Mit erlesener Freundlichkeit stimmt Anselm Cybinski das Publikum der Wittener Tage für neue Kammermusik auf ein abenteuerliches Hör-Wochenende ein. Der neue WDR-Redakteur verantwortet einen Festivaljahrgang, den noch Patrick Hahn geplant hatte, bevor er sich Richtung Paris verabschiedete. Das Festivalmotto ordnet an: „Gegenwart. Unentrinnbar.“ Die Komponistinnen und Komponisten entrinnen trotzdem. Drei Tage später lautet die Bilanz: wenig Widerspruch, noch weniger Gelächter.
April 2026: Wittener Tage für neue Kammermusik. Foto: © WDR / Claus Langer
Bechers Bilanz – April 2026: Wittener Tage für neue Kammermusik
Wann verwandelt sich Leben in Maschine?
Márton Illés
Viel Energie und Hirnschmalz steckt die zeitgenössische Musik in Live-Elektronik. Die Zuhörer fragen nach Hase und Igel: Klingt hier noch Instrument oder schon Verstärkung? Ist das elektronisch bearbeitet oder spielt die da vorne nur so wild? Die Ohren staunen über die fluiden Übergänge. Wann und warum Naturklang in Elektronik mutiert, verdient durchaus eine Antwort. Man möchte ja auch wissen, wann sich Leben in Maschine verwandelt oder Kreativität in KI. So nah an der Gegenwart ist die neue Musik dann doch.
Am ersten Tag, dem 24. April, überzeugt der Ungar Márton Illés mit wellenhafter Dramaturgie in „Four SkEtches“. Sein Ensemblewerk häutet sich mehrmals, vom Gewimmer über Anbetung eines Zentraltons bis hin zu verschwörerischem Wispern. Das Klangforum Wien stellt unter der Dirigentin Elena Schwarz außerdem Neues von Isabel Mundry und Chaya Czernowin vor. Keines der drei Werke scheint sich für formalen Rhythmus, ja nicht einmal für Dauer zu interessieren. Bäte man die drei, die Werke zu kürzen oder zu verlängern, hielte sich der Widerstand wohl in Grenzen. Die Instrumente mischen sich nicht, sondern schieben Partikel über- und untereinander, die Komponistinnen und Komponisten stehen daneben. Mal gucken, was passiert. Sie werden damit in den zehn Festivalkonzerten nicht allein bleiben.
Buh dem Baumaterial
Øyvind Torvund, Golfam Khayam, Amen Feizabadi
Widerstand entfacht nicht das Achselzucken der Architekten, sondern recyceltes Baumaterial. Zum Festivalabschluss betritt das WDR Sinfonieorchester die Bühne des zweckdienlichen Wittener Saalbaus, geleitet von der iranisch-deutschen Dirigentin Yalda Zamani mit präziser Zeichengebung und Leidenschaft. Øyvind Torvund verfremdet in „Two pieces“ die Sextaufschwünge des romantischen Orchesterrepertoires derart dezent, dass er eines von zwei Festival-Buhs einkassiert – ungeachtet der neckischen Elektronik aus einem Flipperautomaten der 70er-Jahre. Das andere erschallt im Konzert der Basel Sinfonietta unter Titus Engel und gilt der iranischen Komponistin Golfam Khayam. „Seven Valleys of Love“ schließt an die frühen baltischen Streichorchester-Stücke mit ihrer mehrstimmig aufgefächerten Dur-Sehnsucht an. Dieses Vokabular aus der zeitgenössischen Musik ausschließen zu wollen, ist wirklichkeitsfremd. Es geschieht nichts Anstößiges auf einem Festival, wenn es nicht nur Motor, sondern auch Spiegel sein will. (Der Impressionismus von Dai Fujikura wird hingegen durchgewunken.)
