Kroatiens Künstler stemmen sich gegen den Marsch in die Vergangenheit

27.01.16 -
Zagreb - Kroatiens neue Regierung will zurück in die 90er Jahre. Katholische Kirche, Patriotismus und die christliche Familie sollen zu neuen Ehren kommen. Kultusminister Zlatko Hasanbegovic lehnt die einheimische Kunstszene ab und Veteranenminister Mijo Crnoja will ein staatliches «Register der Verräter» erstellen lassen. Zivilgesellschaft und Künstler laufen dagegen Sturm.
27.01.2016 - Von dpa, Thomas Brey, KIZ

Die neue Regierung des jüngsten EU-Mitglieds Kroatien war gerade mal einen Tag im Amt, da zeigte sie der erstaunten Öffentlichkeit schon, wohin die Reise in die ideologische Vergangenheit geht. Der neue Veteranenminister Mijo Crnoja ließ seine Amtsräume am vergangenen Montag von Bischof Vlado Kosic weihen. Der ist als nationalistischer Dogmatiker bekannt, für den die bisher regierenden Sozialdemokraten «Lügen-Kommunisten» und verurteilte Kriegsverbrecher «moralische Vertikale» sind.

Der neue Kultusminister Zlatko Hasanbegovic rief die einhellige Ablehnung der heimischen Kunstszene hervor. Denn der Historiker ist ebenfalls als Hardliner in Sachen Vaterlandsliebe bekannt. Folgerichtig verlangte er vom nationalen TV-Sender, in Zukunft mehr patriotische Filme auszustrahlen. Auch soll in den Schulen der Bürgerkrieg (1991-1995) ausführlicher und in nur positivem Licht dargestellt werden. Kritische Bürger antworteten mit einem Sarg für die verstorbene Kultur vor den Amtsräumen des Ministers.

Großer Wirbel herrscht auch um die seit fast zwei Jahren im Zentrum der Hauptstadt in Zelten campierenden Kriegsveteranen. Während die bisher regierenden Sozialdemokraten die Invaliden links liegen ließen, will der für sie zuständige neue Minister Crnoja ihnen mehr Rechte einräumen und diese sogar in der Verfassung verankern.

Den meisten Staub wirbelte aber der Plan dieses Ministers auf, ein staatliches «Register der Verräter» zu erstellen. Ähnlich wie im Mittelalter sollen darin alle öffentlich an den Pranger gestellt werden, die sich im Krieg gegen die Serben nicht genügend «vaterlandstreu» gezeigt hätten. Und die für andere Werte stehen als das christlich-konservative Weltbild der neuen größten Regierungspartei HDZ. HDZ-Chef Tomislav Karamarko war sofort Feuer und Flamme für diese Pläne und gab grünes Licht.

Der Intendant des Nationaltheaters in der Adriastadt Rijeka, Oliver Frljic, warnte vor einer Destabilisierung der Gesellschaft und verlangte, symbolisch als Erster in die geplante Verräterliste eingetragen zu werden. Die Zagreber Künstlergruppe SKROZ griff die Idee auf und erstellte selbst ein «Verräterregister», in dem sich im Handumdrehen fast 7000 Menschen selbst bezichtigten - auf ernste, geistreiche, witzige oder absurde Weise nach dem Motto «Wie Kunst extreme Politik ausbremsen kann».

Ich bin ein Verräter, weil «mein Großvater kommunistischer Partisan war», «weil ich Feministin bin», «kein Kreuzzeichen kann und nicht in die Kirche gehe», «weil ich nichts gegen Schwule habe», «ich Weltbürger» oder «nicht korrupt bin», heißt es dort meist mit Klarnamen und Wohnort. Andere zeigen sich als Verräter an, «weil ich auf der linken Seite schlafe», «weil ich sonntags Wäsche wasche» «ich manchmal masturbiere», «mich enthaare», «außerehelichen Sex praktiziere», «einen Gay-Freund habe» oder «ich Satire mag».

«Ich bin Verräter, weil ich allen Kroato-Sauriern wünsche, dass sie bald aussterben», schreibt Damjan Sporcic aus Rijeka ins Register. Andere Verräter «hassen Volksmusik», «haben Humor», sind «mit einem Nicht-Kroaten verheiratet» oder «können lesen und schreiben». Branko Sudar aus Zagreb hat nach eigener Darstellung «meine Kinder verraten, als ich ihnen versprach, sie werden in einem glücklichen und reichen Land aufwachsen».

Die aufgebrachte Zivilgesellschaft könnte mit ihrer Satire gegen den Veteranenminister schon bald Erfolg haben. Der Juniorpartner in der nicht einmal eine Woche alten Regierung hat seinen Rücktritt verlangt: Er soll als Kriegsteilnehmer gesetzeswidrig ein kostenloses Baugrundstück erworben und Steuern hinterzogen haben.

 

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