Ohne sie kein Ballettwunder – Marcia Haydée wird 80

18.04.17 -
Sie hätte gehen können. Angebote soll es genug gegeben haben. Damals, als John Cranko 1973 plötzlich starb, der Vater des Stuttgarter Ballettwunders. Doch Marcia Haydée bleibt, springt ein, hält das künstlerische Erbe des Briten mit etlichen begnadeten Tänzern am Leben, wird somit quasi zur Mutter der bis heute weltweit anerkannten Tanzcompagnie. An diesem Dienstag (18. April) feiert die Brasilianerin ihren 80. Geburtstag. In Südamerika. Nach Stuttgart will sie erst Ende April wieder kommen. Am Welttanztag gratuliert ihr die Compagnie. Natürlich mit einer Aufführung von Crankos „Romeo und Julia“. Bei der Premiere 1962 in Stuttgart war Haydée Julia.
18.04.2017 - Von dpa, Roland Böhm, KIZ

„Ich wurde bezahlt für das, was ich liebe“, hat sie mal gesagt. Als Marcia Haydée Salaverry Pereira da Silva im brasilianischen Niterói bei Rio de Janeiro geboren, kommt sie nach einem Tanzstudium an der Royal Ballet School in London zum Grand Ballet du Marquis de Cuevas in Monte Carlo. 1958 begegnete sie dort dem Mann, der sie berühmt macht: der junge britische Choreograph John Cranko. Ihm folgt sie zum Ballett der Staatstheater in Stuttgart.

Cranko macht Haydée zu seiner Ersten Solistin, schafft für sie eine unvergessene Porträtgalerie interessanter Frauengestalten in den Balletten „Romeo und Julia“, „Onegin“ oder „Der Widerspenstigen Zähmung“. 1973 dann der Schock: Cranko stirbt. Ganz plötzlich. Und Haydée wird – zunächst etwas widerwillig – seine künstlerische Nachlassverwalterin. Ihr gelingt, was niemand für möglich gehalten hätte: Das Stuttgarter Ballett überlebt, Haydée verpflichtet die besten Choreographen, darunter John Neumeier und Jiri Kylián.

Als „phänomenale Frau“ bezeichnet Tamas Detrich (57) die Jubilarin. Sie hat den Amerikaner ungarischer Herkunft damals entdeckt, bald wird er Nachfolger von Reid Anderson (68) als Intendant in Stuttgart. „Mehr als „nur“ meine Direktorin war sie wie eine Mutter und eine gute Freundin für mich, jemand, den ich mit tiefstem Respekt bewundere“, sagt er. „Wenn sie tanzte, war es jedes Mal pure Magie, sobald sich der Vorhang hob.“

Noch-Intendant Anderson erinnert sich an viele gemeinsame Auftritte: „Sie war und ist offen, bodenständig, bezaubernd, konsequent, hart arbeitend und durch und durch eine Perfektionistin – was mir als ihr Tanzpartner sehr entgegen kam“, sagt der gebürtige Kanadier. Als Tänzerin habe sie „tolle Instinkte“ gehabt, „wirkte immer natürlich, war voller Fantasie und positiver Energie“. Viele Choreographen hätten sie verehrt. „Sie hat alle verzaubert“, meint er. Sein besonderes Erlebnis: der gemeinsame Gremin-Pas de Deux aus „Onegin“. „Jedes Mal erhielten wir Szenenapplaus – das war immer fantastisch“, erinnert sich Anderson.

Dass Anderson Detrich jetzt zu seinem Nachfolger aufbaut, wird in Stuttgart auch als Hommage an Detrich-Entdeckerin Haydée verstanden. Und die Jubilarin findet es gut: „Tamas kam noch am Anfang meiner Zeit, sie haben die Cranko-Zeit alle noch gespürt. Die neue Generation ist schon zu weit weg, die haben es nicht erlebt – die mystischen Momente mit Cranko.“

Lob und Anerkennung für Haydée kommt auch aus Karlsruhe von einer einstigen Mitstreiterin: Birgit Keil (72) – wie die Jubilarin auch eine Cranko-Entdeckung. Heute leitet Keil das Karlsruher Ballett. Mit Haydée verbinde sie 35 Jahre tiefe Freundschaft. „Als Inspiration und Muse John Crankos hat sie den Weltruhm des Stuttgarter Balletts begründet und Generationen von Tänzern und Choreographen beeinflusst. Bis heute ist sie mein größtes Vorbild“, sagt Keil.

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