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(von links) Deirdre Angenent (Guatemi), Friedemann Röhlig (König Helge), Statisterie des Aalto-Theaters. Foto: Matthias Jung

(von links) Deirdre Angenent (Guatemi), Friedemann Röhlig (König Helge), Statisterie des Aalto-Theaters. Foto: Matthias Jung

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Eine lohnende Entdeckung – Elfrida Andrées Oper „Die Fritjof-Saga“ in Essen

Vorspann / Teaser

Keine Frage: Insgesamt mag Elfrida Andrées Oper „Die Fritjof-Saga“ kein revolutionäres Werk der Musikgeschichte sein, doch sie stellt zweifellos eine bedeutende Wiederentdeckung dar, die Aufmerksamkeit verdient. Das Stück bietet Einblick in ein musik- und literaturhistorisch bemerkenswertes Werk einer Komponistin, die sich ihren Platz im männerdominierten Musikleben erarbeitet hatte. 

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Elfrida Andrée (1841–1929) war ihrer Zeit auf mancher Ebene voraus – als erste Domorganistin etwa und auch als erste ausgebildete Telegraphistin. Kompositorisch zeigt sie sich am Puls ihrer Epoche, mit einem klaren Drang zu individueller Ausdruckskraft. In Essen ist die szenische Umsetzung im Großen und Ganzen gelungen, und auch musikalisch überzeugt die Produktion in weiten Teilen. 

Die Oper von 1899 basiert auf einem Versepos des Dichters Esaias Tegnér, das aus der nordischen Mythologie schöpft. Das Libretto stammt von niemand Geringerer als Selma Lagerlöf, die sich – wie überliefert – intensiv mit der Komponistin über die Stoffbearbeitung austauschte. Entstanden ist eine nordische Saga, erzählt aus einer entschieden weiblichen Perspektive. Im Vergleich zur Ur-Vorlage ist die Handlung stark gerafft. Der Titelheld tritt erst im zweiten Akt auf, während die Frauenfiguren über weite Strecken das Geschehen dominieren. Dennoch handelt es sich nicht um eine feministische Oper, wenngleich der Blickwinkel eindeutig ein anderer ist. Macht, Intrigen, unerfüllte Liebe und Sehnsucht nach dem Unerreichbaren bestimmen die Handlung. Besonders bemerkenswert ist die Entscheidung Ingeborgs, der Geliebten des Titelhelden: Sie wählt statt Fritjof, der sich als Eroberer verdingt, den König als Gatten – nicht aus Leidenschaft, sondern aus Vernunft. Erst nach vielen Irrungen finden sie und Fritjof wieder zusammen – ein klassisches Happy End, das hier durchaus willkommen ist.

Auch für Andrées Oper selbst bedeutet die Essener Produktion ein Happy End. Nach früheren, stark gekürzten Konzertfassungen erklingt das Werk nun erstmals in größerer Geschlossenheit und ist auch szenisch zu sehen. Damit reiht es sich in die wachsende Zahl wiederentdeckter Werke von Komponistinnen ein – ein wichtiger Beitrag zur Korrektur musikgeschichtlicher Leerstellen. Zwar bleibt abzuwarten, ob jedes aufgefundene Werk dauerhaft Bestand hat, doch lohnt sich die Entdeckungsreise. Andrée selbst konnte ihre Oper nie vollständig hören; vielleicht hätte sie an mancher Stelle noch gefeilt, insbesondere an den Gesangspartien, die teils sperrig wirken. Dafür überzeugt das Orchester mit warmem Klang. Unter der Leitung von Wolfram-Maria Märtig spielen die Essener Philharmoniker mit Brillanz und Verve – stellenweise klingt’s nach Mendelssohn, gelegentlich nach Schumann, und doch immer wieder unverkennbar nach Andrée.

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(vorne) Mirko Roschkowski (Fritjof), (hinten) Deirdre Angenent (Guatemi). Foto: Matthias Jung

(vorne) Mirko Roschkowski (Fritjof), (hinten) Deirdre Angenent (Guatemi). Foto: Matthias Jung

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Regisseurin Anika Rutkofsky fasst die Handlung in einen modernen Rahmen: Während der Ouvertüre sieht man Ingeborg, die in einem Bunker die Geschichte Fritjofs erzählt – eine stimmige Idee, die zudem den weiblichen Blickwinkel betont. Sie verzichtet auf überwältigende Effekthascherei und legt den Fokus auf die Figuren und ihre Beziehungen. Frank Philipp Schlößmanns Bühne liefert dazu den passenden Raum – von der mystischen Waldstimmung des zweiten Akts bis zur majestätischen Schlossatmosphäre im dritten. Bente Rolandsdotters Kostüme zitieren historische Elemente, ohne gänzlich zeitlos zu wirken.

Die Gesangspartien stellen das Ensemble vor erhebliche Herausforderungen: Große Ambitus-Spannen verlangen den Sängerinnen und Sängern viel ab. So geraten Mirko Roschkowski (Fritjof) in der Höhe und Ann-Kathrin Niemczyk (Ingeborg) in der Tiefe teils an ihre Grenzen – dennoch überzeugen beide durch stimmliche Präsenz und Ausdruck. Roschkowski verleiht seinem Helden eine lyrische Leichtigkeit, Niemczyk glänzt mit warmem, facettenreichem Sopran. Auch Deirdre Angenent als Guatemi beeindruckt mit starker Bühnenpräsenz. Trotz leichter Indisposition gestaltet Andreas Hermann den König Ring glaubwürdig und mit kräftigem Tenor, nicht zuletzt in der überzeugend gespielten Sterbeszene. In Nebenrollen punkten Friedemann Röhlig (Helge), Baurzhan Anderzhanov (Hilding), Petro Ostapenko (Björn) und Almerija Delic (alte Frau) – letztere mit einem wunderbar klangvollen Mezzo. Der von Bernhard Schneider einstudierte Chor liefert ebenfalls eine überzeugende Leistung.

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