Es gibt im Leben eines Vaters besondere Momente. Der erste Milchzahn. Das erste Fahrrad. Der erste Besuch in der Notaufnahme. Mitunter: der erste Schultag. Und irgendwann: das erste Konzert. Zu dem man nicht mehr mitdarf. Früher war ich der Babo. Hatte Aura 5000. War Tourmanager, Sponsor und Merchandise-Berater in Personalunion.
Sven Ferchow. Selfie
Und dann kam Kraftklub
Nichts war cringe. Ich habe meinem ältesten Sohn die wichtigen Dinge beigebracht. Nicht, wie man eine Steuererklärung ausfüllt oder eine Krawatte bindet. Sondern wie man auf einem Rockkonzert vier Bier bestellt, unfallfrei in die crowd trägt, so dass nicht der halbe Becher auf den Boden schwappt und der Vorrat bis zur Vorband Bestand hat. Oder wie man im Gedränge eines 60.000er Open-Air stabil bleibt. Oder erkennt, ob die random Punks neben einem einfach low oder nur stoned sind oder es sich eventuell um einen medizinischen BTM-Notfall handelt. Ich schwöre: Wir haben Konzerte gesehen, die zur musikalischen Grunderziehung zählen: Pearl Jam, Bruce Springsteen, Iron Maiden, Eddie Vedder, Thunder und D-A-D. Und auf Ernst. Andere Kinder lernten Tiergeräusche und hatten Fühlbücher.
Mein Sohn wurde zwischen verzerrten Gitarren und T-Shirts, mariniert in Bier, Lederjacke und Pipi-Nachlauf, erwachsen. Andere konnten Muh von Mäh unterscheiden. Er, ob eine Gitarre nach Gibson oder Fender brettert. Wallah! Er wusste schnell, dass Bruce Springsteen der Boss ist.
Sonst keiner. Lief bei uns! Und dann kam Kraftklub. Tickets gezogen. Playlist geladen. Kraftklub, die sind wie ich gegen das Establishment (Kein Gott, kein Staat, nur du). Guter Pick. Ich, Gen X, heiß wie Frittenfett. Bis die Absage kam. Hausarrest fürs Vaterego. Die Freundin fährt mit. Wie broke sind die denn bitte? Ich, der ihm erklärt hat, warum ein Bruce-Springsteen-Konzert länger dauert als manche Koalitionsregierung. Aussortiert wie der Brockhaus im Keller.
Voll lost, der Junge. Das ist der Dank dafür, mit Guns’n‘Roses als Zahnungshilfe erzogen worden zu sein? Nun ja. Vielleicht ist es nur fair. Schließlich war es „meine“ Mucke, die oft genug von Freiheit und Selbstbestimmung handelte. Offenbar ist das die Strafe. Man zieht sie mit Rockmusik groß, wiegelt sie gegen das Establishment auf und merkt zu spät, dass man selbst das Establishment geworden ist. Ich bin nun der Gegner. Ich und meine swaggen Kurt Cobain / Jack Purcell Converse Sneaker.
Ich überlege kurz, auf pädagogische Rache zu setzen: „Dann gehe ich eben allein zu Metallica!“ Andererseits, die sind ja auch dermaßen lost. Was bleibt uns Rock-Vätern noch? Nur die Rolle des guten Roadies: unsichtbar, zuverlässig und mit Gaffa-Tape für seelische oder sonstige Risse bereitstehen. Wie sagt man so schön über Rockmusik? Gute Songs lassen Luft. Gute Soli enden rechtzeitig. Und „gute“ Väter sollten erkennen, wann sie die Bühne räumen müssen. Ach so. Bitte keine gut gemeinten Zuschriften, „Father & Son“ von Cat Stevens zu hören. Das war ja wohl eine völlig andere Zeit.
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