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Die Bühne ist in grünen Nebel getaucht. Auf ihr steht ein mehrere Meter großes, kreisrundes Podest. In der Mitte die aufgebauten Percussion-Instrumente, rechts der Chor. Dahinter drei große Lichtpanele.

Antike Wucht mit modernen Mitteln: Agamemnon am Residenztheater - Percussion-Ensemble und Chor. Foto: Birgit Hupfeld

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Eine Ahnung von Einst… Aischylos’ „Agamemnon“ im Münchner Residenztheater lässt an musikdramatische Anfänge denken

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Auch Opernliebhaber träumen gerne. Ausgerechnet eine Sprechtheateraufführung im Bayerischen Staatsschauspiel lässt selbst den total opern-verdorbenen Theaterfreund an die musikdramatischen Anfänge Europas zurückträumen: Regisseur Ulrich Rasche und Klangzauberer Nico van Wersch haben dafür eine bislang einzigartige Form entwickelt.

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Ein Träumen zurück ins Florenz des 16. Jahrhunderts: Da wollten die hochgebildeten Herren der dortigen „Camerata“ mehr als die bisherigen Kantaten, Chöre und „Intermedien“ – und fragten sich, wie diese geradezu überlebensgroßen antiken Stoffe einst bei den Griechen theatralisch bewältigt wurden; wie zum ersten auch ein zweiter und dritter Spieler kam, dazu der Chor… und welche Klänge… und wie daraus die Anfänge der Oper erwuchsen, die schließlich mit Monteverdi ihren ersten Höhepunkt erfuhren. All das füllt Bände an Fachliteratur, blüht auf Bühnen und in Orchestergräben bis heute.

Doch der Besucher der Residenztheater-Produktion des „Agamemnon“ von Aischylos erlebt live im Theater eine Rückwärtsbeschwörung, eine Ahnung von „458 vor unserer Zeitrechnung“ in Form der griechischen Tragödie, die ihrerseits eine versunkene, mythisch-dunkle Zeit um Troja und Mykene von etwa „1200 vor…“ heraufruft, die Homer um etwa „800 vor…“ niedergelegt hat. Doch es ist nicht nur irgendeine historisierende Wiederbelebung: durchweg wirken Klang, Wort und Szene wie eine bitter ernste Erzählung von Heute im Jetzt.

Da beeindruckt von Anfang an die Klangwelt – sie schlägt sie Bann und schließlich ist der Miterlebende davon überwältigt. Nico van Wersch (*1987) erfüllt das Etikett „Postgenrekomponist“. Er hat auf einem fahrbaren Bühnensteg ein komplexes Arrangement aus 24 Fichten-Balken aufgebaut und „Simantraphon“ getauft. Daneben finden sich 20 Stück Aluminium-Kantrohre als „Aluphon“. Darüber sind jeweils ein paar Gitarren-Saiten gespannt, die nur mit einem Tonabnehmer verstärkt werden. Neben Xylo- und Marimbaphon steht in der Steg-Mitte ein Set-Up von mindestens zehn Trommeln, Congas und Bongos – all das in wechselnden Kombinationen von vier, immer wieder die Positionen tauschenden Live-Musikern gezupft und gestrichen und geschlagen; sie wechseln dabei Schreit-, Sprech- und Polyrhythmen. Anfangs vielleicht noch Sehnsuchtsklang, zunehmend dunkles Dräuen, anschwellende Bedrohung und mehrfach erschlagende Wucht münden nach zwei Stunden in Überwältigung: Klänge wie von vor-orchestralem „Einst“, so fremd-dunkel, dass eine – und bald jede – Welt nach zehn Jahren Krieg beschworen scheint – urwüchsig „antik“ entrückt – und doch auch eine erschreckende Beschwörung des „Sounds“ aus Gaza, Rafah, Odessa, Donezk oder Charkiw…

