Thielemann dirigiert (nur) Bayreuther «Parsifal»-Konzert [update, 9.8.]


08.08.21 -
Bayreuth - So wenig Thielemann war selten auf dem Grünen Hügel: Am Dienstag dirigiert der Star-Dirigent und frühere Musikdirektor der Bayreuther Festspiele «Parsifal». Es ist sein einziger Auftritt dort in diesem Jahr. Und wie geht es weiter?
08.08.2021 - Von Britta Schultejans, dpa, Kathrin Zeilmann, KIZ

Von Christian Thielemann ist in diesem Jahr wenig zu hören bei den Bayreuther Festspielen. Am Dienstag (10. August) dirigiert er einen konzertanten «Parsifal» - also eine Aufführung ohne Regie, die Sänger interagieren auch nicht auf der Bühne. Und das war es dann auch schon für 2021. «Wir sind in guten Gesprächen mit Herrn Thielemann» ist seit Monaten das, was man hört, wenn man die Festspielleitung fragt, wie es weitergeht mit dem Dirigenten, der das Opern-Spektakel in der jüngeren Vergangenheit musikalisch wohl so geprägt hat wie kaum jemand anders.

Denn seit Jahresbeginn ist der als streitbar geltende Thielemann seinen Posten als Musikdirektor los, im kommenden Jahr soll er die Wiederaufnahme des «Lohengrin» dirigieren. Von einem wie auch immer ausgestalteten offiziellen Posten auf dem Grünen Hügel ist schon länger nicht mehr wirklich die Rede. Über die Dirigentenverträge für den diesjährigen «Parsifal» und den 2022er «Lohengrin» hinaus gebe es «noch keine finale Entscheidung», sagte Festspielsprecher Hubertus Herrmann im Mai. Seither gebe es keinen neuen Stand, heißt es wiederholt auf Nachfrage.

«Das hat überhaupt keine Hintergründe. Es sollte sowieso alles verändert werden und wir haben uns überlegt, was dafür vonnöten ist», sagte Thielemann dazu kürzlich im Interview mit «BR-Klassik». «Eigentlich ist der Titel «Musikdirektor» ja falsch. Es klingt danach, als hätte man einen Einfluss zu nehmen auf andere. Man müsste eher sagen: Er ist ein Ratgeber, wenn er gewünscht wird. Man muss die Kollegen völlig schalten und walten lassen.»

Thielemann war seit 2015 Musikdirektor der Richard-Wagner-Festspiele, sein Vertrag lief allerdings zum Jahresende 2020 aus, ohne dass ein neuer geschlossen wurde. «Die Bayreuther Festspiele beabsichtigen, einen neuen Vertrag mit Christian Thielemann abzuschließen», hatten die Festspiele zum Jahreswechsel mitgeteilt. «Die Aufgaben und der sich daraus ergebende Titel befinden sich noch in Klärung.»

Thielemann ist dem Grünen Hügel als Dirigent sehr eng verbunden. Der langjährige, 2010 gestorbene Festivalleiter Wolfgang Wagner war für ihn eher Ziehvater als Chef. Sein Bayreuth-Debüt gab Thielemann vor 21 Jahren, im Sommer 2000, mit den «Meistersingern von Nürnberg». Seither hat er «die Festspiele alljährlich durch maßstabgebende Interpretationen geprägt», wie es auf der Festspiel-Homepage heißt.

Er gilt als einer der besten Wagner-Interpreten der Welt und hat - mit einer Ausnahme im Jahr 2011 - in den vergangenen zwei Jahrzehnten kein Festspiel-Jahr ausgelassen. Thielemann ist erst der zweite Dirigent nach Felix Mottl (1856-1911), der alle zehn in Bayreuth aufgeführten Wagner-Opern auf dem Grünen Hügel dirigiert hat. 2010 wurde er musikalischer Berater der Festspiele und fünf Jahre später Musikdirektor.

Allerdings gab es immer auch Berichte darüber, Thielemann trete Dirigenten-Kollegen gegenüber eher undiplomatisch auf und werde dafür kritisiert, sich über Gebühr in deren Arbeit einzumischen.

Bayreuth ist nicht der einzige musikalische Ort, an dem Thielemann es zuletzt nicht ganz leicht zu haben schien. Bereits im September 2019 hatten die Osterfestspiele in Salzburg entschieden, den Vertrag mit ihrem künstlerischen Leiter Thielemann und der Sächsischen Staatskapelle Dresden nicht über das Jahr 2022 hinaus fortzusetzen. Im Mai dann teilte das Kulturministerium in Dresden mit, dass auch Thielemanns Vertrag als Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle nicht über den Sommer 2024 hinaus verlängert werden soll. Zwischen Thielemann und Opernintendant Peter Theiler (nmz: - dessen Vertrag in Dresden ebenfalls nicht fortgesetzt wird) hatte es zuletzt Misstöne gegeben.

