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Moritz Eggert. Foto: Juan Martin Koch

Moritz Eggert.

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Wer ist eigentlich Gunda?

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Absolute Beginners 2026/05
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Weiterhin ist das Hauptthema meiner Kompositionsstudierenden die anstehende GEMA-Reform der „Kulturförderung“, von der man immer noch irgendwie hofft, dass sie verhindert werden kann. Das wäre auch dringend nötig, denn käme der in jeder Beziehung unsägliche Antrag durch, sähe es zappenduster für die Zukunft meiner Studierenden aus. Letzten Monat haben wir uns hier die Präsentationsfolie vorgenommen, die die GEMA auf ihren Seiten zur Reform präsentiert, und uns den hypothetischen Kompositionsstudenten „Jan“ angeschaut, der als Beispiel dafür diente, wie wenig Ahnung die Macher der Reform von einem Hochschulstudium haben. Dieses Mal möchte ich mich dem idiotischen GEMA-Beispiel von „Gunda (62) – Kompositionsprofessorin“ widmen, die angeblich eine „typische“ E-Komponistin darstellen soll.

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„Gundas Werke… werden regelmäßig auf renommierten Festivals aufgeführt und zudem vereinzelt im Radio gesendet“ liest man da. Nun, natürlich nur noch „vereinzelt“ im Radio, da dieses sich dank diverser Radioreformen nur noch „vereinzelt“ für etwas anderes als dumpfbackenen Mainstream interessiert.

Gunda hat, so liest man weiter: „in der E-Wertung die höchste Wertungsgruppe und erhält dort seit vielen Jahren fünfstellige Beträge“. Dieser Punkt ist tatsächlich datenschutzrechtlich relevant, denn ich kenne in ganz Deutschland nur eine einzige (!!!) Professorin, auf die dies – eventuell – zutreffen könnte. Da hätte man gleich die Adresse mitliefern können (kleiner Hint: Sie heißt nicht „Gunda“). Das Schlimme ist: gutgläubige Kolleginnen und Kollegen lesen diesen Stuss und denken, dass die zeitgenössische Musikszene aus lauter Topverdienern besteht. Die Wirklichkeit sieht aber anders aus – selbst die ganz, ganz wenigen Gutverdiener im Bereich der Neuen Musik haben Einnahmen, die noch nicht einmal im Entferntesten an die Top-Einkommen in U heranreichen. Und vor allem sind nur ganz wenige tatsächlich Professoren. In Deutschland gibt es um die 50 Kompositionsprofessuren, einige davon sind von ausländischen Kolleginnen und Kollegen besetzt, die gar nicht in der GEMA sind. Und von den anderen sind gar nicht alle ordentliches Mitglied, da ihre Einnahmen aus Tantiemen dazu gar nicht ausreichen. Viele Professuren sind zudem nur halbe Stellen.

Wie sieht die Realität aus, die die GEMA anscheinend nicht kennt? Komponierende der E-Musik haben in großer Mehrheit höchstens einen sehr schlecht bezahlten Lehrauftrag (wenn sie Glück haben). Eher haben sie Nebenjobs – zum Beispiel als Klavierlehrerin, Notensetzer oder vielleicht sogar als Nachtwächter. Ich kenne einen Kollegen, der seinen Lebensunterhalt mit analogen Fotoautomaten bestreitet, die er selbstständig wartet und repariert.

Das ist die Realität fern der stupiden Präsentationsmappen der GEMA: Die meisten Kolleginnen und Kollegen in diesem Land kommen sehr mühsam über die Runden, um ihre Kunst zu machen und ihre im Vergleich zu U sehr geringen GEMA-Einnahmen sind oft eine wichtige Stütze dabei. Für sie ist die GEMA-Reform der Todesstoß – die Gier der Konzerne und die Bestechlichkeit von Funktionären vernichtet ihre Existenz und damit auch die Existenz von zeitgenössischer klassischer Musik in diesem Land.

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