Der Steg scheint über einer bis zum Ende kreisenden Scheibe zu schweben, und teilt sie in wechselnde Segmente. Zehn schwarz gekleidete Spieler schreiten rhythmisch aus dem Nachtdunkel ganz hinten durch den dauernd wabernden Nebel im ausholenden Rund; das kann der lange Heimmarsch sein in jedweden griechischen Wohnort und auch nach Mykene; ihr zweistündiges ununterbrochenes Schreiten macht dann bald alle kriegerische und eben auch nachkriegerische Mühsal in einem „So weit die Füße tragen“ geradezu belastend ahnbar: aus einem „Einst“ ins „Jetzt“ aller Kriegsheimkehrer. Dieses Ensemble bildet als Silhouetten mal eine Chor-Gruppe; dann lösen sich einzelne Stimmen ganz kurz und werden zum Individuum: ein Bote mit dem Kriegsende; zwei heimkehrende Soldaten mit der Freude, nicht in fremder Erde begraben worden zu sein; Kassandra mit ihrem fatalen Leid; kurz auch Menelaos. Ihr Sprechen erinnert anfangs an „Monodie“, alle Differenzierung weist voraus auf den dann erwachsenden Gesang, der später einmal „Oper“ werden wird.

Doch abgesondert von den kurz Umriss annehmenden Individuen und der dominierenden Gruppe schreitet eine etwas gedrungene, irgendwie bedrohlich wirkende Frauen-Silhouette – allmählich wird klar: es ist Klytämnestra – und ihre streng lauernd wirkende Körpersprache macht das jahrelang brodelnde Leid, geboren aus der Opferung der Tochter Iphigenie durch Agamemnon, sichtbar. Ihre finale Rechtfertigung des Gattenmords – Scheibe, Front des Musizierstegs und Nebel färbt die Lichtregie von Gerrit Jurda in Blutrot – wird in der kalt-klaren Sprache der Walter-Jens-Übersetzung und den unsentimentalen Klangschlägen zu einem Höhepunkt. Da war schon verstörend der tote nackte Körper Agamemnons, neben ihm die tote Kassandra, in die Scheibenmitte geschleift worden. Und alles endet mit erschreckend wummerndem Klanggedonner: Am vorderen Scheibenrand stehen Klytämnestra und Aegist, in den zehn Kriegsjahren von ihrer Sexualität zusammengeführt, doch nach Orests Sühnemorden ebenso nackte Opfer – ein im Wortsinn enthüllender Faustschlag. Blackout. 
Erst nach einer Erholungsphase wird die Musizierleistung von Sebastian Hausl, Felix Kolb, Cristina Lehaci und Fabian Strauss gefeiert. Noch stärker wird der Applaus für den Chor von Max Rothbart mit Anna Bardavalidze, Barbara Horvath, Myriam Schröder, dazu Liliana Amuat (Kassandra und Chor), Thomas Lettow (Agamemnon und Chor), Moritz Treuenfels (Menelaos und Chor), Niklas Mitteregger (Bote und Chor), schließlich Bravi für Lukas Rüpel (Aegist und Chor) und besonders Pia Händler (Klytämnestra ohne Überzeichnung expressiv zentral); unsichtbar bleibt Chorleiter Jürgen Lehmann, der über alles Skandieren und rhythmisches Sprechen, über alles Schauspiel hinaus doch auch ein „klagendes Lied“ geformt hat. Zusammengefasst: dem ganzen Team und Regisseur Ulrich Rasche ist eine fulminante Deutung gelungen, eine Beschwörung der Tragödie von „Einst“ mit Zügen des künftig beschworenen Gesamtkunstwerks, Zügen, die geradezu beängstigend dystopisch vorausweisen. Überwältigungstheater. Lang nachwirkend. Ein Maßstab.

Weitere Aufführungen 31.01., 01., 17. Und 18.02. – meist nur Restkarten; weitere Vorstellungen jeweils einen Monat zuvor auf der Website des Theaters.

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