Der Fokus des Sinfonietta-Konzertes liegt allerdings im Auftritt der phänomenalen Noa Frenkel, einer Sängerin, die aus dunkelvioletter Altlage mühelos drei Oktaven in eine orangene Höhe schnellt. „Ungezähmter Fluss“ von Amen Feizabadi übersetzt die Archaik eines „Sacre du Printemps“ für heutige Ohren, das Orchester spielt euphorisch, immer nuanciert, bis zum finsteren Schluss, wo die Töne des Kontrabass-Fagotts in Rhythmus übergehen. Oscar Bianchi verfolgt in „Zamān“ einen ähnlichen Ansatz, differenziert aber die Klangfarben kaum und nutzt die Gestaltungsmöglichkeiten der Instrumente zu selten.
Klangraum der Flucht
Chaya Czernowin, Yair Klartag
Das WDR-Festival porträtiert die in Haifa, Israel, geborene und heute in den USA lebende Komponistin Chaya Czernowin, unter anderem mit dem Solostück „Shu Hai practices Javelin“ für Noa Frenkel und eine im Raum verteilte Zuspielung. Eine Polyphonie weiblicher Stimmen fordert, beschwört, zittert, bebt und schweigt, alle zurückgehend auf die eine Stimme der Altistin. Ein halbstündiges emotionales, ja feministisches Manifest von emotionaler Wucht. In solchen Momenten lenkt das Wissen um die Herkunft der Komponistin die Rezeption. In Yair Klartags „The Unconscious is Structured like a Language“ flüstert es aus den Lautsprechern, die Musikerinnen und Musiker der Basel Sinfonietta greifen das auf. Der israelische Komponist arbeitet mit Material aus der KI, mit Stimmen ohne Worte, ohne Körper und ohne Seele. Entwickeln sie ein Unterbewusstsein, das musikalisch veredelt werden könnte? Das tun sie nicht. Aber sie scheinen Angst zu haben. Sie hecheln, atemlos. So entsteht ein Klangraum der Flucht, der metallische Puls im Schlagwerk senkt die Temperatur.
Zuordnung war gestern
Alberto Posadas, Günter Steinke, Ramon Lazkano
Im mikroskopisch sezierten Klangraum ist Neues kaum noch zu finden. Trotzdem hebt das Trio Abstrakt Überraschendes. Wer erlebt hat, wie sich im akustischen Wimmelbild von Alberto Posadas‘ „Kintsukuroi“ neue Klänge die Hand reichen, auf Styroporskulpturen, mehr im Flügel als auf den Tasten, mit Schneebesen und Industrieabfällen, um die Pianistin Marlies Debacker und Perkussionist Alexandre Ferreira Silva herumtänzeln in dieser aufwändigsten Wittener Erstaufführung, der weiß, dass die Zeit der Zuordnungen der Vergangenheit angehört. Zuordnung der Sprachlichkeit und der Werkzeuge. Saxofonist:in Salim(a) Javaid erscheint in diesem Kontext als musikalischer Hort des Beständigen. Posadas Klänge setzen sich stets aus mehreren Aktionen des Trios zusammen, aber auch dieses Werk erweckt den Eindruck fehlender dramaturgischer Steuerung.
Marlies Debacker mit Alberto Posadas „Kintsukuroi“, © WDR / Claus Langer
Günter Steinke hat sich diesem Problem in „Voltage“ gestellt, indem er mehrmals zwischen hektischer Betriebsamkeit und glitzernden Klangflächen hin- und herspringt, während der elektronische Klangraum gelegentlich aufbrandet. Ramon Lazkano wiederum lässt in „Uher“ Bass-Saxofon, Klavier und Percussion in ihren traditionellen Spielweisen zusammentreffen, etwa in der vom Blasinstrument vorgegebenen Tiefe: Groove, Motorik, jazzig akzentuierte Figuren. Ein Lob auf das Handwerk schwingt in dieser Musik mit, nichts Neues will sie entdecken und bewegt sich dabei mit Fantasie und Eleganz durch den Tonraum.
