Die Verlockungen, sich durch den Einsatz von KI manch mühevolle Stunde vor der leeren Notenseite oder dem unbeschriebenen Textblatt zu ersparen, haben durchaus etwas Verführerisches. Die Eingabe des Befehls „Schreibe einen Text über Wagner im Stil von Adorno“ beispielsweise dauert länger als das ausgespuckte Ergebnis. Das einem in stupender Kürze tiefsinnig erscheinende Thesen vor Augen führt. Kostprobe gefällig? „Das Gesamtkunstwerk gebärdet sich als Mythos, um die verdinglichte Realität hinter einem Schleier der Illusion zu verbergen.“ Das liest sich ja geradezu ehrfurchtgebietend intellektuell.
Musikforschung im Feld zum Thema „Rolling Stones“. Foto: Hufner
KI: Schreckgespenst für Komponisten und Musikwissenschaftler? – Gedanken eines Praktikers
Der Gedanke wird vertieft: „Wagners Tonkunst ist … instrumentalisierter Rausch. Sie arbeitet mit dem kalkulierten Reiz des Ornaments, um den Mangel an wahrer Versöhnung im Falschen zu übertönen“. Spätestens hier kippt es ins Absurde. Doch die Gefahr, dass für „Kenner“ gehalten werden wollende Opernfreunde solch ein bedeutungsschwangeres Geschwurbel mit beeindrucktem Kopfnicken nachplappern, anstatt kopfschüttelnd ob der Oberflächlichkeit derartiger Worthülsen nach fundierterer Literatur Ausschau halten, ist nicht zu unterschätzen.
Der freundliche KI-Assistent geht übrigens noch eine Spur weiter, bietet dreist an, „dass ich Wagners Leitmotivtechnik anhand eines konkreten Werkes (wie dem Ring des Nibelungen oder Tristan und Isolde) dekonstruiere“. Dabei gibt es solch eine „Technik“ bei Wagner doch gar nicht, wie man überhaupt den Begriff „Leitmotiv“ in seinen sich auf mehrere tausend Seiten summierenden Schriften über Musik und Theater vergebens suchen würde.
Hier nun tut sich der Abgrund auf, wenn der Versuch unternommen wird, die eigene Denkleistung und wissenschaftlich-analytische Durchdringung eines Themas an die KI zu delegieren. Die zwar künstlich, aber eben nicht intelligent genug ist, von Autoren verwendete Begriffe mit der gebotenen Trennschärfe zu hinterfragen und von jenen mit ähnlicher Bedeutung abzugrenzen. Die eigene Skepsis des Wissenschaftlers gegenüber prä-existenten Aussagen, vor allem, wenn diese nicht durch einen dazugehörigen Anmerkungsapparat überprüfbar sind, und das kritische Reflektieren bis hin zu fundierter Quellenkritik bleibt für seriös sein wollende philologische Forschung weiterhin der Ausgangspunkt.
Gleichwohl ist KI dort für den Musikwissenschaftler hilfreich, wo sie dem Menschen überlegen ist. Etwa um sich ohne Ermüdungserscheinungen und nachlassende Konzentration durch einst dickleibige, inzwischen digitalisierte thematische Kataloge zu bewegen und jene Werktitel zu ermitteln, die man für sein Thema braucht. Oder Arienincipits beispielsweise auf Texte von Metastasio hin zu durchforsten, um sie den über siebzig von ihm gedichteten Bühnenwerken zuzuordnen. Oder eine bestimmte Phrase oder Figur in einem anderen Stück als jenem ausfindig zu machen, mit dem man sich gerade beschäftigt. Was den Bogen schlägt zur Musiksoftware.
Auch hier zunächst schier ungläubiges Staunen darüber, was Kompositions- und Notenschreibprogramme inzwischen so alles können. Man gebe Spieldauer, Besetzung, Charakter und Stilvorgaben ein und erhält beispielsweise eine dem Impressionismus nachempfundene fünfminütige Liebesromanze für Solovioline und Streichorchester. Doch wo bleibt hier die Fantasie des Autors, seine Kreativität, seine persönliche Handschrift? Gerade bei einem neuen Werk sollte es doch darum gehen, auch wirklich Neues zu schaffen und nicht nur aus bestehenden Elementen, die im Internet greifbar sind, etwas neu zusammensetzen zu lassen. Mehr nämlich kann die KI nicht. Doch so einschichtig sollte die Bedeutung des lateinischen Worts „componere“ nun wirklich nicht zur Grundlage von Komponieren gemacht werden. Wiewohl dies zur Haltung jener Protagonisten der jüngst betriebenen GEMA-Reform passt, die sich als Teil einer „Musikindustrie“ verstehen.
Für industriell gefertigte klingende Serienproduktion mit all ihrer Austauschbarkeit von Bestandteilen mag ein maschinell-schematisches Komponenten-Prinzip hinlänglich sein. Für ein Stück jedoch, das bei der Aufführung den Gedankenreichtum seines Schöpfers entfalten soll, bedarf es auch weiterhin der eigenen unaustauschbaren und handwerklich fundiert geschulten Komponisten-Persönlichkeit.
Vergleichbar sieht es in der Musikwissenschaft aus. Vieles aus Archiven und Bibliotheksbeständen ist inzwischen digitalisiert und bequem vom heimischen Schreibtisch aus einsehbar, aber längst nicht alles und wird es auch kaum je sein. Wer also sein Forschungsprojekt ernst nimmt, wird sich weiterhin zu den primären Quellen in Bibliotheken und Archiven begeben müssen, um selbst zu recherchieren, übrigens auch im Bestandsumfeld der dort zu findenden Materialien, wo es auch noch in KI-Zeiten vieles neu zu entdecken und an Schätzen zu bergen gibt und gilt. Sich nur auf im Netz Vorhandenes zu verlassen, was KI-gestützt auf PC oder Tablet aufflimmert, verengt den Blickwinkel des Forschenden und verdünnt die Ergebnisse. Schlimmstenfalls bis hart an die Grenze zur Verdummung. Was unmöglich im Interesse ernsthafter (Geistes-)Wissenschaft sein kann.
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