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Alle Artikel kategorisiert unter »Ästhetik«

Genozidales Potenzial?

29.06.21 (Rainer Nonnenmann) -
Alles Neue übt Kritik an Bestehendem. Auch in neuer Musik manifestiert sich kritischer Geist, jedoch meist nicht eindeutig und direkt greifbar, sondern auf unterschiedliche Weise, auf verschiedenen Ebenen, in mehrere Richtungen, thematisch unbestimmt, strukturell variabel, vielgestaltig, assoziativ, auratisch, schillernd, vage, traum- und rätselhaft. Der Innovationsdrang der westlichen Moderne führt folglich – könnte man denken – zu wachsender Ausdifferenzierung, Pluralität und Uneindeutigkeit. Die Kunsthistoriker Christian Saehrendt und Steen T. Kittl schreiben daher in ihrem Buch „Ist das Kunst oder kann das weg?“ (2016) der Kunst insgesamt die Fähigkeit zu, eben das auszubilden, „was die Psychologen ,Ambiguitätstoleranz“ nennen – die Fähigkeit, Mehrdeutigkeiten, unlösbare Widersprüche und Ungewissheiten auszuhalten, nicht nur bei anderen, sondern auch bei sich selbst.“ Das klingt vielversprechend. Doch stimmt es auch? Wird die helfende Kraft von Kunst, „eine differenziertere Gefühlskultur zu entwickeln“, womöglich idealisiert?

Mehr Kultur-Futurismus wagen

21.04.21 (Martin Hufner) -
Es ist ziemlich genau 100 Jahre her, als Bruno Jasienski am 21. April 1921 seinen Aufruf „An das polnische Volk. Manifest in Sachen der sofortigen Futurisierung des Leben“ veröffentlicht hat. Da lag Europa gerade zu Boden, die Folgen des Ersten Weltkriegs und der Ausbreitung der Spanischen Grippe haben auch die Kulturlandschaft zerfurcht. Aufbruch, Restauration und neue Dekadenz starteten zeitgleich. Jasienski stellte nüchtern fest: „Eine Kunst, die in Konzertsälen, Ausstellungen, Kunstpalästen usw., die für einige hundert oder sogar einige tausend Menschen geschaffen worden sind, beherbergt ist, stellt ein lächerliches, anämisches Kuriosum dar, denn sie erreicht nur 1/1.000.000.000 aller Menschen.“ Daran hat sich bis heute nicht viel geändert, aber doch einiges

I can’t dance

19.03.21 (Gordon Kampe) -
Welt, sei tapfer! Die Nachricht ist bitter: Ich tanze kein Ballett. Ich würde es gern, denn mein Körper ist ne Wucht und meine Mooves sind der Hammer. Aber ich ahne: Profis können das besser. Da ich das einsehe, fühle ich mich meiner demokratischen Grundrechte nicht beraubt und werde die vier kleinen Schwäne nur im Wohnzimmer aufführen. (Komponieren kann ich auch nicht und mach’s trotzdem, schon klar.)

Kunst und Kultur – ein Sonderfall ?

31.12.20 (Moritz Eggert) -
In diesen verrückten Zeiten, die in einem bisher nicht gekannten Maße von Verschwörungsglauben und Hys­terie geprägt sind, muss man sich ab und zu mal kneifen und wie ein Mantra wiederholen: Erstens: Es ist nicht die erste Pandemie in der Weltgeschichte, und zweitens: Es ist nicht das erste Mal, dass man Quarantänen wie die jetzigen benutzt, um diese einzudämmen.

Arbeit

08.12.20 (Gordon Kampe) -
Da stand es, schwarz auf weiß, und es war klar, dass es mich irgendwann treffen würde: „Arbeit“! Mein schönes, neues Stück wurde lapidar „Arbeit“ genannt! Dabei hatte ich mir so viel Mühe gegeben, dass es nicht nach Arbeit klingen möge. Bitter.

Schwindendes Medium eines Klanges

11.09.20 (Dieter David Scholz) -
Schon der Musikkritikerpapst der Wagnerzeit, Eduard Hanslick, sprach von „specifischen Wagner-Sängern“, deren Vorzüge „der declamatorische Vortrag und die eminent dramatische Darstellung“ zu sein hätten. Genau­eres sagte er allerdings nicht. Wagner schwebte eine Anpassung der traditionellen Gesangstechnik an die Ansprüche seiner Musikdramen vor. Wie auch immer die zu bewerkstelligen sei. Jedenfalls entsprachen die meis­ten Sänger seiner Zeit nicht seinen Vorstellungen. Selbst seine Bayreuther „Ring“-Sänger stünden sängerisch auf „zu hohen Kothurnen“.

Kunst oder Haltung?

30.06.20 (Rainer Nonnenmann) -
Wie manche Politikerinnen und Politiker – linke, rechte, liberale, gemäßigte oder extreme – fordern auch immer mehr Künstlerinnen und Künstler von sich und anderen, man müsse „Haltung zeigen!“. Entscheidend sei weniger, was und wie man etwas tut, sondern welche Haltung man dabei an den Tag legt. Was das freilich sein soll, wofür oder wogegen, bleibt indes meist unklar bis schwammig.

Beruhigt Euch

02.01.20 (Gordon Kampe) -
Um mit den Worten eines berühmten Bochumer Philosophen zu beginnen: „Früher war nichts besser. Aber es gab Sachen, die waren früher gut!“ Zum Beispiel: das Streiten. Himmel, was wir uns gestritten haben. Nach Klassen­abenden und Konzerten, in der Kneipe oder noch beim Vibraphon-Verstauen im Keller: „Das kannste so nicht machen! Das hat doch schon … ne, das ist ein Allgemeinplatz. Uiuiui.“ Glasklar aber war: wir sitzen im gleichen Boot. Wir wurden nicht persönlich, sondern feierten einfach weiter. Manchmal vermisse ich das, auch wenn zäher Widerspruch der Eitelkeit ja nicht immer guttut.

Alle Kunst für jeden?

06.12.19 (Rainer Nonnenmann) -
Es ist richtig und wichtig, die Arbeit von Programmmachern kritisch zu befragen. Warum werden welche Ensembles, Künstlerinnen und Künstler ausgewählt? Was sind die Kriterien oder pragmatischen Entscheidungen für die Gestaltung dieses Festivals oder jenes Konzerts?

Irre Relevanz

29.06.19 (Rainer Nonnenmann) -
Um 1800 begannen Komponisten, verstärkt Auskünfte über die von ihnen komponierten Werke zu geben. Sie sprachen oder schrieben über Ideen, Techniken, Deutungen und erhoben Ansprüche. Sie hofften auf bessere Resonanz und Wirkung ihrer Arbeit bei Publikum, Mäzenen, Zeitgenossen und Nachwelt. Daran hat sich bis heute wenig geändert. Und dennoch gibt es gegenwärtig fundamentale Verwerfungen. Akteure der neuen Musik geben sich nicht länger zufrieden, ihre Arbeit zu erklären, damit diese besser gehört sowie an andere Kontexte und Lebenserfahrungen angeschlossen werden kann. Statt Hörerinnen und Hörer sich eigene Meinungen über Wert und Bedeutung des Erlebten machen zu lassen, reklamiert man immer ausdrücklicher und lauter Aufmerksamkeit, Wichtigkeit und Aktualität.
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