Eigentlich kann man Pauls Wahnsinn in Erich Wolfgang Korngolds Oper heute kaum noch nachvollziehen: Nach dem symbolistischen Roman „Bruges -la-Morte“ (1892 von Georges Rodenbach) in dem Libretto von Paul Schott hat Paul nach dem Tod seiner Frau Marie, der „Heiligen“, in einem Zimmer die „Kirche des Gewesenen“ eingerichtet. Es ist voll mit Utensilien, wovon die wichtigsten ein Haarschopf, ein Schal und eine Laute sind. „Hier ist alles kalt und gespenstisch“: Die Haushälterin Brigitta sagt es gleich am Anfang. Die Oper ist nach ihrer Uraufführung 1920 die erfolgreichste Oper des Jahrhunderts gewesen, sie wurde an damals achtzig (!) Bühnen in aller Welt nachgespielt. Die Musik des 22-jährigen Komponisten, verehrt von seinem Lehrer Alexander Zemlinsky, ist ein genialer, in sich eigenständiger Verschnitt aus Puccini, Richard Strauss, auch Richard Wagner, ein recht eigenständiges Wandern zwischen Spätromantik und Expressionismus mit Ohrwürmern wie „Glück, das mir blieb“. Wieder ist diese Oper auf zahlreichen Bühnen zu erleben und das krankhafte Verhalten Pauls scheint heutige Männer durchaus zu erreichen: in der Unsicherheit für die Frage, was Männlichkeit ist, offensichtlich von einer gewissen Aktualität.
Meredith Hoffmann-Thomson (Marietta). Foto: Heiko Sandelmann.
„Meine Gattin, meine Heilige“ – Erich Wolfgang Korngolds „Die tote Stadt“ in Bremerhaven
In der Inszenierung von Johannes Pölzgutter kann man dem Wahnsinn und seinem wahrhaft toxischen neuen Beziehungsversuch Pauls zur der Marie so ähnlich sehenden Tänzerin Marietta emotional vollkommen folgen, so sehr profiliert Pölzgutter geradezu psychoanalytisch die Charaktere und Ereignisse, die in eine Psycho-Thriller-artige Dichte geraten, als Paul sich die Vorstellung von Mariettas Theatertruppe ansieht. Da ist an erster Stelle Michael Müller-Kasztelan als Paul zu nennen, der zunehmend in seinem Wahnsinn verkommt und herausragend eine der schwersten Tenorpartien überhaupt ohne sichtbare Mühe singt. Dann ebenso überragend Meredith Hoffmann-Thomson, neues Ensemblemitglied: Zusammen mit höchst anspruchsvollem Gesang formt sie die die tote Marie herausfordernde Marietta, kämpft wild und verletzt, nennt die „Kirche des Gewesenen“ einen „öden Trödelladen“ und verhöhnt Paul wegen seines Glaubens. Und Boshana Milkov als Pauls Haushälterin Brigitta, die ihn aus katholisch-moralischen Gründen verlässt, ist eine weitere profilierte Charakterstudie, ebenso wie Marcin Hutek als Pauls Freund und Widersacher Frank.
Michael Müller-Kasztelan (Paul), Boshana Milkov (Brigitta), Meredith Hoffmann-Thomson (Marietta). Foto: Heiko Sandelmann.
Das Bühnenbild – auch von Pölzgutter - lässt sozusagen in einer ersten Etage (im Himmel?) die tote Marie sitzen, die alles im Griff zu haben scheint. Und die bedeutungsträchtigen Kostüme (Katharina Heistinger) erzählen ihrerseits die Morbidität und Verrücktheit der Geschichte: die Brüsseler Spitze, die Brigitta trägt, das Kleid, in dem Marietta wie Marie aussieht, die in der Prozession gezeigten neuesten Kleiderdesigns, und vieles mehr: So viel hier vieles unversöhnlich aufeinanderprallt, so sehr stimmts auch. Am Ende bleibt offen, ob Pauls von katholischem Schuldbewusstsein geprägter Wahn seinen Weg ins Verbrechen gefunden hat: Er erdrosselt Marietta mit dem Haarzopf von Marie. Oder ist auch das nur ein Traum? Ein „Traum der Fantasie“, wie Paul sagt, ein Traum, der ihn von dem psychotischen Erinnerungsfanatismus erlöst oder auch, weil die Realität des Schlusses offenbleibt, erlösen kann.
Es war die letzte Einstudierung von Marc Niemann, der nach 12 Jahren als Generalmusikdirektor Bremerhaven verlässt. Und mit dem Philharmonischen Orchester Erinnerungen an stets hochgepeitschte Emotionen hinterlässt. So war auch diese Aufführung von unter die Haut gehenden seelischen Kräften und von einem regelrechten Röntgenblick erfüllt, die die Frage nach einem Eklektizismus und einem Anachronismus dieses kompositorischen Stiles gar nicht erst aufkommen ließ. Standing Ovations.
Die nächsten Aufführungen:
- 8., 17., 28. und 30. 5 2026 am Stadttheater Bremerhaven
- Share by mail
Share on