Aufregende Kammermusik
Enno Poppe, Johannes Kalitzke, Sonja Mutić, Dmitri Kourliandski, Christian Mason, Johannes Maria Staud
Wie beruhigend, dass die aufregendsten Kompositionen in Witten der Kammermusik angehören. Dank WDR-Audiothek lässt sich wieder und wieder hören : Enno Poppes „Faden“ für Akkordeon und Klavier, bestehend aus sieben Sätzen, jeder mit klarer Kontur, wofür sich Poppe im Interview entschuldigen zu müssen glaubt („Dass ich jedem Stück ein anderes Profil gegeben habe, kann man oberflächlich für traditionell halten“). Das von Anne-Maria Hölscher gespielte Akkordeon weckt Erinnerungen an Sofia Gubaidulina, die Charaktere der Sätze an Helmut Lachenmanns Klavieralbum „Ein Kinderspiel“. Pianist Florian Hölscher präsentiert anschließend Johannes Kalitzkes „Tunnel Blau“, ebenfalls ein Werk, das das Instrument und seine Fähigkeit des dynamischen Anschlags ernst nimmt. Wer lässt sich auf die Mechanik des Klaviers noch ein, ohne sofort ins Innere des Korpus zu flüchten? Für den nächtlichen Höhepunkt sorgt Sonja Mutić. Ihr „Unvoiced“ entlockt dem Blechbläserquintett „Ensemble Schwerpunkt“ live-elektronisch ein Drone-Gewitter, das die Ohren kräftig durchpustet.
Anne-Maria Hölscher und Florian Hölscher mit Enno Poppe „Faden“. © WDR / Claus Langer
Außerhalb der Festivals wird man nicht oft mit ihr konfrontiert: mit einer Musik am Rand des Klangs, in dem leises Zwitschern oder kurzes Knacken des fest auf die Saite drückenden Bogens Bedeutung erheischen. Das fabelhafte Quatuor Diotima, betitelt nach Luigi Nonos raunendem Meisterwerk, das in den 1990er-Jahren eine ganze Generation von jungen Komponisten zur Fortführung seiner Tonsprache animierte, versenkt sich in „Partially Restored Landscapes“ von Dmitri Kourliandski, der seinen Minimalismus strophisch gliedert. Als der russische Komponist, äußerlich näher an Bernhard Gander als an Beat Furrer, die Bühne betritt, applaudiert er zu Recht dem Publikum, das in den vorausgegangenen 20 Minuten in höchster Konzentration belauscht hat, wie sich auf dem völlig menschenleeren Planeten die ersten Fledermäuse vorsichtig umschauen.
Quatuor Diotima mit Dmitri Kourliandski „Partially Restored Landscapes”. © WDR / Claus Langer
Umkreist Kourliandski das Nichts, so Christian Mason mittelalterliche Instrumentalsätze. Er tastet in „Towards a not yet remembered past …“ nach den vor-klassischen, noch jungfräulichen Dur-Akkorden, will sie lieber ansehen als anfassen. Unvermutet brechen sie hervor, ähnlich den zart geklopften Trost-Akkorden in Czernowins Streichquartett „Ezov“. Musik über Musik als ein Befragen der eigenen Zunft und Herkunft, ein Stück sinnlicher Heimat.
Erst Johannes Maria Staud schlägt dem Tiefsinn ein Schnippchen, wenn er in „Jagende Wolken, blendendes Blau!“ mit dem „Ensemble Schwerpunkt“ zunächst Atemgeräusche zelebriert, bevor er eine Kaskade rhythmisch prägnanter Gute-Laune-Musik über seinem Publikum ausgießt. „Coolness und Extase“ schreibt Staud, inspiriert von Pop und Kirmes – vergnüglicher wird es an diesen drei Tagen nicht.
Dem Schmutz nicht entrinnen
Chaya Czernowin
Wie aber bricht sich die Gegenwart in der Musik Bahn? Anselm Cybinski bittet drei Komponisten und Chaya Czernowin zum Interview für das Programmbuch. Die Welt brennt, gesellschaftliche Gruppen belauern einander mit Häme und Hass, Arm und Reich driften immer weiter auseinander, der Planet wehrt sich nach Jahrzehnten der Ausplünderung. Wittens Akteure kommen aus Israel, den USA, dem Iran, Kuba, Europa, Russland, Brasilien … da müsste doch was zu hören sein. „Musik ist von Natur aus politisch“, weiß Kourliandski. Na dann.
