Am 26./27. Juli war der 40. Jahrestag des lange Zeit größten Rockfestivals auf deutschem Boden. 1986 pilgerten rund 120.000 Fans zum „5. Anti-WAAhnsinns-Festival“ ins bayerische Burglengenfeld und kämpften sich durch stundenlange Staus und Polizeikontrollen mit oft schikanösen Durchsuchungsaktionen.
„Anti-WAAhnsinns-Festivals“. Foto: Bernd Schweinar
40. Jahrestag des „Anti-WAAhnsinns-Festivals“
Beim Solidaritätsfestival gegen die Atomkraft-Politik von Franz Josef Strauß traten die damaligen Größen der deutschen Rockkultur ohne Gagen auf: BAP, Rio Reiser, Udo Lindenberg, Herbert Grönemeyer, Purple Schulz, Anne Haigis, die noch jungen Toten Hosen und etliche mehr. Auch die Biermösl Blosn! Und ebenso Gäste aus Österreich wie Wolfgang Ambros, Herwig Mitteregger und Mo & Gangsters In Love. Und natürlich Wolf Maahn, der gerade seinen Song „Tschernobyl“ nach der dortigen Reaktorkatastrophe geschrieben hatte und der dann von allen gemeinsam gesungen wurde. Die Botschaft war gesetzt! Auch wenn es die Veranstalter wenig gut fanden, dass Campino von den Toten Hosen zum Publikum sagte „Wir sehen uns am Bauzaun“. Denn darauf hätte die Polizei nur gewartet. Extra zum Festival war die Benutzung von Gummigeschossen freigegeben worden.
Wolfgang Niedecken sagte bei einem Jubiläumsbesuch auf dem ehemaligen Festivalgelände vor kurzem, sie hätten damals auch bei ähnlichen Sachen, wie dem Stollwerck-Protest gespielt: „Da konnte man uns auch anrufen und wenn wir das irgendwie geschafft haben, dann sind wir da auch hin und haben teilweise umsonst gespielt.“ Das Anti-WAA-Festival hätte aber ohne BAP kaum so stattgefunden. Deren Manager hat vieles mitorganisiert und war der Macher im Hintergrund.
Wegen des Widerstandes der bayerischen Staatsregierung war erst drei Tage vor der Veranstaltung gerichtlich klar, dass es stattfinden konnte. Und selbst da musste der örtliche Kulturverein vor Gericht zu einer Notlüge greifen. Als bereits 60.000 Tickets verkauft waren, wurden sie vor Gericht nach eben genau jener Zahl gefragt. Sie antworteten, es seien so um die 25.000, weshalb dann 40.000 erlaubt wurden. Als die Polizei im Wald in Bereitschaft lag, gingen die Veranstalter zum Einsatzleiter und fragten, was sie machen sollten, denn es seien jetzt 40.000 auf dem Gelände aber noch mindestens die gleiche Zahl draußen. Aus Angst, die Menge würde zum WAA-Bauzaun nach Wackersdorf marschieren, ließ die Polizei dann alle rein, weil man sie da auch besser unter Kontrolle hätte. Das Festival erlöste 400.000 DM für die Bürgerinitiativen gegen die WAA.
Wäre ein solches Festival heute noch denkbar? Eine Wiederholung wird vor Ort durchaus auch von Politikern immer wieder gefordert. Aber ist die Musikbranche heute noch so politisch? Oder haben viele Künstlerinnen und Künstler inzwischen so viel Angst vor einem Shitstorm, dass sie sich gesellschaftspolitisch nicht mehr zu positionieren wagen? Für Letzteres spricht bei vielen vieles. Natürlich gibt es Bands und Kulturschaffende, die sich nicht einschüchtern lassen! Solche, die insbesondere im Zuge der Diskussion um Demokratieerhalt und im Kampf gegen Rechts offen Position beziehen. Bands wie Feine Sahne Fischfilet und deren Sänger Monchi, die Donots, die „Antilopen Gang, Die Ärzte, Die Toten Hosen, auch Roland Kaiser und so manche mehr. Aber quantitativ sind das zu wenige! Klar ist die Kulturlandschaft in den letzten Jahren umfangreicher geworden, auch differenzierter! Aber leider auch weichgespülter!
Und Atomkraft ist bei vielen aus dem Fokus verschwunden. Lediglich die Alten positionieren sich, wenn Markus Söder Mini-Atomkraftwerke fordert. Jürgen Buchner von „Haindling“: „Die neue Atomdiskussion ist Wahnsinn! Ein Irrsinn!“ Und Gerhard Polt: „Die meinen, man kann ein AKW kühlen, wie man früher Bier gekühlt hat – mit Eis oder so.“ Und noch vor der Hitze und den ausgetrockneten Flüssen meinte Stofferl Well von der einstigen Biermösl Blosn: „Atomreaktoren sind nicht gelaufen, weil sie kein Wasser mehr zum Abkühlen hatten. Also was soll dieser Unfug? Die Politiker meinen wirklich, wir sind total deppert!“ Aber würden dafür Popstars und Rapper heute auf eine Bühne steigen?
Stofferl Well sagte uns aber auch, dass „der Widerstand rechts bei der AfD gelandet ist. Das müssen wir wieder hinbekommen, uns den Widerstand zurückzuholen.“ Und Jürgen Buchner: „Meine Meinung ist, man kann nicht zu viel Strom haben, wenn bald viel mehr Elektroautos fahren oder KI-Rechenzentren kommen.“
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