Hauptbild
Sven Ferchow. Selfie

Sven Ferchow. Selfie

Hauptrubrik
Banner Full-Size

Dead Man Singing

Untertitel
Ferchows Fenstersturz 11/26
Vorspann / Teaser

Wenn Sie linkischerweise dachten, die Musikindustrie hätte alle dubiosen Wertschöpfungsketten abgegrast, darf ich Sie herzlich enttäuschen. Fast ein wenig stolz möchte ich Ihnen – nach zwei Jahren verdeckter wie geriatrischer Forschung - das neue Geschäftsmodell der Musikbranche präsentieren: die Wiederauferstehung.

Autor
Publikationsdatum
Paragraphs
Text

Spirituell und kaufmännisch. Spirituell, weil seit einiger Zeit hauptsächlich alte Männer auf die Bühnen der Welt gerollt, getragen, geschoben, gehievt oder geworfen werden, deren einstige Blüte man sich nur noch mit viel Vorstellungskraft erhellen kann. Aber eher selten zwischen der glattgehämmerten Stirnpartie, der strahlend weißen Kauleiste, der am Nacken festgetuckerten Halsfalte oder der dürftig kaschierten Halbglatzen entdeckt. Kaufmännisch, weil die Auferstehung à la Lazarus recht gut funktioniert, sobald in einer Ecke der Welt ein Dollarschein raschelt. Da fliegt der Gehstock über den Sauerstofftank und der Rollator wird aus der Intensivstation getreten. Gerne lässt man sich durch den Christbaumtrichter in die alte Lederhose schießen, weil entweder die Rentenversicherung versagt oder die Lebensversicherung abgewunken hat. Oder weil die männliche Eitelkeit einen mit 70 schlicht übermannt. Jetzt darf wieder das Publikum herhalten: bei Bon Jovi, Mötley Crüe, Def Leppard, Scorpions oder Guns N’ Roses. 

Nun wären die variablen Gebrechlichkeitsstufen sowie die narzisstischen wie finanziellen Ängste nicht das Schlimmste an diesem Geschäftsmodell. Es ist eher die mit dem Comeback einhergehende Entwürdigung, die das Showbiz verlangt. Früher war ein Comeback ein Ereignis. Heute ist es eine medizinische Langzeitbeobachtung mit Lasershow. Wenn das Intro verstummt und ein hinter der Nebelwand hüstelnder Sänger, der praktisch seit 1987 nicht mehr selbst geatmet hat, versucht, einen Ton zu treffen, während ihm die Augen vom mit ätherischen Ölen geschwängerten Nebel (wegen der Sinusitis) und gepeinigt­ vom grauen Star tränen. Oder weil die Nase läuft, denn auf diesen Bühnen herrscht ja immer irgendwo Durchzug. Da hält das Publikum freilich den Atem an. Nicht aus Spannung, sondern aus Solidarität. Früher wartete ein einziger Tourbus auf die Partymeute, heute eine Armada an Rot-Kreuz Fahrzeugen, bewaffnet mit Ausfahrrampen, Sauerstoffzelten und vielen orangen Lichtern. The show must go on. Tragischerweise sind es oft die Sänger, deren Zustand zu zahlreichen Gebeten inspiriert. Ein Refrain, der früher mühelos über das Stadion flog, landet nun nicht selten in der Notaufnahme. 

Warum aber lässt man sich im biblischen Alter von Pyrotechnik erschrecken, klettert mit verkümmerten Bandscheiben auf Hebebühnen und singt Texte über die ewige Jugend, während backstage Tilidin und Blutplasmabeutel bereitgehalten werden? Vielleicht ist es diese Mischung aus Größenwahn und Gebrechlichkeit, die das Publikum fasziniert und so das Geschäftsmodell finanziert. Denn da vorne steht kein unverwundbarer Rockstar mehr. Nur ein Typ, der sich weigert, seine Endlichkeit anzuerkennen, solange noch VIP-Pakete verkauft werden können. Und klar. Ganz voyeuristisch möchte das Publikum wissen, ob der Künstler den Weg von der Bühne ohne fremde Hilfe schafft. Dafür zahlt man ja dreistellige Ticketpreise. Und wenn sich die Band am Ende verbeugt, der Zivi in die Senkrechte zurückhilft und über die Mikrofone das Einrasten eines Rollators zu hören ist, jubelt das Publikum gerührt. Auch der Glamour verliert eben an Würde.

Autor
Print-Rubriken
Unterrubrik
Musikgenre