Vielleicht erklärt das die Enttäuschung über Czernowins opera povera „The redheaded man”, dessen Text von Daniil Charms sich böswillig gegen die Urheberin wendet: Der von Charms beschriebene Mann hat weder Augen, Ohren noch Mund, keine Arme und Beine, im übrigen auch keine Eingeweide. „Überhaupt nichts hatte er! So daß man gar nicht versteht, von wem die Rede ist. / Besser, wir sprechen nicht mehr von ihm.” Das Ensemble „Hand Werk” führt die musikalische und schauspielerische Darstellung zusammen, die Komponistin inszeniert selbst. Dass Charms‘ Absurditäten in dadaistischen Nonsens führt, ist das unausrottbare Credo bisheriger Lesarten, die den Niederungen der politischen Schlussfolgerung aus dem Weg gehen. Mehr denn je aber sollte das Potenzial seines kühl kalkulierten Widerstands gegen Herrschaftsstrukturen gehoben werden. Dass das Ensemble den „Redheaded Man“ am Ende kraftvoll skandiert, genügt nicht.
Ensemble Hand Werk mit Chaya Czernowin “The Redheaded Man”. © WDR / Claus Langer
Czernowins stärkstes Stück hebt sich Witten für das Finale auf. Noch einmal Yalda Zamani mit dem WDR Sinfonieorchester: In „No! A Lament for the Innocent“ habe die Komponistin, wie sie sagt, „einen reinen Schrei des Widerstands“ gegen die Gewaltexzesse in Israel, Gaza und den USA schreiben müssen. Sie verschiebt durch weitgehenden Verzicht auf Streicher und Bratschen den Fokus auf das tiefe Register und entfesselt eine wütende Steigerung, in deren Folge die Sängerin Sofia Jernberg nach anfänglichen Klagen endlich in einer glasklaren Aussage gipfelt: Nehmt nicht unsere Kinder! Die meisten Komponistinnen und Komponisten scheuen die Parole. Nicht ohne Grund. Damit aber verlieren sie auch an Kraft. In klug ersonnenen Prozessen setzt Haltung sich nicht ab. Wer mit Konrad Bayer sagen will „Ich bin einfach nicht einverstanden!“, wird dem Schmutz nicht entrinnen können.
Köln: „Je suis l’idée maîtresse“ von Manfred Trojahn
Der dunkle Grund des Schöpferischen
Es gibt auch Zeitgenössisches jenseits der Spezialistenfestivals. Nach der Bonner Uraufführung von „Ein Brief“ für Bariton, Streichquartett und Orchester kurz vor dem ersten Corona-Lockdown – gemeint ist Hofmannsthals „Chandos-Brief“ und Beethovens „Heiligenstädter Testament“ – stellt Manfred Trojahn nun die Fortsetzung vor: „Je suis l’idée maîtresse“, eine „Scène réflexive“ für Mezzosopran und Orchester. Am 19. April gastiert das Orchestre Philharmonique Royal de Liège unter der Leitung von Lionel Bringuier in der Kölner Philharmonie. Beide teilen sich den Auftrag an Trojahn: eine Vertonung von Paul Valéry, in dessen Text die schöpferische Kraft selbst um den Künstler ringt (ähnlich der Muse in „Les Contes d’Hoffmann“). Die Französin Gaëlle Arquez, weltweit eine der besten Carmen derzeit, erhitzt mit nachtschwarzem Mezzosopran die kurzen Bögen von Trojahns Gesangslinien, konzentriert auf präzise melodische Gestaltung und ohne Bühnenzauber. Vielleicht gibt der Dauerappell Valérys einfach nicht mehr her. Die Streicher züngeln um die Gesangsstimme herum, das Englischhorn verliert sich in verträumten Kantilenen, aber immer gießen die Kontrabässe das Fundament. Eine schwärmerische, sehnsüchtige, auch dunkle Musik, in der das Schöpferische nicht jubelt, sondern den Daseinsgrund der Menschen kartiert. Das Terrain scheint bereits verloren. Trojahns Musik, seine kulturkonservative Haltung berichtet von der Schönheit dessen, was wir zu opfern bereit sind.
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