimmung sehr skeptisch. Und: Nein, man weiß vorher nicht, dass es funktioniert, aber man kennt Nanine Linning. Ich habe sie in Holland entdeckt und nach Osnabrück geholt. Allerdings: Mit den Tanzvorstellungen haben wir wirklich ein Problem. Alles, was angesetzt wird, ist sofort ausverkauft. Das zeigt, wie euphorisiert das Publikum vom Tanz ist. Das ist auch theaterpolitisch ein ganz wichtiges Zeichen; schließlich ist der Tanz ganz oft in der Spartenschließungsdebatte.

dapd: Ist der Tanz - neben dem Kinder- und Jugendtheater sowie den Schulkooperationen - auch ein Weg, ein jüngeres Publikum zu erreichen?

Schultze: Sicher, denn Tanz geht nicht nur über Sprache, sondern über Bewegungsform und ist damit auch sehr interkulturell. Ich glaube, es geht darum, verschiedene Publikumsschichten anzusprechen, ein angestammtes Publikum zu halten und mitzunehmen; aber wenn wir nicht auch die Jugend mitnehmen, werden wir irgendwann wirklich die Theater verlieren. Das Junge Theater, unser Kinder- und Jugendtheater, hilft uns da sehr, weil man da sehr spezifisch arbeiten kann. Daneben setzen wir auf Schülerkooperationen - wir haben bei den Partnerschulen alleine 22.000 Schüler. So wollen wir sicherstellen, dass die Schüler von der fünften bis zur letzten Klasse regelmäßig ins Theater gehen, dass sie alle Sparten kennenlernen und sich selbst ein Bild machen können.