Die Hamburgische Staatsoper verfolgt das Ziel, die Avantgarde auch der jungen Generation zugänglich zu machen. Michaels Reise von Karlheinz Stockhausen in der Solisten-Version für einen Trompeter, 9 Mitspieler und Klangregisseur (2018) ist eine rein instrumentale, konzertante Fassung von Michaels Reise um die Erde aus der Oper Donnerstag aus Licht (1977/78). In der Produktion der Staatsoper in Kooperation mit der Hochschule für Musik und Theater wird das Werk szenisch umgesetzt.
Stockhausen für Kinder: Michaels Reise. Ensemble. Foto: Matthias Baus
Ein sozialer Raum aus Klängen – Michaels Reise von Karlheinz Stockhausen an der Hamburgischen Staatsoper
In der Inszenierung von Elisabeth Stöppler reisen Michael und seine Crew mit dem Raumschiff ins All. Nachdem die Reisegäste ihr Gepäck an der Garderobe aufgegeben haben, dürfen sie in kleinen Gruppen das Raumschiff betreten. Kinder haben Priority-Boarding. Mittig auf der Bühne des Raumschiffs steht ein kleines, rundes Podium, um das herum die Arbeitsplätze der Crew im blauen Overall verteilt sind. Ein großer Bildschirm, der das Cockpit-Fenster des Raumschiffs darstellt, erweckt Reiselust. Das Boardingpersonal in futuristisch-gelben Uniformen (Diana Mayer, Marcus Supplitt und Andrea Wolter-Morell) führt die Gäste per Gestik an die Passagierbänke im hinteren Teil des Raumes und an den Seiten. Leise Gluckergeräusche erfüllen den Raum: Die Musiker – die Crew – blasen Luft in ihre Wasserflaschen.
Es entsteht ein immersives Erlebnis. Die Crew bereitet sich auf die Expedition vor. Die eine macht Yoga, der andere untersucht Gestein, eine weitere Person schaut durchs Mikroskop und ein weiterer untersucht seine Hirn- und Herzfunktionen. Das Publikum lernt die Musiker also bereits vor dem eigentlichen Spiel als Persönlichkeiten kennen. Diese frühe Vertrautheit mit den Figuren erweist sich später als hilfreich, da sie die Möglichkeit eröffnet, sich an einzelnen Lieblingsfiguren festzuhalten, auch wenn die Musik komplexer wird. Aus den Lautsprechern ertönt Stockhausens „Gesang der Jünglinge im Feuerofen“ – eine Collage aus Aufnahmen menschlicher Stimmen und elektronischer Musik. Dank der gekonnten Klangregie von Kathinka Pasveer, langjähriger Mitarbeiterin Stockhausens, und des Surround-Systems wandern die Wortfetzen durch den Raum. So können sich die Zuhörer bereits in diesen ersten Minuten mit der Raumakustik vertraut machen.
Michael (Solo-Trompete, Paul Hübner) ist inzwischen aufgewacht. Er zieht sich seinen silbernen Astronauten-Schutzanzug an, verstaut seine Werkzeuge – die Dämpfer – in seinen Gürteltaschen und nimmt die Trompete in die Hand. Er beginnt zu spielen und sendet Signale ins All. Das Publikum erlebt die durch die unterschiedlichen Dämpfer erzeugten, verschiedenen Klangfarben und spürt, wie Michael ruft: „Ist jemand da?“ Doch auf dem Bildschirm rasen nur die Sterne vorbei.
Die Crew setzt ihre Raumfahrt trotzdem fort. An der ersten Station begegnet Michael Luna (Gerlinde Supplitt), ein zierliches, graziöses Wesen. Auf dem Bildschirm sieht man dazu Lunas Welt (Video: Vincent Stefan) mit gläsernen Obelisken und weiteren Wesen wie Luna, die das Publikum wie Balletttänzerinnen wahrnimmt. Danach tritt Mars (William Parton) auf, ein kraftvolles Wesen in einer roten Feuerwelt, das Michael zum Boxen herausfordert. Merkur (René Keller), verspielt und in eine beige Wollweste gekleidet, wirft Michael und dem Publikum einen Wollball zu und bindet die Zuschauer so ins Geschehen ein.
