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Die letzte Seite der nmz 2026/06.

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Geniert Genie?

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Uraufführungen 2026/06
Vorspann / Teaser

Wie lässt sich unterscheiden, was an Musik Ausdruck individueller Persönlichkeit, Herkunft, Erfahrung, Fähigkeit und Zielsetzung ist und was Prägung durch allgemeine Lebensumstände, Epoche, Gesellschaft, Kultur, Ökonomie? Komponistinnen und Komponisten sind – wie alle Menschen – Kinder ihrer Zeit, die sie prägt und die sie selbst auch ein bisschen prägen, manche mehr, manche weniger. Viele schwimmen mit Moden und Trends. Einige trotzen dem Zeitgeist, indem sie sich dominierenden Normen verweigern und dadurch vom Mainstream ebenso abhängig machen. Andere versuchen aufzugreifen, was in der Welt aktuell geschieht. Wieder andere durchschauen die Begrenztheit sowohl der eigenen Vorstellungskraft als auch des zeittypischen Gemeinsinns und schaffen es dennoch, den limitierten Horizont der „Ich–Zeit“-Dyade zu übersteigen. 

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Shaftesbury, Edmund Burke und Immanuel Kant entwickelten Ende des 18. Jahrhunderts die ersten modernen Ästhetiken des Schönen und Kunst­erlebens. Die Kraft zur Hervorbringung von Kunst nannten sie „Genie“. Heute geniert uns diese Bezeichnung, weil die Kunstreligion des 19. Jahrhunderts damit herausragende Begabungen zu messianischen Heilsbringern mystifizierte. Dagegen formulierte Kant in § 46 seiner „Kritik der Urteilskraft“ gewohnt nüchtern: „Genie ist das Talent (Naturgabe), welches der Kunst die Regel gibt. Da das Talent als angeborenes produktives Vermögen des Künstlers, selbst zur Natur gehört, so könnte man sich auch so ausdrücken: Genie ist die angeborene Gemütsanlage (ingenium), durch welche die Natur der Kunst die Regel gibt.“ Genie ist demnach weder personalisiert noch eine höhere göttliche Instanz, sondern eine angeborene, naturhafte, instinktive, triebhafte Energie, die nicht bloß bekannte Regeln und Konventionen fortschreibt, sondern aus der Natur entlehnt der Kunst neue Regeln setzt. Wenn heute die meis­ten Kunst- und Musikschaffenden den Begriff „Genie“ ablehnen, erhoffen sie dennoch weiterhin für sich und ihre Arbeit eben das, was Kant darunter verstand: Originalität, Kreativität, Innovation, Paradigmenwechsel, Regelbruch, Widerständigkeit, Nonkonformismus, Fantasie…

Allein in Köln dürfen im Laufe des Juni etliche neue Werke zum ersten Mal öffentlich ihre ästhetische Eigengesetzlichkeit unter Beweis stellen. Am 14. Juni erklingt in der Kölner Philharmonie die Uraufführung des für das Trio Concept komponierten „Save Pepe – Variationen über das traurige Frosch-Meme und L’amour toujours“ von Clemens K. Thomas. Ebenda folgen dann am 19. Juni bei der WDR-Konzertreihe „Musik der Zeit“ zwei weitere Novitäten: von Anda Kryeziu das Orches­terstück „Timestamps – everything leaves a Trace“ und von Alex Paxton „Tunes to Live With“ für Jazz Voice, Big Band und Sinfonieorchester, uraufgeführt von Sofia Jernberg und den WDR-Klangkörpern unter Leitung von Jonathan Stockhammer. Am 29. Juni spielt das Ensembles Musikfabrik dann bei seinem Montags-Konzert in seinem Studio im MediaPark Köln – wie immer zu freiem Eintritt – erstmalig Manuel Hidalgo Navas’ „Silence Became Infinite“ für Blechbläserquartett und Elektronik. Mögen all diese Stücke Ingenium zeigen, auf dass dadurch ein Genius zum andern spreche!

Weitere Uraufführungen:

  • 29.05.–12.06.: blaues rauschen, Festival für Digital Sound Experiments, Electronic Music, Performance/Dance und Installation, acht Städte im Ruhrgebiet
  • 02.06.: Sofia Jernberg, neues Werk für Ensemble Inverspace, BKA Theater Berlin
  • 04.–07.06.: intersonanzen – Brandenburgisches Fest Neuer Musik in Potsdam und Eberswalde
  • 07.06.: Ernstalbrecht Stiebler, Langes Werk für Cello und Delay, Ölberg-Kirche Berlin
  • 09.06.: Sam Hayden, Anda Kryeziu, neue Werke für Duo Nada Contra, BKA Theater Berlin
  • 12.06.: Jüri Reinvere, Das Lied von den zwei Erden, musica viva, Herkulessaal München
  • 19.–21.06.: Scenatet und Hannes Seidl, Commune – ein Happening, basis Frankfurt
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