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Sven Ferchow. Selfie

Sven Ferchow. Selfie

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Sorry, Elvis!

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Ferchows Fenstersturz 2026/02
Vorspann / Teaser

Sie dachten, Sie hätten 2025 akustisch überlebt? Trotz schlüpfriger Autotune-Jodler wie „Olivia“ von den Zipfelbuben (Wenn deine Mutter wüsste, zeigst jedem deine Brüste, wenn deine Mutter wüsste, mit jedem in die Kiste). Oder die kognitive Kernschmelze der Mountain Crew (Expresso & Tschianti). Weit gefehlt. Kurz vor dem Jahresabschluss-Sekt rülpst uns der musikalische Satan höchstpersönlich ins Ohr: DJ Ötzi. Sie wissen schon, das wandelnde Lawinenwarnsystem mit der weißen Häkelmütze aus Tirol (Hey, hey, baby, I wanna know if you′ll be my girl). Nahezu unverfroren hat sich DJ Ötzi (Freunde sagen Gerry) erlaubt, mit seiner Tochter den Elvis Klassiker In The Ghetto zu exekutieren. Juris­tisch geschickt vermeide ich den Begriff „Singen“. Denn bei Gerry, der ja bekannt ist, Bassopfer mit inhaltlich luftgekühlter Kirmes-Mucke zu versorgen, die jeder Elektroniker im ersten Lehrjahr auf einer Platine zusammenlöten kann, ist das Verb „singen“ flugs ein Straftatbestand.

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Was bitte, liebe Musikindustrie, ist da schief gegangen? In The Ghetto ist doch kein Lied, das jeder nachspielen darf. Speziell kein österreichischer Schlager-Schneeschieber. In The Ghetto ist pure Poesie, ist sozialer Abgrund. Mit Melodie und Dramatik. Über Armut und Ausweglosigkeit. Elvis hat das mit Pathos und Würde vorgetragen. Ich betone: Elvis. Und nun kommt DJ Strickmütze und planiert diese herzbewegende Hymne im familiären Doppelpack nieder wie eine Pistenraupe die Talabfahrt zum Jägermeister-Karussell. Dämonischer kann man ein Erbe nicht sabotieren. Schlimmer noch. Denken Sie nur daran, wie die alkoholisiert watschelnden Promille-Pinguine diesen Hüttenzauber inszenieren werden. Radieren Sie geschwind Erinnerungen aus, als Zuhörer bei Elvis noch zappelnd vor Ergriffenheit aus den Latschen kippten. Da kommen nun andere, weniger würdige Snapshots auf uns zu, wenn Gerry singt: Schnaps-Schneehäschen, die mit ineinander verkeilten Skistöcken schunkeln, Pulverschnee-Proleten, die ihren Plastikbecher für ein letztes Prosit heben (As the snow flies, on a cold and gray Chicago mornin’), bevor sie zusammen mit den anderen Schneekanonen-Säufern von Gerrys In The Ghetto aus der Hütte gewedelt werden. Almabtrieb für Follower. Sieht man Gerry und Tochter dann noch gottesfürchtig im TV singen (ich erzähle das für einen Freund), wirkt dieser gekünstelte „In The Ghetto“-Ernst fast rührend. Dieser heilige Ernst. Als hätten beide verstanden, worum es geht. Als dürfe man sich dieses Lied einfach nehmen und familienfreundlich verpacken.

Ja, ich weiß. Die Popgeschichte kennt viele Grenzüberschreitungen. Manche waren notwendig. Andere peinlich. Diese hier ist vor allem eines: überflüssig. Sie fügt nichts hinzu. Außer Ratlosigkeit. Und nimmt viel weg: Kontext. Gewicht. Respekt. Freilich. Man darf das mögen. Man darf auch Ananas auf Pizza legen. Doch wenn mittlerweile jeder alles covern darf, dann ist Popmusik endgültig dort angekommen, wo nichts mehr wehtut.

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