Stockhausen für Kinder an der Hamburgischen Staatsoper. Paul Hübner und Paula Breland. Foto: Matthias Baus
Auch die weiteren Begegnungen sind prägnant gestaltet: Jupiter (Diana Mayer) erscheint mit einem radiogleichen Kopf, dessen Antennen Klänge aufnehmen und verbinden. Venus (Beatrice Jahn) sammelt mit einer großen Muschel feine Geräusche, während Saturn (Eric Miot) mit langem Haar und weißem Gewand eine priesterliche Ruhe ausstrahlt. Die Sonne schließlich besteht aus fünf goldenen Wesen, die den Raum aus verschiedenen Richtungen betreten und das Publikum einbeziehen, indem sie Seile zum Festhalten reichen.
Schließlich hört Michael in der Ferne einen besonderen Klang, der ihn fasziniert. Plötzlich steht ein Wesen aus einem anderen Stern vor ihm: ganz in Silber (Bassetthorn, Paula Breland). Die beiden verstehen sich auf Anhieb und verlassen gemeinsam das Raumschiff.
Die Crew reagiert zunächst irritiert und gerät in Streit. Doch als sie auf dem Bildschirm sieht, wie glücklich Michael und Paula gemeinsam durchs All schweben, entsteht auch bei ihr die Sehnsucht nach einem Gegenüber.
Die Musikerin und der Musiker samt Instrument als Klangwesen
Die Produktion ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert. An der Musik wurden keine Abstriche gemacht. Es geht in dieser Produktion nicht darum, zeitgenössische Musik mundgerecht zu vereinfachen, sondern die Zuhörer werden mit der geballten Komplexität von Stockhausens Partitur konfrontiert. Diese musikalische Komplexität wird szenisch fantasievoll interpretiert und sicht- und erlebbar gemacht, nicht zuletzt durch die Liebe zum Detail, die sich auch im Bühnenbild und in den Kostümen zeigt (Valentin Köhler, Winnie Janke).
Das Motiv des Hörens durchzieht die gesamte Inszenierung: das Wahrnehmen des eigenen Klangs ebenso wie das Reagieren auf andere. Jupiter fordert das Publikum auf, in verschiedene Richtungen zu lauschen und einzelne Instrumente zu entdecken. Venus richtet ihre Aufmerksamkeit auf leise Töne. Die Sonnenwesen bewegen sich nur während des Spiels und verharren in der Stille. Besonders eindrucksvoll ist, wie Paul Hübner als Michael die Spannung in den Generalpausen hält, während er auf eine Antwort wartet – und wie der gesamte Raum dabei innezuhalten scheint.
Die enormen Leistungen der Musikerinnen und Musiker – sie spielen kammermusikalisch ohne Dirigenten, beherrschen erweiterte Spieltechniken, haben die Partitur größtenteils auswendig gelernt und schauspielern zusätzlich – dienen nicht dem Selbstzweck, sondern ermöglichen es dem Publikum, die Musikerin oder den Musiker samt Instrument als ein ganzes Klangwesen zu erleben und die Töne aus den Instrumenten als ihre Sprache wahrzunehmen.
Wenn die beiden Klarinetten XIN und ROM (Xinyu Lao und Roman Gerber) im Duett spielen, spürt das Publikum ihre Freundschaft. ALE (Posaune und Tenortuba, Alexander Belogurov) ist nicht immer einer Meinung mit Michael und streitet manchmal klanglich und gestisch mit ihm. PAT und IGO (Patricia Martins und Igor Andrić) steuern an den Synthesizern, die wie Schalttafeln aussehen, das musikalische Zusammenspiel. Das Schlagzeugwerkduo ZIL und OSC (Zilong Jiang und Oscar Tudge) arbeitet präzise und zuverlässig im Hintergrund. Die Altflöte LAU (Lauriane Boulezaz) ist die Klangfarbe, die der Crew Wärme und Geborgenheit verleiht.
Auch die Planetenwesen – es handelt sich meist um Tänzerinnen und Tänzer – bringen durch ihre Bewegungen Emotionen wie Sehnsucht, Skepsis und Freude zum Ausdruck. Beziehungen und Spannungen zwischen Crew und fremden Wesen werden dadurch nicht nur sichtbar, sondern auch körperlich erfahrbar.
So wird aus der Partitur kein abstraktes System, sondern ein sozialer Raum aus Klängen. In dieser Produktion wird eindrücklich gezeigt: Es ist nicht entscheidend, zeitgenössische Musik intellektuell zu verstehen. Viel wichtiger ist es, sie sinnlich zu erfahren und sich von ihr berühren zu lassen.
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