Im Interview der «Passauer Neuen Presse» sprach Thielemann kürzlich von neuen Möglichkeiten. Es sei «jetzt eine neu gewonnene Freiheit, die man zur Qualitätssicherung nutzen kann». Die Nicht-Verlängerung seines bis 2024 laufenden Vertrages in Dresden sei «in Ordnung». Er habe während seiner Jahre in Leitungspositionen viele andere Anfragen renommierter Häuser und Orchester aus Zeitgründen absagen müssen. «Jetzt werde ich sie haben.»

Auf die Frage, warum er dieses Jahr bei den Bayreuther Festspielen nur für eine Vorstellung am Pult steht, sagte er der «PNP», er habe in Bayreuth «alle Stücke und etliche Konzerte dirigiert». Seine Liebe zu Richard Wagner erkalte aber nie. Über seine Pläne wollte er noch nichts verraten, sprach aber von einer Zeit des Umbruchs.

Von den Festspielen habe er in diesem Jahr nicht besonders viel mitbekommen, sagte Thielemann «BR Klassik» - auch von der ersten Dirigentin in der Festspielgeschichte, Oksana Lyniv, nicht. «Ich kenne sie überhaupt nicht. Ich war in keiner einzigen Probe, weil dieses Jahr alle, die nichts vor Ort zu tun haben, gar nicht reindürfen», sagte er - wegen der Corona-Pandemie. «Wir müssen jetzt alle Disziplin haben und an die Sache denken. Die Leute können mich aber immer anrufen. Und wenn Not am Mann ist, dann stehe ich gerne bereit.»

 

[update, 9.8.]

Dirigent Thielemann: In Bayreuth geht es derzeit nicht um Titel

Spitzen-Dirigent Christian Thielemann sieht entspannt in die Zukunft - in Sachen Bayreuth und überhaupt. Musikdirektor ist er offiziell seit Jahresbeginn nicht mehr bei den Festspielen. Verhandelt werde derzeit nicht. Anderes sei wichtiger.

Bayreuth (dpa) - Welche Rolle Dirigent Christian Thielemann künftig bei den Bayreuther Festspielen haben wird, ist weiterhin offen. «Hier ist alles so von Corona dominiert, dass wir diese Entscheidungen bewusst zurückgestellt haben», sagte Thielemann der Deutschen Presse-Agentur. Seit Jahresbeginn ist Thielemann nicht mehr Musikdirektor des weltberühmten Festivals. «Ich fand es richtig, dass man sagt: Persönliche Befindlichkeiten sind nicht wichtig, wir müssen sehen, dass der Betrieb wieder in Gang kommt und die Festspiele gut zu Ende gehen können. Alle werden hörbar aufatmen, wenn das geschafft ist. Positionen, Titel und Bezeichnungen sind aktuell wirklich zweitrangig.»

Die Corona-Auflagen wie etwa tägliche Tests der Mitwirkenden nehme man gerne in Kauf. «Wir machen das gerne mit, niemand empfindet das als lästig.» Viel wichtiger sei es, dass wieder Kulturveranstaltungen möglich sind. «Vor allem auch unser Publikum dürstet nach diesen Ereignissen.»

An diesem Dienstag (10. August) dirigiert Thielemann im Festspielhaus eine konzertante «Parsifal»-Aufführung - also ohne Regie und szenische Interaktion der Sänger. «Ich habe in Bayreuth noch nie eine konzertante Aufführung dirigiert, bei der das Orchester im Graben saß. Sänger mischen sich in Bayreuth besonders gut, wenn sie nicht so weit vorne stehen, darum habe ich auch jetzt gebeten», sagte er dazu.

«Parsifal» ist Thielemanns einziges Engagement bei den Festspielen in diesem Jahr. Vor einem Jahr fielen die Festspiele wegen Corona aus. Im kommenden Jahr soll Thielemann eine «Lohengrin»-Wiederaufnahme leiten. In diesem Jahr sei «Lohengrin» wegen der Stärke des Chores aus dem Programm genommen worden, betonte er. «Parsifal» dirigierte Thielemann zuletzt 2001.

Der 62-Jährige ist dem Grünen Hügel sehr eng verbunden. Er ist erst der zweite Dirigent nach Felix Mottl (1856-1911), der alle zehn in Bayreuth aufgeführten Wagner-Opern dort auch dirigiert hat. Zwar sagte er über die Festspiele: «Ein Leben ohne Bayreuth ist möglich, aber wäre doch sehr viel ärmer. Ich habe 179 Aufführungen dirigiert, da werden noch einige dazu kommen.» Zugleich betonte er aber auch: «Es wäre auch nicht schlimm, einmal ein Jahr zu pausieren.»

Und auch wenn Thielemanns Engagement als Chefdirigent der Dresdner Staatskapelle 2024 endet, dürfte es ihm nicht langweilig werden, wie er versichert: «Im Nachhinein bin ich froh, dass ich ein neues Kapitel aufschlagen kann. Ich habe in den vergangenen Jahren viele Angebote abgelehnt, die ich jetzt in einem anderen Ausmaß annehmen kann. Mein Kalender war mit einer derartigen Geschwindigkeit voll - ich habe Pläne bis 2027. Das klingt verrückt - aber so wird in diesem Gewerbe geplant.»

 

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