Robert Wilson inszeniert "Doktor Caligari" am Deutschen Theater Berlin


27.03.02 -
Der amerikanische Künstler Robert Wilson, einer der Weltreisenden unter den Theaterregisseuren, gab am Dienstag seinen Einstand am Deutschen Theater Berlin.
27.03.2002 - Von nmz-red/leipzig, KIZ

Berlin (ddp). Intendant Bernd Wilms hat mit Wilson einen großen Namen der internationalen Theaterszene werbewirksam an sein Haus gelockt. Voraussagbares Ergebnis: Zur Premiere von “Doktor Caligari” zeigte sich die Berliner Theaterprominenz (Schaffende, Verarbeitende und Konsumierende) in großer Vollzähligkeit. Künstlerische Ergebnisse sind glücklicherweise weniger kalkulierbar. Und so konnte “Doktor Caligari” trotz aller Buntheit nicht so richtig überzeugen.

Wilson hat aus dem alten Stummfilmstoff des Robert-Wiene-Streifens den Handlungskern herausgeschält, um ihn augenfreudig auf der Bühne zu illustrieren. Das wohl Spannendste am Film ist die unentwirrbare Verschmelzung von der “Wirklichkeit” einer Rahmenhandlung mit der eigentlichen Erzählung. Franzis berichtet im Rahmenteil zunächst, wie Caligari den zum Somnambulismus neigenden Cesare für seine finsteren Mordpläne missbraucht hat. Nach dieser Version ist es Franzis gelungen, den Doktor, der als Irrenhausdirektor arbeitet, zu überführen. Am Ende dieser Erzählung zeigt sich verblüffenderweise, dass Franzis selbst Insasse einer Irrenanstalt ist. Und sein Anstaltsdirektor ist - Caligari. Die Wahrheit des bis dahin Berichteten ist damit unwiederbringlich ins Hintertreffen geraten, die Ungewissheit wird dominierende Publikumserfahrung.

Wilson macht aus der Geschichte nun ein Bilder-Theater. Er färbt die Bühne ein, lässt Stimmen vom Band einsprechen, versteckt die Gesichter der Schauspieler hinter dicken Masken, dreht an der Zeitschraube permanent in Richtung Entschleunigung und verknappt den Text radikal.

Was sich visuell auf der Bühne vollzieht, hat sicherlich interessante Momente. Da geht ein Haus aus den Fugen, da teilen sich überraschend die Wände, da verfärben sich die ausgestreckten (Mörder-)hände. Dennoch ist es fraglich, ob die Stilisierung geeignet ist, Verständnis zu erhöhen, Reflexionsbedarf zu wecken oder einen Perspektivenwechsel anzuregen. Vor lauter Bildern droht die Handlung zu erstarren. Die schönen Kostüme von Jacques Reynaud können den gelungen formulierten Gedanken nicht ersetzen. Die flotte Musik von Michael Galasso stößt sich ergebnislos am Inszenierungsprinzip, die innere Dynamik der Handlung regelmäßig in Bildern zu fixieren.

Auch die Schauspieler haben wenig Gelegenheit, ihr Können unter Beweis zu stellen. Christian Grashof als Caligari kann sich nur gestikulierend in Szene setzen. Sollte die technisch verfremdete Stimme die Unheimlichkeitswirkung dieses Caligari erhöhen? Auch die anderen Darsteller des Ensembles sind in ihren gestalterischen Möglichkeiten doch recht eingeschränkt. Der Applaus des Premierenpublikums fiel höflich aus.

Jens Bienioschek











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