Am 4. Mai dieses Jahres erreichte mich folgende Anfrage per Mail: „Sehr geehrte Damen und Herren, ich wende mich mit einer kurzen Rückfrage zu Ihrem Artikel [Film] „Cicero – Zwei Leben, eine Bühne“ (24. März 2022) an Sie. Darin wird erwähnt, dass Babette ‚Babsi‘ Döge, bekannt aus „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“, die Halbschwester von Roger Cicero gewesen sei. Im Rahmen unserer Recherchen für einen Podcast sind wir auf diese Aussage gestoßen und haben versucht, hierfür belastbare, unabhängige Quellen zu finden. Abgesehen von Ihrem Artikel konnten wir jedoch keine weiteren verlässlichen Belege oder Primärquellen ausfindig machen. Daher wollten wir höflich anfragen, auf welche Quelle(n) sich diese Information in Ihrem Artikel stützt. (…) Da uns eine saubere und nachvollziehbare Quellenlage wichtig ist, würden wir uns sehr über eine kurze Rückmeldung freuen. Vielen Dank im Voraus für Ihre Unterstützung und Ihre Zeit. Mit freundlichen Grüßen Tabea Hofmann, Rabbit Hole – Der Podcast“.
Rabbit Hole Cicero
Puh, da fühlte ich mich doch gleich erst einmal in meiner Journalist:innen-Ehre etwas gekränkt. An den Film über den viel zu früh verstorbenen Entertainer und Sohn des rumänischen Jazzmusikers Eugen – Roger Cicero – konnte ich mich immer noch sehr gut erinnern. Eigentlich ging es besser gesagt um die beiden, also Vater UND Sohn, die Gemeinsamkeiten, die Konkurrenz et cetera. Aber woher ich diese Information über Babsi im Vorfeld meiner Kritik hatte? Zugegebenermaßen: Ich hatte einfach keine Ahnung mehr. Frei erfunden hatte ich das aber sicher nicht … Also fing ich erneut an, zu recherchieren. Und stieß dabei immer wieder auf: mich. Erst einmal.
Fakt ist, dass Eugen Cicero die Tänzerin Lili Cziczeo oder später Lilli Cicero in der Schweiz kennenlernte und heiratete. Aus dieser Ehe ging Roger hervor, 1980 wurden die beiden wieder geschieden. Gibt man diese beiden Namen der Mutter in die Suchmaschine ein, stößt man auf eine Vielzahl von Fotos und Videos. Und immer wieder auf die jüngste Drogentote Berlins in den 1980er-Jahren, die in „Christiane F. – Wir Kinder von Bahnhof Zoo“ beschrieben wird: Babette „Babsi“ Döge. Lilli Cicero soll vor ihrer Ehe mit Eugen also eine Halbschwester von Roger geboren haben, die größtenteils bei ihren Großeltern in Berlin aufwuchs. Auch ihr damaliger Drogenberater spricht in einem rbb-Interview darüber. Leider hat er meine E-Mail nicht beantwortet. Auch nicht die Website-Betreiber der offiziellen Roger-Cicero-Seite im Netz, auch nicht die Filmautorin Katharina Rinderle.
So. In dieser besagten Reportage zur Berliner Drogenszene soll Babsi aber kurz vor ihrem Tod erzählt haben, dass ihre Mutter früher Tänzerin und jetzt im Westen Model und immer unterwegs sei. Deshalb wachse sie bei den Großeltern auf. Es half alles nichts, das Buch musste her. Das gibt es nur mehr antiquarisch, nicht einmal in der Stadtbücherei war es ausleihbar. Das gute alte Papier. Da kann keine KI dagegen anstinken. An einem heißen Sommerabend fand ich also das STERN-Buch von Christiane F. „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ in der 23. Auflage von 1981 in meinem Briefkasten. Es hatte mich damals als Dreizehnjährige tief verstört. Ich konnte mich erinnern. Aber ich musste es nochmal lesen. Es half nichts. Ziemlich früh ist in diesen erschütternden Aufzeichnungen von Babette, beziehungsweise Babsi mit dem Engelsgesicht die Rede. Sie ging wie Christiane anschaffen, um an Heroin zu kommen und wurde eine ihrer besten Freundinnen. Und siehe da! Auf Seite 91 wurde ich fündig: „Wir drei hatten eınfach viel miteınander zu quatschen. Wir hatten zu Hause alle ähnlichen Trouble gehabt. Babsis Vater hatte sich umgebracht, als sie noch ein kleines Kind war. Ihre Mutter war Tänzerin gewesen und im Westen Fotomodell, erzählte Babsi. Ihr Stiefvater war ein großer Pianist. Ein weltberühmter Künstler, sagte Babsi. Sie war mächtig stolz auf ihren Stiefvater, vor allem, wenn wir in einen Plattenladen gingen, und da gab es jede Menge Plattenhüllen mit dem Namen und dem Bild ihres Stiefvaters. Dieser Klavierspieler schien sich allerdings nicht allzuviel um sie zu kümmern, Babsi lebte bei ihren Großeltern, die sie adoptiert hatten. Sıe lebte da wıe eine Prinzessin. Ich war später mal bei ihr zu Hause. Sıe hatte ein wahnsinniges Zimmer mit den geilsten Möbeln. (…) Aber sie vertrug sich nicht mit ihrer Großmutter, die eine richtige Furie war. Sıe hätte gern wieder bei ihrer Mutter gewohnt. Babsi wollte nichts mehr von ihrem wahnsinnigen Zimmer wissen und war deshalb auf Trebe …“ Was das ist, können Sie jetzt recherchieren. Mögen alle drei in Frieden ruhen.
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